Eine Belastung sieht die außerhalb von Nordrhein-Westfalen unbekannte 28-Jährige in der prominenten Vorgängerriege nicht. „Diese Namen stehen für sich – es sind große Persönlichkeiten, auf jeden Fall“, sagt sie. „Aber dahinter stehen ja immer noch die Jusos als Verband.“ Das Team-Verständnis habe sie in den vergangenen Jahren immer stärker gemacht.
„Die Zeit, vor uns hinzudoktern, ist vorbei“
Kevin Kühnert, der bereits zum Parteivize aufgestiegen ist und in einem Jahr in den Bundestag einziehen will, hat die Jusos geprägt wie kein Zweiter vor ihm. Ohne ihn wäre das Führungsduo der Mutterpartei wohl ein anderes. Seine starke Stellung könnte sich für Rosenthal noch als Bürde erweisen. „Es geht da weniger um mich“, sagt die Bonnerin. „Entscheidend ist, dass wir Jusos weiterhin der taktgebende Faktor in der Partei sind.“ Keine Jugendorganisation sei so sehr auf Augenhöhe der politischen Debatte gewesen. „Auch in den Parlamenten dieser Republik wollen wir mitgestalten, damit unsere Generation eine Stimme hat.“
Über eigene Ambitionen redet sie nicht so gern; sie hat eine Abneigung gegen den „Personenkult“, „von dem weder Kevin noch ich etwas halten“. Auch mag sie keine Unterschiede zu Kühnert erkennen lassen. „Wir haben die Entscheidungen der letzten Jahre immer als Team getroffen“, sagt sie. Allenfalls den Hinweis, dass sie als Frau über strukturelle Ungleichheiten in der Gesellschaft noch konkreter reden könne, lässt sie sich entlocken. Lieber redet Rosenthal über große Ziele: Angesichts von Corona-Krise, Klimakrise oder Digitalisierung „ist die Zeit, vor uns hinzudoktern, vorbei – wir müssen die großen Räder drehen“. Schon im Bundestagswahlkampf werde es „darauf ankommen, dass die SPD da Angebote macht“. Im Hinblick auf das Wahlprogramm werde „noch einiges zu besprechen sein“, warnt sie die Parteioberen schon mal vor.
CDU ist „inhaltlich völlig entkernt und ausgebrannt“
Der Parteirebell Kühnert hatte die große Koalition mit seiner Kampagne fast gekippt – jetzt hält die Groko wohl doch bis zum letzten Tag durch. Die Kritik an dem Bündnis habe Bestand, sagt seine Nachfolgerin in spe. „Aber die Befürworter der großen Koalition hatten eine Mehrheit beim SPD-Mitgliedervotum, dann halten wir uns an diese Entscheidung.“ Demokratie sei manchmal „mit persönlichen Niederlagen verbunden, aber das macht dieses System aus“.
Über die Bundestagswahlen hinaus will sie der Groko jedoch keine weitere Bestandsgarantie geben. „Wir brauchen für Deutschland ein Fortschrittsbündnis, damit wir am Ende eine bessere Zukunft haben“, sagt Rosenthal. „Das wird mit der Union nicht gehen.“ Alles, was diese zu bieten habe, sei eine „Bremsklotzpolitik“. Die CDU sei „inhaltlich völlig entkernt und ausgebrannt“. Gerade junge Menschen würden „immer vor den Kopf gestoßen, etwa bei der Frage von wegbrechenden Ausbildungsplätzen“.
Seit’ an Seit’ mit Kevin Kühnert im Bundestag?
Auch in der Bildungspolitik will die Bonnerin mitreden, was viel damit zu tun hat, dass sie Vertretungslehrerin für Deutsch und Geschichte an der Gesamtschule in Bonn ist. Dort habe sie als Berufseinsteigerin das Glück gehabt, einen längerfristigen Vertrag zu bekommen. Womöglich wird sie aber nicht lange Schüler unterrichten, sondern bald Seit’ an Seit’ mit Kevin Kühnert im Bundestag sitzen. Ihr Plan ist es, von der Bonner SPD als Kandidatin aufgestellt zu werden. Vor der Entscheidung im Dezember zeigt sich Rosenthal „vorsichtig optimistisch“.
Auch bei den baden-württembergischen Jusos hat sich die Anwärterin auf den Bundesvorsitz vorgestellt – was diese erfreut zur Kenntnis nahmen. Denn in der Vergangenheit, so heißt es von dort, sei dies kaum denkbar gewesen. Zu gering war der Einfluss des Südwest-Nachwuchses auf die Bundesebene. Nun darf Rosenthal auf den Rückhalt aus Baden-Württemberg zählen.
Gekürt wird sie aber nicht direkt auf dem Bundeskongress: Aus rechtlichen Gründen ist vom 1. Dezember bis 4. Januar eine Briefwahl angesetzt. Offiziell verkündet wird die Siegerin am 8. Januar.