Diese Zukunft ist nicht billig. Steffen Weigel läuft auf sein teuerstes Projekt zu. Hinter dem Bahnhof, gleich neben der Wasserstofftankstelle, dreht sich ein Rundbau in die Höhe. „Wir warten gerade auf den Gussasphalt“, sagt Weigel. Er ist der Bürgermeister und damit Bauherr des Projekts. Rund elf Millionen Euro lässt sich die Stadt Wendlingen am Neckar ihren Leuchtturm kosten. Das hier wird einmal Deutschlands größtes Holzparkhaus.
Das Raffinierte daran: Wenn der Bau einmal ausgedient hat, könnte er sehr umweltfreundlich entsorgt werden, man könnte ihn aber auch recht unkompliziert in ein Wohn- und Geschäftshaus umbauen. Diese Szenarien sind bereits mitgedacht.
Doch Steffen Weigel wiegelt gleich ab. Das ist ihm aus heutiger Sicht eine Spur zu viel Zukunftsmusik. „Daran denkt jetzt wirklich keiner.“ Eine Zeit, in der die Autos an dieser Stelle für andere Ideen Platz machen, ist sozusagen Futur zwei. Doch hat die visionäre Planung immerhin dazu beigetragen, dass es das Parkhaus zum Projekt der Internationalen Bauausstellung (IBA) in der Region Stuttgart 2027 gebracht hat.
Zwei IBA-Projekte in Wendlingen
Das unscheinbare Städtchen mit seinen 16 000 Einwohnern macht wegen auffällig vieler Zukunftsthemen von sich reden. So gibt es noch ein zweites IBA-Projekt. Es führt vor, wie Vergangenes in Neues münden kann. Als der Geschäftsmann Heinrich Otto in den 1860er-Jahren sein Ensemble mit liebevoll verkünstelten Ziegelhäusern nahe des damals brandneuen Bahnhofs hochzog, investierte er in die Zukunft. Ohne freilich zu ahnen, dass die Gebäude gut 150 Jahre später erneut als wegweisend erklärt werden.
Die neue Ära der alten Spinnerei
Das Textilunternehmen von Otto gehört zu diesem Ort wie der Neckar. Vor vier Jahren endete die Otto-Ära, damals wurden hier die letzten 40 Mitarbeiter feierlich verabschiedet. „Ein trauriger Moment“, sagt Weigel. Doch auf dem Gelände der Neckarspinnerei entsteht jetzt ein Quartier zum Wohnen und Arbeiten, die ersten Firmen sind schon da. Die Wasserkraftanlage auch. Sie stammt noch aus Ottos Zeiten, und hat im Zeichen der Energiewende mehr Zukunft denn je. Das Kraftwerk soll der dominierende Stromlieferant für das moderne Quartier sein. „Ich habe ein gutes Gefühl“, sagt Weigel.
Hauptschaltleitung für ganz Baden-Württemberg
Wendlingen ist ohnehin die Stromstadt Baden-Württembergs. Gleich neben den Kleintierzüchterverein am östlichsten Gemeindezipfel liegt ein umzäuntes Areal. Es gehört Transnet BW, einem Übertragungsnetzbetreiber, der in Wendlingen seine Hauptschaltleitung für das ganze Land hat.
Im Foyer des Unternehmens spannt sich ein Netz mit allen Standorten über eine große Baden-Württemberg-Karte. Der Pulsgeber Wendlingen liegt geografisch in der Mitte. Wobei das nicht maßgeblich sei, sagt Dominik Schlipf, der Teamleiter Systembilanz. Was die Kollegen hier machen, ginge auch von jedem anderen Ort aus.
Seine Kollegen sorgen dafür, dass der Strom in Baden-Württemberg störungsfrei fließt. Sie können von hier aus Kraftwerke anwerfen, wenn sich Wolken über Solarmodule schieben – oder verrückterweise, wenn im Norden zu viel Windstrom produziert wird. Und sie garantieren, dass Leitungen tot bleiben, an denen gerade gearbeitet wird.
„Sind Sie schon bereit für den großen Ah-und-Oh-Effekt?“, fragt Claudia Halici, die Sprecherin von Transnet BW. Sie steht auf der Besuchertribüne. Noch ist die Sicht aufs Geschehen versperrt. Dominik Schlipf telefoniert mit den Kollegen an den Schaltpulten. Können sie den Vorhang lüften?
Dann gibt er den Blick frei in einen saalartigen Raum. Die Schaltzentrale mit einem Riesenbildschirm, der das Stromnetz im Land in Echtzeit anzeigt. Wer da unten an einem der runden Tische sitzt, ist Vollprofi. „Jeder Klick ist eine bewusste Aktion“, erklärt Dominik Schlipf. Entsprechend ruhig und überlegt müsse es zugehen. „Es sollte keine Hektik aufkommen.“
Wenn Polen zu wenig Strom hat und Spanien zu viel
Sogar Strom-Übertragungen innerhalb der EU werden von Wendlingen aus gesteuert. Hat beispielsweise Polen zu wenig und Spanien zu viel, kann Wendlingen einen Ausgleich veranlassen. Das sei günstiger, als ein Kraftwerk hochzufahren. Man habe so insgesamt bereits 2,5 Milliarden Euro eingespart, sagt Dominik Schlipf. Wendlingen, Europas Stromjongleur.
Es freut den Bürgermeister, dass seine Stadt im Briefkopf des wichtigsten Standortorts von Transnet BW steht. Im Zuge der Energiewende wird das Unternehmen noch an Bedeutung gewinnen. Viel mehr als das Image hat Wendlingen aber nicht davon.
Zuschauer ist Weigel auch in einem anderen Fall. Eine geeignete Stelle, um diesen zu erörtern, befindet sich südwestlich der Stadt. Mit seinem grün-weißen Regenschirm steht der Bürgermeister an der Brückenreling über der A8 und schaut zur Baustelle der Deutschen Bahn. Er wirkt wie das, was er auch ist: ein Zaungast. Die Zukunft spielt hier wieder eher zufällig auf Wendlinger Boden. Weil die neue Bahntrasse vom Flughafen an dieser Stelle in die Neckartalroute einschwenkt, ist das Städtchen Namensgeber für die beiden „Wendlinger Kurven“, die Ausläufer von Stuttgart 21. „Der ICE“, sagt Weigel, „wird hier trotzdem nicht halten.“
Er zeigt zum neuen Tunnelmund. „Genau da war ein großer Bauernhof.“ Für den Landwirt gab es dort keine Zukunft mehr, „das war schon schwierig, auch emotional“, sagt Weigel. Immerhin hat Wendlingen seither einmal die Stunde einen schnellen IRE nach Ulm. Gerade ist einer unter Weigel durchgerauscht. Er braucht 27 Minuten. „Den wollen wir behalten“, sagt der Bürgermeister. Momentan ist noch unklar, ob er den ICE womöglich ausbremsen könnte. Das hätte Folgen. Dann hätte Wendlingen rein gar nichts mehr von der Wendlinger Kurve. Immerhin haben die Baustellen-Lkw weniger Lärm und Dreck gemacht als ursprünglich befürchtet.
Ein Euro pro Fahrt mit dem Bürgerbus
Mit einem durch und durch echten Wendlinger Kurver ist Steffen Weigel vom Rathaus Richtung Autobahnbrücke gefahren. „Heute fährt für Sie: Angelika Sauer“, steht auf einer Anzeigetafel im Bürgerbus. Am Steuer sitzen Ehrenamtliche. Der Minibus fährt zu Stoßzeiten in einer Stunde drei verschiedene Linien ab. Eine Fahrt kostet einen Euro. Das Konzept geht seit elf Jahren auf, 100 000 Fahrgäste wurden seither gezählt. Lange war der Bürgerbus einziger Stadtb us in der Zukunftsstadt Wendlingen, erst 2020 kamen zwei „richtige“ Linien dazu. Die Chancen auf weitere Verdichtung stehen gut, sobald die S-Bahn im Viertelstundentakt fährt.
Fahrradstraße im Zentrum von Wendlingen?
Und die Chancen für die Fahrradstraße? Mit Radwegen hat es Wendlingen noch nicht so, räumt der Bürgermeister ein. Wobei man bedenken müsse, wie viele Radwege eine Kleinstadt wie Wendlingen denn überhaupt brauche. Jenseits der Hauptstraßen gehe es ruhig zu, sagt Steffen Weigel.
Die Weberstraße liegt mitten im Geschehen zwischen Bahnhof und Rathaus. Sie ist seit November als Radstraße gekennzeichnet. Die Markierung auf der Fahrbahn ist an manchen Stellen abgewetzt. Der Gemeinderat habe ausdrücklich nichts Dauerhaftes gewollt, erklärt Weigel. In der Weberstraße wird die Zukunft erst mal probiert.