Weltgrößter ETF-Anbieter Blackrocks langer Schatten

Mächtig und einflussreich: Blackrock-Boss Larry Fink Foto: AFP/Ludovic Marin

Der weltgrößte Vermögensverwalter profitiert vom ETF-Boom. Im Auftrag seiner Kunden hält er große Aktienpakete an praktisch allen börsennotierten Unternehmen – und beeinflusst deren Geschäftspolitik. Das stößt zunehmend auf Kritik.

Frankfurt - Rund 170 Milliarden Dollar, das sind etwa 140 Milliarden Euro, hat der Vermögensverwalter Blackrock allein in den vergangenen drei Monaten von Anlegern aus aller Welt eingesammelt. Der US-Konzern verwaltet jetzt Kundengelder im Gesamtvolumen von neun Billionen Dollar (7,5 Billionen Euro), wie aus dem vorige Woche vorgelegten Quartalsbericht hervorgeht. Geld, das vor allem in ETFs und andere Indexfonds fließt – in Fonds also, die Börsenindizes wie den Dax oder den MSCI World abbilden. Weil dafür weniger Gebühren anfallen als für die aktive Auswahl von Aktien durch einen Fondsmanager, erfreuen sich die sogenannten passiven Anlagestrategien wachsender Beliebtheit.

 

Ein Nebeneffekt: Blackrock als weltgrößter ETF-Anbieter hält im Auftrag seiner Kunden stattliche Aktienpakete an praktisch allen großen börsennotierten Firmen. Ähnliches gilt für die Vermögensverwalter Vanguard und State Street, die gemeinsam mit Blackrock drei Viertel des ETF-Marktes kontrollieren. Die Nichtregierungsorganisation Finanzwende fordert, die Kartellbehörden müssten das „Oligopol“ der drei Großen beobachten und „Strategien für eine Zerschlagung ausarbeiten“.

Wegen seiner vielfältigen Beteiligungen wird Blackrock oft mit einem Kraken verglichen. In den USA nahm die Debatte zuletzt wieder Fahrt auf, weil der Großkonzern die US-Notenbank Federal Reserve, kurz Fed, bei der Umsetzung eines Corona-Notprogramms unterstützte: Um der Wirtschaft günstige Finanzierungsbedingungen zu sichern, kaufte die Fed im großen Stil Unternehmensanleihen sowie ETFs, die in solche Anleihen investieren. Als größter ETF-Anbieter zog Blackrock also für die Fed ein Programm durch, von dem die eigenen Produkte profitierten – wobei der Vermögensverwalter in diesem Fall auf Fondsgebühren verzichtete.

Auch die EU-Kommission ließ sich von Blackrock beraten

Einen möglichen Interessenkonflikt monierte im November auch die EU-Bürgerbeauftragte Emily O’Reilly. Die EU-Kommission hatte Blackrock mit einer Studie über die Berücksichtigung umweltpolitischer Ziele bei der Bankenregulierung beauftragt.

Blackrocks Expertise auf diesem Gebiet ist unstrittig: Der Vermögensverwalter dringt seit Jahren auf mehr Nachhaltigkeit in der Wirtschaft. „Wir rufen Unternehmen dazu auf, einen Plan vorzulegen, aus dem hervorgeht, wie sie ihr Geschäftsmodell an eine klimaneutrale Wirtschaft anpassen wollen“, schrieb Blackrock-Chef Larry Fink in der jüngsten Ausgabe seines offenen Briefs an Vorstände weltweit.

Finks Einfluss erschöpft sich nicht in Appellen. Denn als Treuhänder der Anleger, für die sein Haus Aktien kauft, stimmt Blackrock bei Hauptversammlungen mit ab. Zudem pflege man „einen regelmäßigen Austausch mit Vorständen und Aufsichtsräten“, teilte Blackrock in Deutschland mit. All diese Formen der Einflussnahme nutzen auch andere Fondsgesellschaften. Blackrock sowie den anderen ETF-Riesen Vanguard und State Street kommt indes nicht nur wegen ihrer Größe, sondern auch wegen ihrer Konzentration auf passive Finanzprodukte eine Sonderrolle zu: Weil für sie das Wachstum des Gesamtmarkts wichtiger ist als der Erfolg einzelner Unternehmen, wird seit einigen Jahren diskutiert, ob sie dem Wettbewerb schaden.

Studien über einzelne US-Branchen deuten auf Probleme hin

Die Überlegung dahinter: Wenn eine Fondsgesellschaft Anteile an mehreren Unternehmen derselben Branche besitze, habe sie kein Interesse daran, dass diese einander Marktanteile abjagten. Studien über die Luftfahrt- und die Bankbranche in den USA zeigen, dass dadurch der Preiswettbewerb behindert werden könnte – zulasten der Verbraucher. Es gibt allerdings auch Untersuchungen, in denen diese Effekte nicht bestätigt wurden. Die deutsche Monopolkommission erklärte deshalb 2018, sie halte wettbewerbsrechtliche Schritte für verfrüht. Finanzwende dagegen fordert, eine Obergrenze für die Beteiligung großer Vermögensverwalter an Aktiengesellschaften festzulegen.

Ein solcher Schritt müsse sorgfältig abgewogen werden, meint Oliver Spalt, Professor für Finanzwirtschaft an der Uni Mannheim. „Der Einfluss großer Vermögensverwalter auf Unternehmen hat auch positive Seiten. Dass Blackrock beispielsweise für Nachhaltigkeit wirbt, macht viel mehr Eindruck als bei einem kleineren Investor – daraus kann Gutes entstehen.“ Gleichzeitig stehe es Anlegern, die das Abstimmungsverhalten des Unternehmens falsch fänden, frei, sich eine andere Fondsgesellschaft zu suchen.

Auch Warnungen, dass die wachsende Beliebtheit von ETFs alle Geldströme in eine Richtung lenkt, hält Spalt für überzogen. „Je mehr passiv investiert wird, desto weniger wird natürlich aktiv auf Basis von Informationen gehandelt. Aber es gibt immer noch viele aktive Anlagestrategen, die genau darauf setzen, von Fehlern bei der Preisbildung zu profitieren und sie dadurch zu korrigieren.“ Für Kleinanleger sei das allerdings nicht zu empfehlen: „Für sehr viele Menschen funktioniert passives Investment besser, als wenn sie selbst Aktien auswählen.“ Das würden auch die Experten von Finanzwende unterschreiben. Ihre Kritik bezieht sich nicht auf ETFs an sich, sondern auf die Marktmacht der großen Anbieter.

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