Der Beweis zeigt: Selbst ein Vormittag im November-Nieselregen hat das Potenzial, Fünftklässlern ein schmackiges Gemeinschaftserlebnis zu bieten. Auch wenn manches Stadtkind aus Bad Cannstatt mit den Geheimnissen des Waldes noch etwas fremdelt.

Lokales: Inge Jacobs (ja)

Stuttgart - Wie viel Abenteuer passt in zweieinhalb Stunden? Und das auch noch zu Fuß, bei vier Grad plus, im Stuttgarter Nieselregen? Denn just an so einem Novembertag haben sich die 26 Fünftklässler aus dem Johannes-Kepler-Gymnasium von Bad Cannstatt mit dem Bus nach Gablenberg begeben, und von dort ging’s dann auf den eigenen Füßen weiter, steil hinauf in den Wald. Dabei war der Ausflug gar nicht als Strafe gedacht, sondern als Dankeschön von Stuttgarter Stiftungen, der Stadt Stuttgart und der Wirtschaft. Für die Entbehrungen durch die Pandemie. „Und um die Klassengemeinschaft zu stärken“, wie Kornelius Knapp von der Abteilung Stuttgarter Bildungspartnerschaft erklärte. „Wir wollten den Kindern damit ein gutes Ankommen ermöglichen.“

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Für die 5 c hatten ihre Klassenlehrerinnen Saskia Callmeier und Josepha Merz das Paket „Naturforscher unterwegs“ gebucht – eines der gefragtesten von den 820 Angeboten. Samt Wanderführer Harald Zehetner. Gerade damit die Kinder Dinge machen können, „die sie in ihrem Alltag nicht machen“, sagt Merz. Einen Unterschlupf für Igel bauen zum Beispiel. Zehetner zeigt ihnen, wie das geht. Oder Bäume raten. „Eine Birke?“, fragt ein Mädchen. Ein Klassenkamerad kennt sich besser aus: „Eine Buche.“ Wie kann man eine Buche von einer Eiche am Stamm unterscheiden? „Fasst beide Bäume mit der flachen Hand an“, sagt Zehetner. Um dann plötzlich Einhalt zu gebieten: „Nicht anfassen!“ Der Wanderführer hat das Gespinst eines Eichenprozessionsspinners entdeckt – „eigentlich ein schöner Falter“. Aber mit den Härchen der Raupe sei nicht zu spaßen. Die Fünftklässler zeigen sich beeindruckt.

Keiner tanzt aus der Reihe, niemand nölt rum

Und: Sie sind ungewöhnlich ruhig, keiner tanzt aus der Reihe, niemand nölt rum, weil es kalt ist. Alle machen mit: Beim Blindenführungsspiel lässt keiner seinen Partner stolpern. Beim Eichhörnchenspiel passen einige genau auf, wo die Klassenkameradinnen die Nüsse verstecken, die Zehetner ausgeteilt hat. Später ist es eben wie bei den Eichhörnchen: Manche finden mehr Nüsse, als sie versteckt haben, andere weniger oder gar keine. Aber: Die Kinder mit den vielen Nüssen geben anderen dann welche ab. Wenn auch erst auf Ansage.

Nach dem Vesper auf nasskalten Baumstämmen – Zehetner teilt rasch Decken aus – geht es dann richtig zur Sache. Denn wer von oben in die Dürrbachklinge will, muss erst mal ein kleines Steilstück bewältigen. Für die meisten ein Klacks, für manche Mädchen eine echte Mutprobe. „Gibt’s keinen anderen Weg?“, fragt eine Schülerin. Ihr steht die Angst vor einer glitschigen, unkontrollierbaren Rutschpartie ins Gesicht geschrieben. Sie will nicht, wartet. Weiß nicht, wie sie ihre Füße setzen soll. Aber: Niemand macht sich lustig über das Stadtkind, das offensichtlich bisher wenig Gelegenheit hatte, trittsicher zu werden. Der Rest der Klasse ist längst unten. Eine Klassenkameradin hält knapp unter ihr die Stellung, ermutigt sie. Auch Callmeier sagt, du schaffst das, komm. Reicht ihr den Arm. Schritt für Schritt klappt es schließlich. Die Kletterpartie durch die Klinge ist dagegen ein Kinderspiel. Nur bei der Abkürzung auf dem Rückweg, steil bergauf, brauchen einige Mädchen wieder Unterstützung.

Bäumchen basteln aus Herbstlaub

Zehetner zeigt den Kindern, wie man aus einem Ast, mit dem man Herbstblätter aufspießt, ein Bäumchen bastelt. Manche wählen die großen gelben Ahornblätter aus, andere Moos oder Gräser. Für den zehnjährigen Almir ist das der Höhepunkt des Ausflugs. Stolz zeigt er sein Bäumchen her. „Das war das Schönste heute“, sagt er, „vielleicht können wir daraus einen Wald für die Klasse machen“. Zehetner lobt die 5 c: „Ihr habt toll mitgemacht.“ Und was sagt die Steilstück-Heldin? „Blaubeuren war schlimmer.“ Da war die Klasse Mitte Oktober drei Tage im Schullandheim auf der Schwäbischen Alb. „Das war wertvoll“, findet Josepha Merz. Es scheint, dass die 5 c bereits ein bisschen angekommen ist.