Eisenmann will ein neues Übergabekonzept: „Angesichts der zunehmenden Leistungsunterschiede und der ganz individuellen Belange der Kinder müssen die weiterführenden Schulen so früh und so genau wie möglich wissen, welche Kinder ihre Schule besuchen werden.“ Sie erklärte gegenüber unserer Zeitung: „Wir wollen eine solide und verlässliche Beobachtung des einzelnen Schülers.“ Diese sei „gerade beim Wechsel der Schule von besonderem Gewicht“.
Mehr Vergleichsarbeiten
Beobachtungen und Erfahrungen der Lehrkräfte, die in der Grundschulempfehlung münden, sollen „durch gezielte Lernstandsüberprüfungen ergänzt werden“, kündigt ihr Sprecher an. Das Institut für Bildungsanalysen (IBBW) arbeite an einem neuen Konzept zentraler Lernstandserhebungen, also Vergleichsarbeiten, für die Grundschulen. Dieses solle zum kommenden Schuljahr 2020/21 eingeführt werden. „Lehrkräfte sollen zukünftig zusätzliche Hinweise erhalten, um die Kinder gezielter fördern und besser auf den Übergang vorbereiten zu können“, beschreibt Eisenmann den Hintergrund des Vorhabens.
Vorbild Bayern
Gleichzeitig soll die Übergabe von der Grundschule an die weiterführende Schule „transparenter“ werden, daran arbeite das Kultusministerium. Vorbild sei Bayern. Dort würden Unterlagen, die über den Werdegang des Schüler Aufschluss geben, weitergegeben. „Das ist im Interesse des Schülers. Es soll seinen Start an der weiterführenden Schule erleichtern. Davon profitiert er am Ende, und deshalb wollen wir das auch“, erklärte Eisenmann gegenüber unserer Zeitung. Derzeit müssen Eltern im Südwesten beim Übergang auf die weiterführende Schule die Grundschulempfehlung vorlegen, nicht aber Zeugnisse. Auch darf die Grundschule keine Informationen ohne Zustimmung der Eltern weitergeben.
In Bayern müssen Eltern das Übertrittszeugnis ihrer Viertklässler bei der weiterführenden Schule vorlegen. Es enthält nach Auskunft des bayerischen Kultusministeriums die Jahresfortgangsnoten in allen Fächern sowie die Gesamtdurchschnittsnote aus Deutsch, Mathematik sowie Heimat- und Sachunterricht. Bei einem Schnitt bis 2,33 wird das Gymnasium empfohlen. Dazu kommen eine Bewertung des Sozial-, sowie des Lern- und Arbeitsverhaltens und eine zusammenfassende Schullaufbahnempfehlung.
GEW hält Empfehlung für überschätzt
Noch ist das Konzept nicht bekannt. Experten gehen aber davon aus, dass in der Grundschule zusätzlich zu den Vergleichsarbeiten Vera 3 in der dritten Klasse, zentrale Klassenarbeiten in den Klassen 2 und 4 eingeführt werden. Das weckt Befürchtungen – vor allem, dass zentrale Arbeiten in Klasse 4 sich auf die Grundschulempfehlung auswirken und der Übergang auf das Gymnasium erschwert wird.
Die GEW-Vorsitzende Doro Moritz, hält nichts von Verschärfungen. „Die Grundschulempfehlung war noch nie eine zuverlässige Prognose für die Schullaufbahn und wird es auch nie sein“, sagte Moritz unserer Zeitung. Sie weist darauf hin, dass die Quote der Grundschulempfehlungen für das Gymnasium seit 2011/12, dem letzten Schuljahr der Verbindlichkeit, von 50,4 auf 46,7 Prozent 2018/19 gefallen sei.
Moritz betonte: „Die GEW lehnt die Wiedereinführung einer stark bindenden Grundschulempfehlung ab, wie sie von der Kultusministerin offenbar mit zentralen Klassenarbeiten in Klasse 4 beabsichtigt ist. Hohe Schulqualität und bessere Schülerleistungen werden durch echte Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten erreicht und nicht durch jährliche Tests.“
Grüne skeptisch
Auch der grüne Koalitionspartner beugt möglichen Verschärfungen von vorneherein vor. Sandra Boser, die Bildungspolitikerin der Grünen, sagte unserer Zeitung: „Wir halten es nicht für sinnvoll, dass zentrale Orientierungsarbeiten als Teil der Grundschulempfehlung herangezogen werden, da hier wie bei jeder Prüfung die individuelle Tagesform oder Nervosität eine große Rolle spielen können.“
Es sei jedoch zu begrüßen, dass sich das IBBW mit der Qualitätsentwicklung an Grundschulen auseinandersetze. „Lernstandserhebungen können dafür ein sinnvoller Baustein sein“, gesteht Boser zu. „Denn sie geben Eltern, Lehrern und Schülern eine Orientierungshilfe und schaffen Transparenz über den Kenntnisstand innerhalb einer Klasse.“ Allerdings müssen solche Ergebnisse in ein systematisches Bildungsmonitoring eingebettet werden, das auch die Lernentwicklung über längere Zeit in den Blick nehme.
Leistungsvergleich und Grundschulempfehlung
Beim Bildungstrend, den das Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) im Oktober vorgelegt hat, wurde verglichen wie Neuntklässler die bundesweiten Standards in Mathematik, Biologie, Chemie und Physik erreichen. Bayern und Sachsen lagen vorn, Baden-Württemberg kam in Mathematik auf Platz vier, in den Naturwissenschaften auf den deutschen Durchschnitt.
Eine Ursache für den Leistungsabfall an Gymnasien könnte laut Eisenmann der Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung sein.