Im Bodensee vor Eriskirch sollte man lieber nicht baden, urteilen zum dritten Mal hintereinander die Gewässerprüfer der Europäischen Union. Jetzt laufen Maßnahmen gegen die Schmutzfracht an, die der Fluss Schussen anspült.

Politik/Baden-Württemberg: Rüdiger Bäßler (rub)

Eriskirch - Wenn die Freibadsaison beginnt, ist Zeugniszeit. Dann setzt es was für die Gemeinde Eriskirch am Bodensee. Nach der Ausgabe der Noten steht sie da als fauler Sitzenbleiber, und das ausgerechnet im schwäbischen Paradefach, der Sauberkeit. Die strengen Wasserprüfer der Europäischen Umweltagentur EEA haben dem kommunalen Seefreibad auch in diesem Jahr wieder ein Mangelhaft verpasst, zum dritten Mal in Folge. Der Bürgermeister Markus Spieth kriegt immer, sobald die Medien groß berichten, E-Mails von enttäuschten Urlaubsinteressenten, die woanders buchen, etwa im benachbarten Langenargen oder „lieber in Wasserburg“. Der Rathauschef ist davon genervt. „Das schadet uns natürlich.“

Ein kleiner Teerweg windet sich aus der Ortsmitte durch das Ried zum kostenlosen Bad-Parkplatz. Während der Irisblüte von Mitte Mai bis Anfang Juni leuchten die Wiesen hier förmlich auf. Die üblichen Seetouristen interessieren sich aber mehr für hübsche Promenaden und schattige Eiscafés. Auf 40 000 Übernachtungen kommt die Gemeinde jährlich, das benachbarte Langenargen hat fünf Mal mehr. Zwei Hotels, das größere davon mit 14 Zimmern, ein paar Privatvermieter und das Gästehaus der Steyler Missionsschwestern im Ortsteil Moos reichen völlig aus, den Bettenbedarf zu decken. Das Seefreibad mit seinen ausladenden Rasenflächen, dem beheizten Schwimmbecken und dem herrlichen alten Baumbestand müsste eigentlich ein riesiger Anziehungspunkt sein. So wie es läuft, wird es immer mehr zur Imagebelastung.

Dabei sind, detailliert betrachtet, die Chancen, im Bodensee vor Eriskirch zu schwimmen und das Wasser ohne Schäden wieder zu verlassen, ganz ausgezeichnet. Von erkrankten Gästen ist noch nie etwas bekannt geworden, und Entenwürmer kann man sich, wenn es dumm läuft, auch auf der Schweizer Seite oder am Untersee einfangen. Viele ältere Einwohner interessieren sich überhaupt nicht für die Tabelle am Kassengebäude, in der die Messwerte der Fäkalbakterien verzeichnet werden. Sie schwammen schon in den 60er Jahren trotzig in ihrem Seebad, als der Ort noch keine Kläranlage besaß, aber eine florierende Papierfabrik in Baienfurt all ihr Abwasser in den Fluss Schussen leitete. Damals galt ein ganzjähriges Badeverbot.

Die Schussen fließt heute wesentlich sauberer durch das Land, aber sie blieb immer das zentrale Problem der Mündungsbewohner. Der Bürgermeister Markus Spieth zeigt auf ein posterartig vergrößertes Luftbild im Flur vor seinem Büro, auf dem die Begradigungen des Wasserlaufs Ende des vorigen Jahrhunderts zu sehen sind und das große Mündungsdelta, das sich über Jahrhunderte im See gebildet hat.

Den Naturschützern ist Artenerhalt wichtiger als Tourismus

Wäre das teilweise Ausbaggern des Grundes in Ufernähe erlaubt, ließe sich erreichen, „dass das Wasser nicht ins Bad strömt“, sagt Spieth. Doch das Strandbad ist eingeklemmt in das sechs Kilometer breite Naturschutzgebiet Eriskirch, einem Rückzugsort seltener Pflanzen und Wasservögel. Den strengen Naturschutzverbänden ist der Artenerhalt allemal wichtiger als das Touristengeschäft der Gemeinde.

Die Schussen ist braun, ein Moorfluss, erheblich wärmer als beispielsweise die benachbarte Argen. Diese entspringt im Allgäu, ihr Wasser sinkt aufgrund der recht hohen Dichte beim Eintritt in den Bodensee rasch in die Tiefe. Das Schussenwasser dagegen bleibt an der Oberfläche und braucht, je nach Windstärke, anderthalb Tage, bis es sich verteilt hat. Es gibt Strandbäder am See, da massiert beim Hineingehen feiner Sand die Fußsohlen, anderswo stechen Steine in die Haut. Vor Eriskirch quetscht sich der Schlamm durch die Zehen, und hinter den Badenden steigen beim Waten durch das Flachwasser braune Wolken wie aus kleinen Vulkanen auf.

Seit 30 Jahren schreitet der Hygieneinspektor des Gesundheitsamts in Friedrichshafen regelmäßig mit seiner Messapparatur durch das Eriskircher Bad, schöpft Wasser aus dem See und reicht es zur Laboruntersuchung weiter. „Die EU ist streng“, sagt er. Seit 2011 ist der Friedrichshafener Behörde auferlegt, während der Badesaison an jedem zweiten Dienstag Proben zu ziehen. Noch sei diesen Sommer kein Grenzwert überschritten worden, sagt der Prüfer. Aber ob Eriskirch bis zum Herbst ohne Beanstandung durchkommt, ist noch nicht heraus. „Eine Messung daneben – Saison vorbei“, klagt der Bürgermeister.

Von ihrem Ursprung in Bad Schussenried im Kreis Biberach aus windet sich die Schussen 62 Kilometer lang durch Oberschwaben, nimmt dabei Wasser aus dem Federsee mit, rauscht durch den Schussentobel bei Durlesbach, passiert das Industrie- und Handelszentrum Ravensburg, lässt Meckenbeuren hinter sich und geht am Ende, angereichert noch mit dem Wasser der Wolfegger Ach, in den Bodenseefluten auf. An diesem Weg, für den das Wasser bei ruhigem Wetter 24 Stunden braucht, liegen nicht nur Natur- und Städteschönheiten, sondern 19 moderne und weniger moderne Kläranlagen. Kommt es zu Gewittern oder anhaltenden Regenfällen, wird das Flüsslein schnell zum Bakterienpfuhl.

Die rote Flagge am See

Kommen die Kläranlagen an ihre Grenzen, wird Wasser per „Notentlastung“, also unbehandelt, in die Schussen geleitet. In Gerbertshaus bei Meckenbeuren, ein paar Kilometer im Hinterland gelegen, befindet sich eine Pegelmessstelle. Steigt der Fluss, bekommen die Schwimmmeister im Eriskircher Freibad automatisiert eine Kurznachricht auf das Diensthandy. Sie müssen dann innerhalb einer Stunde eine weithin sichtbare rote Flagge hissen und alle Badegäste auffordern, aus dem Wasser zu steigen. Ist der Schussenpegel dann wieder gesunken, bleibt die rote Flagge aus Sicherheitsgründen noch einen Tag lang draußen. Erst danach wird wieder grünes Tuch gehisst. Das System wurde vor fast 20 Jahren aufgebaut. Mit Sicherheit, sagt der Bürgermeister Spieth, sei Eriskirch das „bestüberwachte Bad“ am ganzen Bodensee.

Die Schussen könnte so sauber sein, dass es der Flaggen nicht mehr bedarf. Aber vorher müssten die Schussen-Kommunen knapp 50 Millionen Euro in die Hand nehmen. Das legt ein von Bund und Land finanziertes Forschungsprojekt der Ökologin Rita Triebskorn von der Universität Tübingen nahe, dessen Ergebnis Ende April veröffentlicht wurde. Würden alle Kläranlagen mit einer vierten Reinigungsstufe ausgerüstet, könnte man dem Fluss pro Jahr rund 100 Kilogramm der Industriechemikalie Benzotriazol, rund 40 Kilogramm des Schmerzmittels Diclofenac und weitere Spurenstoffe ersparen, so die Feststellung.

Zusätzlich könnte das Infektionsrisiko durch resistente und nicht resistente Bakterien an der Schussenmündung deutlich verringert werden. Ob am wirksamsten zusätzlich mit Ozon, granulierter Aktivkohle oder Sandfilter gereinigt werden sollte, so die Wissenschaftlerin Triebskorn, müsse dann individuell abgestimmt werden.

Die Kommunen wollen jetzt handeln

Die Rathäuser von Eriskirch, Meckenbeuren und Tettnang, vereint im Zweckverband Wasserversorgung unteres Schussental, wollen baldmöglichst handeln. Drei Millionen Euro sind zur Verbesserung der Wasserqualität budgetiert. Der Gemeinderat von Eriskirch denkt außerdem an den Bau weiterer Auffangbecken und plant in Zusammenarbeit mit dem Regierungspräsidium Tübingen eine Uferrenaturierung beim Freibad. Das Planfeststellungsverfahren ist frisch angelaufen. Für 300 000 Euro soll eine „schiefe Ebene“ in den See gebaut werden. Der Wellenschlag in Uferkies hinein müsste die Sauerstoffversorgung verbessern, sagt Bürgermeister Spieth. „Unterschreiben tut uns das aber keiner.“

Bis zu 300 000 Euro jährlich lässt sich die 4800-Einwohner-Gemeinde das Seefreibad kosten. Kürzlich sind die Sanitäranlagen und die Umkleiden für 800 000 Euro saniert worden. Der Ort hat keine Musikschule, keine Bücherei oder ein Theater – nur das Bad. „Natürlich ist es für uns alleine viel zu groß“, sagt der Bürgermeister Spieth. „Aber die Bürger wollen es.“

Am Horizont kratzt die Sommersonne am Gipfel des Säntis. Kinder kreischen vergnügt in ihren Gummibooten. Die grüne Flagge ist draußen, in der Hitze versucht sie zu flattern und gibt es wieder auf. Würde sie doch niemals mehr eingezogen.