Vor zwei Wochen ist das Cannstatter Volksfest zu Ende gegangen. Und in den Büros und Fabriken, Verkaufstheken und Fahrerständen lichten sich die Reihen. Die Nachfrage nach Corona-Schnelltests zieht an, Schutzmasken werden im Drogeriemarkt wieder deutlich sichtbar platziert. Die Erkältungssaison ist da. Wirkte das Cannstatter Volksfest als eine Art Brandbeschleuniger?
Als der Wasen vergangenes Jahr erstmals seit der Pandemiepause wieder stattfand, fanden sich dafür Hinweise, beispielsweise im Stuttgarter Abwasser. Unsere Redaktion hat deshalb bei den Gesundheitsämtern nachgefragt sowie weitere Daten ausgewertet – weil sich zwei Wochen nach Ende des Wasens zeigen müsste, ob die Infektionszahlen, nicht nur bei Corona, durch das Volksfest in die Höhe getrieben wurden.
In der Region steigen die Werte schneller
Die Daten aus den Gesundheitsämtern zeigen: Die Zahl der bestätigten und gemeldeten Corona-Infektionen nimmt wieder deutlich zu. In der Region Stuttgart steigen die Werte schneller als auf Landesebene: In der Region betrug der wöchentliche Zuwachs zuletzt knapp 50 Prozent, im Land waren es plus 30 Prozent. Für die noch laufende Woche hat nur das Gesundheitsamt Göppingen Daten gemeldet, die auf eine weitere Beschleunigung schließen lassen.
Man kann in diesen Werten einen Wasen-Effekt sehen. Endgültig klären lässt sich die Frage nach dem Volksfest als Infektionsherd aber nicht, weil sich ein eindeutiger Ort der Ansteckung auch im Einzelfall nicht ausmachen lässt. Entsprechend zurückhaltend beurteilen die Gesundheitsämter die Werte. Der Anstieg etwa im Kreis Esslingen sei nicht „ausschließlich auf den Besuch des Cannstatter Wasen zurückzuführen“, so die Sprecherin des Landratsamts, Andrea Wangner. Die Zunahme könne sowohl auf einen „Wasen-Effekt“ als auch auf einer saisonal üblich bedingten Zunahme basieren.
Ein Blick ins Abwasser
Das Göppinger Gesundheitsamt schreibt: „Sicherlich ist bei einer Großveranstaltung wie dem Cannstatter Wasen das Übertragungsrisiko von Atemwegserkrankungen erhöht. Ob die Infektionszahlen im Kreis aber allein darauf zurückzuführen sind, ist offen.“ Das Stuttgarter Gesundheitsamt verweist auf Analysen des Abwassers. Im Oktober 2022 sprangen die Hinweise auf Coronaviren auf sehr hohe Werte, im Mai 2023 ebenfalls. Derzeit bewegen sie sich auf eher niedrigem Niveau. Wenn es einen „Wasen-Effekt“ gibt, dann fällt er schwächer aus als im Vorjahr.
Die Zahl der pro Woche erfassten Covid-19-Fälle bewegt sich in den meisten Landkreisen im hohen zweistelligen oder niedrigen dreistelligen Bereich. Wie hoch sie wirklich sind, kann infolge der weggefallenen Testpflicht sowie schwindender Möglichkeiten als auch einer mittlerweile vielfach geringeren Bereitschaft, sich testen zu lassen nur noch geschätzt werden. Das RKI tut das mit seinem Grippeweb-Panel, an dem bundesweit mehr als 6000 Personen teilnehmen. Es schätzt die aktuelle Covid-19-Inzidenz auf einen Wert zwischen 545 und 1020 Fällen je 100 000 Einwohner. Das Landesgesundheitsamt veröffentlicht ebenfalls wöchentliche Analysen zu Covid-19. In Stichproben werden Corona-Infektionen derzeit besonders häufig bei 40- bis 59-Jährigen nachgewiesen.
Jeder Zwölfte ist erkältet
Relativ hoch ist der Anteil derer, die derzeit unter Erkältungssymptomen leiden. Das RKI geht davon aus, dass aktuell etwa jeder Zwölfte Husten, Halsschmerzen oder Fieber hat – so viele waren es auch vor der Pandemie fast nie, zudem liegt der Wert auf dem Niveau des Vorjahres. Es ist also mehr als nur ein Bauchgefühl, dass derzeit viele Menschen krank sind, ob mit Covid-19 oder „nur“ einer Erkältung. Volksfeste wie der Cannstatter Wasen haben schon vor der Pandemie eher nicht dämpfend gewirkt.
Vergangenes Jahr kam die saisonal typische Grippewelle relativ früh. Dieses Jahr spielt die Grippe allerdings noch kaum eine Rolle. Alle Landkreise vermelden bislang lediglich einzelne Influenza-Fälle. Insgesamt bewege sich deren Zahl noch einmal unter jenem niedrigen Niveau aus dem Vorjahr. Dennoch rechnen Experten, dass die Influenza im Lauf des Winters noch erheblich an Bedeutung gewinnen wird. Eine Impfung sei deshalb dringend zu empfehlen. Es gibt sie auch in Kombination mit einer Corona-Auffrischungsimpfung.