Weihnachtsmarkt in Berlin Normalität verzweifelt gesucht

Kleiner ziviler Gedenkort am Breitscheidplatz. Foto: epd

Alles soll sein wie immer, aber der Schmerz ist fühlbar – ein Jahr nach dem Anschlag eröffnet der Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz.

Berlin - Es ist noch früh am Morgen, aber in Frank Burkerts schmiedeeisernem Kessel öffnen die ersten Maroni in der Hitze schon ihre eingeritzten Schalen. „Wie soll es mir gehen?“, sagt Burkert über den Kessel hinweg und grinst. „Natürlich gut, das Geschäft wartet.“ Das Geschäft, das macht der Berliner seit Jahren im Dezember immer genau hier: auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz, in der Budes eines Freundes, die feinsäuberlich mit Tannenreisig ausstaffiert ist. Direkt zu Füßen der Gedächtniskirche. „Und dieses Jahr“, sagt Burkert mit fester Stimme, „dieses Jahr wird es genau so sein.“

 

Es scheint, als brauche es eine Menge solcher Sätze der Selbstvergewisserung an diesem Montag: es ist der Eröffnungstag für eben jenen Weihnachtsmarkt, den seit einem Jahr Menschen aus aller Welt kennen – als Ort, an dem ein islamistischer Terrorist einen Lastwagen in die Menge lenkte und eine Katastrophe anrichtete. Zwölf Menschen wurden getötet am Abend des 19. Dezember und mehr als 70 verletzt, die Bilder des Trucks, der zerschmetterten Stände, der entsetzten Gesichter haben sich im kollektiven Gedächtnis verankert.

Nur nicht nachdenken

Wie macht man weiter nach so einem Abend? Indem man den Kessel anheizt. So haben es die Schausteller schon kurz nach dem Anschlag getan, da saß der Schock noch so tief, dass man nicht mal zum Nachdenken kam. Jetzt aber ist ein Jahr vergangen, nicht nur der Attentäter, auch die Toten haben Namen, und es gibt in den Köpfen Bilder, die nicht weggehen wollen.

Heute aber sollen die Profis hier tun, was sie seit 34 Jahren tun: Mandeln karamellisieren, Würstchen braten und heißen Alkohol zu Adventsmusik ausschenken. „Ein Weihnachtsmarkt ist ein fröhlicher Anlass“, sagt Martin Germer, Pfarrer der Gedächtniskirche. „Seit dem 19. Dezember lässt sich das hier nicht mehr so ungebrochen sagen, das empfinden wir hier alle.“ Zwölf weiße Kerzen brennen für die Getöteten, davor die Osterkerze der Kirche, ein Zeichen für die Auferstehung, auf das der Pfarrer Wert gelegt hat. Seine Stimme kommt ins Trudeln, als er sagt: „Ich denke an die Tränen der Trauernden.“

Germer steht vor dem Altar und den blauen Glasbausteinen seines Gotteshauses, auf den Lederstühlen vor ihm sitzen Menschen, die er in diesem Jahr öfter gesehen hat: Hinterbliebene, Schausteller, Helfer. Manche sitzen dicht an dicht, sich wie ein kleiner Haufen stützend. Wie drei Kellnerinnen aus einer der Hütten, schon in Tracht für die Arbeit, aber mit Traurigkeit im Gesicht. Drumherum, in Abständen, Augenzeugen, ganz normale Bürger.

Tracht zum Arbeiten, Traurigkeit im Gesicht

Es waren die Schausteller, die den Pfarrer gebeten hatten, zu Beginn dieses Tages in seine Kirche einzuladen, eine Gemeinsamkeit herzustellen, die wohl nicht nur nach innen wirken, sondern auch eine Botschaft nach außen senden soll. Dazu gehört natürlich die von einer Gesellschaft, die sich ihre Art zu leben und zu feiern nicht von der Angst vor Terror wird nehmen lassen: „Auch und gerade hier soll es weitergehen“, sagt Germer, hier, wo ein „irregeleiteter Mensch“ so vielen Menschen Tod, Schmerz, Angst und später auch Zorn und Enttäuschung zugefügt habe.

Zorn und Enttäuschung – das sind Themen, die in der Kirche keine große Rolle spielen sollen. Aber die Wirklichkeit sieht anders aus: Während auf dem Breitscheidplatz die ersten Buden öffnen, zieht der Opferbeauftragte Kurt Beck bei einer Polizeitagung in Koblenz eine leicht vorverlegte Bilanz. Einiges ist schiefgelaufen im Umgang mit den Angehörigen und den Helfern, in zwei Wochen soll dazu ein Abschlussbericht erscheinen. Klar ist schon jetzt: Deutschland muss sich in Zukunft auf Terror einstellen, muss Strukturen schaffen, wie in solchen Fällen suchenden Angehörigen, traumatisierten Rettern besser geholfen werden kann.

Die Behörden haben versagt

Auch anderswo wird aufgearbeitet, während in Berlin der Glühwein zu dampfen beginnt. In Düsseldorf versammelt sich einer der beiden Untersuchungsausschüsse, die es im Fall des Attentäters Anis Amri gibt. Und es ist schon keine Überraschung mehr, dass auch an diesem Tag die Öffentlichkeit wieder ein neues Detail darüber erfährt, wie die Sicherheitsbehörden versagt haben. Diesmal müssen die Ermittler zugeben, auf einem lange vor dem Anschlag konfiszierten Mobiltelefon Amris Fotos des Mannes mit Waffen übersehen zu haben – weil das Auslesen der Daten offenbar automatisiert geschah.

Das ist nur eine der zahllosen Unbegreiflichkeiten in den Ermittlungen zu einem Mann, der mit 14 Identitäten unterwegs war, den die unterschiedlichsten Sicherheitsbehörden auf dem Schirm hatten – und der womöglich sogar am Tag des Anschlags wegen Verdachts auf bandenmäßigen Drogenhandel hätte in Untersuchungshaft sitzen können, wenn nicht so viel schiefgegangen wäre.

Zu viel Ruhm für den Attentäter

„Den Namen dieses Mannes will ich gar nicht mehr hören“, sagt ein Glühweinwirt, der seinen Namen nicht nennen will. „Es regt mich auf, dass alle auf diesen Verbrecher schauen und die Medien immer wieder sein Gesicht abbilden. Das macht ihn auch noch berühmt und tut den Angehörigen nur weh.“ Das ist aber auch die einzige Gemütsregung, die der Wirt zulässt.

Ansonsten scheint es eine Verabredung zu geben – eine Verabredung zur demonstrativen Normalität, obwohl der Markt nun von Betonpollern eingerahmt ist, teils verbrämt mit Fichtenreisig, obwohl die Sicherheit die Standmieten und in der Folge die Glühweinpreise hat steigen lassen, obwohl Polizisten zu „Oh du Fröhliche“ hier auch Schnellfeuerwaffen tragen. „Alles ganz normal“, sagt die Frau hinter der Zuckerwatte. „Kein Kommentar“, raunzt die Langosverkäuferin und schlägt den Daunenkragen hoch. Auch der Maroniverkäufer Frank Burkert sagt: „Wir sollten hier bloß nichts dramatisieren. Im ganz normalen Straßenverkehr ist das Risiko höher als auf jedem Weihnachtsmarkt.“

Am Markt hängen auch Existenzen

Fast alle Schausteller aus dem Vorjahr sind wieder dabei. Aber Pfarrer Germer sagt, er wisse, dass vielen dieser Schritt nicht leicht gefallen sei. Manche seien nur knapp mit dem Leben davongekommen „Es gibt Gedanken, die einen übers Jahr nicht loslassen, am Tage nicht und vor allem nicht in den Nächten.“ Dieses Weitermachen, „weil es weitergehen muss, weil auch Existenzen dranhängen“ – es mag heilsam sein oder wenigstens vernünftig. Aber es hat auch eine Kehrseite.

Schon kurz nach dem Attentat hat sich eine Deutung etabliert, wonach Berlin zu kaltschnäuzig mit dem Anschlag umgegangen sei, zu wenig innegehalten, kein ordentliches Gedenken organisiert habe. Ein Kritikpunkt lautete auch, die Öffentlichkeit habe nichts über die Opfer erfahren.

Der Pfarrer widerspricht. „Es ist glücklicherweise in diesem Fall gelungen, dem Wunsch der Angehörigen nach Diskretion zu entsprechen“, sagt er. „Und es gab sehr wohl öffentliche Anteilnahme.“ Zehntausend Einträge verzeichnet das Kondolenzbuch, der kleine Gedenkort an der Kirche mit Kerzen, Kreuzen und Bildern, wird gepflegt – und wurde jetzt für den Markt weg von den Stufen der Kirche verlegt. Er liegt nun mittendrin.

Durchs Pflaster des Breitscheidplatzes zieht sich auch ein 14 Meter langer, mit Bronze ausgegossener Riss. Er ist Teil der offiziellen Gedenkstätte, die zum Jahrestag in drei Wochen eingeweiht wird, mit einer Feier für die Angehörigen, einer großen Veranstaltung für alle Berliner. Für diesen einen Tag wird das Markttreiben zur Ruhe kommen. Aber am 20. Dezember gehen die Läden der Buden wieder hoch.

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