Film Commission Region Stuttgart Vom Schloss Solitude bis zur Stuttgarter Oper

„Die Blumen von gestern“: Die Tragikomödie zum Thema Holocaust mit Lars Eidinger (li.) und Jan Josef Liefers entstand 2015 unter anderem im Stuttgarter Flughafen. Foto: Piffl Medien/Edith Held

Wie viele Drehorte für Film und Fernsehen sie vermittelt hat, weiß keiner. Allerdings hat die Film Commission Region Stuttgart in den 20 Jahren ihres Bestehen mehrere tausend Filmschaffende beraten.

Lokales: Alexander Ikrat (aik)

Stuttgart - Sagen wir es so: Seit die Film Commission Region Stuttgart im Dezember 1998 gegründet wurde, sind Schauplätze in Stuttgart und Umgebung häufiger in deutschen und sogar internationalen Film- und Fernsehproduktionen zu sehen. Immer wieder berichten die Macher von Filmen wie der SWR-Produktion „In letzter Sekunde“ (2008) mit Peter Lohmeyer offen darüber, dass die Film Commission ihnen Drehorte schmackhaft gemacht hat (damals unter anderem das Schloss Solitude und das Steinwerk Ehningen im Kreis Böblingen). Manchmal erwähnen sie die Institution sogar im Abspann – etwa Chris Kraus in „Die Blumen von gestern“ mit Lars Eidinger von 2016. Eine amtliche Statistik, bei wie vielen Produktionen die Film Commission ihre Finger im Spiel hatte, gibt es aber nicht.

 

Tatsächlich stecken diejenigen, die sich um die Filmbranche kümmern, im gleichen Dilemma wie alle Wirtschaftsförderer: Wenn sie sich die Arbeit ihrer Zielgruppe ans eigene Revers heften, könnte sich das Gegenüber auf den Schlips getreten fühlen. Wenn sie ihr Nähkästchen aber komplett zu lassen, fragt sich die Öffentlichkeit, was sie das ganze Jahr über eigentlich so machen. Also bleiben auch die Mitarbeiter der Film Commission Region Stuttgart – Jahresbudget: rund 400 000 Euro – im Ungefähren.

Plötzlich ist da die Villa

„Ich kann nicht sagen, wie viele Drehorte auf unsere Angebote zurückgehen“, sagt Geschäftsführer Jens Gutfleisch. Er fasst seine und die Arbeit seiner drei Kolleginnen so zusammen: „Wir haben 300 bis 400 ausführliche Beratungen pro Jahr, das macht einige 1000, seit es uns gibt. Wir bekommen aber längst nicht zu allen Projekten eine Rückmeldung.“ Die für Drehorte zuständige Ulla Matzen hat ein witziges Beispiel dafür, wie zufällig sie manchmal mögliche Spuren ihrer Tätigkeit entdeckt: „Ich habe mit meiner Tochter den Film ,Nellys Abenteuer’ angeschaut, und plötzlich entdecke ich eine Villa, die auf unserer Homepage vorgestellt wird.“

Unter https://film.region-stuttgart.de/ listet die Film Commission rund 600 Orte auf, an denen gedreht werden könnte und dies auch schon mit den Eigentümern abgeklärt ist. Ein Stollen im Schwäbischen Wald, in dem im 19. Jahrhundert Wetzsteine für das Schärfen von Sensen und Sicheln der Bauern abgebaut wurden, findet sich dort ebenso wie das nach dem Industriellen Oskar Merkel benannte Jugendstil-Schwimmbad in Esslingen oder der Pragfriedhof im Stuttgarter Norden. Benannt ist sie nach Vorbildern in den USA. Sie war 1998 die erste Film Commission in Baden-Württemberg.

Die Commission präsentiert ihr Angebot alljährlich mit einem thematisch gefassten Postkartenset, das sie in einer Auflage von 3000 Stück auf Messen und per Post an Filmschaffende und andere Kreative verteilt. Außerdem veranstaltet sie sogenannte Location Tours, bei denen sie einen Tag lang rund 40 Filmschaffende durch mögliche Drehorte führt. „Damit versuchen wir, Autoren auf Orte zu bringen, die Geschichten erzählen können“, sagt Gutfleisch. Tatsächlich enstehen die Kontakte, die zu konkreten Beratungen führen, laut dem Geschäftsführer dann meistens andersherum: „Zum Großteil kommen Produzenten, Regisseure oder Szenenbildner auf uns zu, weil sie ein bestimmtes Bild im Kopf haben und in unserem Location Guide etwas gesehen haben, das dazu passt.“ Dass die Filmschaffenden in der Region Stuttgart suchen, hat häufig damit zu tun, dass sie Fördergeld von der Filmförderung des Landes bekommen. So wie bei „Die Blumen von gestern“, einem Kinofilm, der mit Humor vom Holocaust erzählt und viele positive Kritiken bekommen hat.

Auch Bollywood und Amazon waren da

Es gibt inzwischen aber immer wieder auch Projekte, die ohne öffentliche Finanzspritze auskommen. Eine ist die ZDF-Serie „Dr. Klein“, die die Münchner Bavaria seit 2014 in Stuttgart produziert. Eine andere der Bollywood-Streifen „Aap Kaa Surroor“ mit dem indischen Popstar Himesh, 2005 mit großem Aufgebot unter anderem auf dem Schlossplatz und vor der Oper gedreht. Zuletzt war es die britische Auto-Show „The Grand Tour“, die auf Amazon Prime Video zu sehen ist und die im November 2016 im Ludwigsburger Barockschloss präsentiert wurde. „Das war ein sehr schöner Erfolg“, sagt Gutfleisch. Auch mit den Produzenten des Stuttgarter „Tatort“ und der „Soko Stuttgart“ kommt die Film Commission immer wieder in Kontakt.

Ulla Matzen nennt dann doch noch konkrete Drehorte, die auf ihre Beratungen zurückgingen: Die Villa Franck bei Murrhardt (Rems-Murr-Kreis) etwa für die SWR-Produktion „Carl & Bertha“ (2011) über das Leben von Carl und Bertha Benz mit Ken Duken und Felicitas Woll. Oder das Schloss Monrepos bei Ludwigsburg für „Tagundnachtgleiche“ mit Godehard Giese, der nächstes Jahr fertig werden soll. Gutfleisch, Matzen und Co. haben nicht nur Ideen, welche Plätze filmreif sein könnten und entwickeln diese in Zusammenarbeit mit Behörden. Sie vermitteln zudem in Konfliktfällen: So stand das Schloss Monrepos eigentlich nicht mehr zur Verfügung, nachdem eine studentische Produktion offenbar ziemlich viel Müll hinterlassen hatte. Nach Matzens Einsatz war das idyllisch gelegene Bauwerk für „Tagundnachtgleiche“ aber doch wieder zu haben. Bei so viel Vermittlungskunst können in der Region Stuttgart noch viele Drehorte für Film und Fernsehen gefunden werden.

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