Wegen Terror und Flüchtlingskrise Reisebranche erwartet ein Last-Minute-Jahr

Griechenland  ist beliebt bei den  Deutschen und wird auch gerne kurzfristig  gebucht. Im Bild ein Strand auf der Insel Skiathos. Foto: dpa
Griechenland ist beliebt bei den Deutschen und wird auch gerne kurzfristig gebucht. Im Bild ein Strand auf der Insel Skiathos. Foto: dpa

Wegen der Terroranschläge und der Flüchtlingskrise sinkt die Urlaubslust der Deutschen. Ziele wie die Türkei spüren dies schmerzlich. Es wird spontaner gebucht. Davon will L’tur profitieren.

Korrespondenten: Thomas Wüpper (wüp)
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Berlin - Das Wort „Krise“ ist in der Reisebranche nicht sehr beliebt. Schließlich verkaufen Tourismusanbieter die heile Urlaubswelt. Terrorangst und Flüchtlingskrisen wirken da eher geschäftsschädigend. Aktuelles Beispiel: die Türkei. Nach mehreren Anschlägen auch auf Touristen liegen die Buchungen für eines der beliebtesten Urlaubsziele bisher bei großen Veranstaltern bis zu 40 Prozent niedriger als vor einem Jahr.

In Krisen stecken allerdings auch Chancen. „Ganz klar, 2016 wird ein Last-Minute-Jahr“, sagt Markus Orth von L’tur in Baden-Baden. Für den Chef des führenden Anbieters von Kurzfristreisen, der seit fast 30 Jahren Restkontingente vermarktet und eigene Urlaubspakete schnürt, steht fest: „Die meisten Deutschen werden auch dieses Jahr nicht auf ihren Urlaub verzichten, aber manche werden später als sonst buchen.“ Davon wollen die Badener kräftig profitieren. Denn wenn spät und kurzfristig gebucht wird, brummt das Geschäft der Last-Minute-Branche. Als Krisenprofiteur mag man sich indes nicht bezeichnen lassen. Schon gar nicht in Zeiten, in denen arglose Touristen zu Angriffszielen skrupelloser Terrorbanden geworden sind. In beliebten Reiseländern wie Ägypten, Tunesien und nun auch der Türkei leiden deshalb Ferienhotels unter massivem Buchungsschwund.

Die Balearen sind schon jetzt gut gebucht

Viel Angebot, zu wenig Nachfrage – der Preiskampf ist programmiert und hat längst begonnen. Wer im Juni verreisen will, kann aktuell mit wenigen Klicks fünf Tage im Dreisterne-Hotel im türkischen Antalya inklusive Flug und Transfer schon ab 150 Euro pro Person bekommen, eine Woche im ägyptischen Fünf-Sterne-Luxusresort am Roten Meer für unter 400 Euro.

„Rund ums östliche Mittelmeer gibt es derzeit sehr attraktive Preise“, sagt Orth. Trotzdem steuern viele Urlauber in diesem Jahr statt islamische Länder lieber westliche Regionen der Badewanne Europas an. Dort sind Schnäppchen seltener, denn Mallorca und die Balearen, die spanische Costa del Sol und die Kanaren sind schon jetzt gut gebucht. Auch Portugal und seine Atlantikinseln wie Madeira und die Azoren können mit einem erfolgreichen Tourismusjahr rechnen. Eine Alternative: Griechenland. „Kreta und Rhodos sind traditionell beliebte Urlaubsziele der Deutschen, das läuft auch im Last-Minute-Geschäft prima“, sagt Orth. Als vorigen Sommer wegen der Euro- und Finanzkrise die Unsicherheit wuchs, ob man in der Ägäis noch schöne Ferien verbringen kann, nutzte L’tur die Gelegenheit und schnürte günstige Sonderangebote, die dann auch sehr gefragt waren.

Die Badener behaupten sich seit fast drei Jahrzehnten auf dem hart umkämpften Reisemarkt. Als Billigreiseanbieter vom ehemaligen Radiomoderator Karlheinz Kögel aus Waldshut gegründet, startete mit L’tur damals ein in Deutschland neues Geschäftsmodell. Zu bis dahin konkurrenzlosen Tiefpreisen verkaufte Kögel Urlaubsreisen, die bis zwei Wochen vor Abflug zum Katalogpreis noch keinen Interessenten gefunden hatten. Seine Idee machte Kögel zu einem der erfolgreichsten Reiseunternehmer. Ihm selbst gehören heute noch 20 Prozent von L’tur, 80 Prozent hält inzwischen Tui. Der Kurzfristspezialist hat sich technisch in den vergangenen Jahren enorm weiterentwickelt, produziert inzwischen täglich mehr als 200 Millionen Last Minute Angebote zu tagesaktuellen Preisen, die aus 20 000 Hotels und 250 Airlines kombiniert werden. Verkauft werden die Reisen übers Internet, per Telefon oder über die insgesamt 141 L’tur-Shops im In- und Ausland.

Wettbewerb hat sich massiv verschärft

Rund 450 Millionen Euro setzte L’tur im Geschäftsjahr 2014/15 um. „Nix wie weg“ – so lautet immer noch der einprägsame Werbeslogan der Badener. Denn Spontanurlauber, die möglichst billig verreisen wollten, waren einst die wichtigste Zielgruppe. „Heute sind wir stärker im Vier- und Fünf-Sterne-Bereich unterwegs“, sagt Orth. Auch Zahnärzte oder Rechtsanwälte, die sich kurzfristig ein paar Tage gut und preiswert erholen wollen, zählen nun zu den Stammkunden. Die Konkurrenz hat sich in den vergangenen Jahren allerdings nochmals massiv verschärft. Eine Vielzahl von Reiseanbietern wirbt inzwischen im Internet und per App mit Tiefpreisen für Hotels und Flüge, darunter finanzstarke und global aktive Unternehmen wie Booking.com. L’tur will mit mehr Service und Garantien dagegen halten.

So erhalten Kunden auch zu Last-Minute-Reisen den Zug zum Flug und den Transfer inklusive. Bei Kombinationen von Flug und Hotel als Bausteinreise gibt es zudem seit Kurzem die Sicherheit einer Pauschalreise obendrauf. Wenn also zum Beispiel der Flug ausfällt, muss das Hotel nicht bezahlt werden. Und bei einer Rückholaktion wegen einer Krise im Urlaubsland werden L’tur-Kunden wie Pauschalreisende betreut.

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