Wie geht es den Arthaus-Kinos? Wenn „Barbie“ die Leinwand blockiert

Programmkinotauglich: „Barbie“ Foto: IMAGO/Picturelux/IMAGO

Die Erfolge der Filme „Barbie“ und „Oppenheimer“ gehen zulasten des klassischen Arthaus-Kinos. Auch baden-württembergische Filmverleihe spüren nun die Folgen.

Filmfiguren werden gern vor die Wahl gestellt, ob sie erst die gute oder erst die schlechte Nachricht hören wollen. Mitunter ist es allerdings eine Frage der Perspektive, ob eine Nachricht gut oder schlecht ist, wie ein Blick auf die aktuellen Kinozahlen zeigt: Die Menschen sind in diesem Jahr wieder in die Filmtheater geströmt. Aus Sicht der kleineren deutschen Filmverleihe ist das jedoch kein Grund zur Freude. Die Erklärung lässt sich in einem Wort zusammenfassen: „Barbenheimer“. „Barbie“ (Warner Bros.) und „Oppenheimer“ (Universal Pictures) haben mit insgesamt über 10 Millionen Besuchern bei den Kinobesitzern für strahlende Gesichter gesorgt. Die beiden Hollywood-Produktionen sind auch programmkinotauglich, und das ist die schlechte Nachricht: Plötzlich war kein Platz mehr für andere Filme.

 

Marcus Machura, Mitglied der Geschäftsleitung des Stuttgarter Camino-Filmverleihs, bestätigt die Beobachtung: „Der Mittelstand tut sich momentan sehr schwer.“ Er hat jedoch Verständnis dafür, dass möglichst viele Kinos am Erfolg der beiden Filme partizipieren wollen: „Wenn sich ein Kinobetreiber zwischen einem potenziellen Blockbuster und einem Arthaus-Film entscheiden muss, setzt er vor dem Hintergrund der Coronajahre auf die vermeintlich sicherere Einnahmequelle.“

Nachholbedarf in vielen Bereichen

Für die kleineren Verleiher ist das Phänomen „Barbenheimer“ gleich doppelt fatal: Die Besucher, sagt Machura, „sind insbesondere im Arthaus-Bereich nach der Pandemie nicht so schnell in die Kinos zurückgekehrt wie erhofft. Es gab einen großen Nachholbedarf in vielen Bereichen, da war das Kino nicht unbedingt erste Wahl.“ Gerade die Älteren, die anspruchsvolle Filme bevorzugten, seien noch zögerlich. Das Arthaus-Publikum, bestätigt Gerhard Klein, Geschäftsführer von Der Filmverleih (Stuttgart), „sucht sich nur noch gezielt Filme aus“.

Insgesamt mussten die Programmkinos im ersten Halbjahr 2023 gegenüber 2019 ein Besucherminus von 35 Prozent verkraften. Aber es hat natürlich erheblichen Einfluss auf die Programmstruktur, wenn Arthaus-Kinos kommerzielle Filme zeigen. Das Arthaus-Programm, klagt Klein, unterscheide sich kaum noch vom Angebot der Mainstreamhäuser; Machura spricht von „Monokultur“. Stefan Paul, Geschäftsführer des Tübinger Arsenal-Filmverleihs, betrachtet die Situation mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Arsenal ist auch Kinobetreiber und hat diese Filme ebenfalls gezeigt. Die Branche führe seit Jahren die Diskussion, wie man ein junges Publikum fürs Kino gewinne, und das sei mit „Barbie“ vortrefflich gelungen: „Viele waren offensichtlich zum ersten Mal bei uns im Kino, wie wir an Fragen wie ‚Warum gibt’s kein Popcorn?‘ erkennen konnten.“ Was also muss geschehen, damit auch Arthaus-Filme wieder ihr Publikum finden? Ein entscheidender Aspekt ist die Wahrnehmbarkeit. Amerikanische Großproduktionen, sagt Machura, „haben ein großes Marketingbudget und können entsprechend viel Aufmerksamkeit wecken; ganz unabhängig von ihrer Qualität“. Wenn also, ergänzt Paul, „eine deutsche Produktion keine Aufmerksamkeit weckt, hat sie auch niemand auf dem Radar.“ Deshalb müssten sich die Rahmenbedingungen der Filmförderung ändern: „Was nützt es, wenn eine Produktion gefördert wird, aber später niemand den Film sieht?“ Peter Schauerte, Geschäftsführer des Verbandes der Filmverleiher (VdF), fordert daher eine „Förderung auch des Filmverleihs. Das ist essenziell und muss bei allem Bemühen immer mitgedacht werden.“ Christian Bräuer, Vorstandsvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Kino – Gilde deutscher Filmkunsttheater, sieht das auch so: „Filme mit einem geringen PR-Budget haben vermutlich noch nie richtig funktioniert. Natürlich brauchen wir tolle deutsche Filme in allen Segmenten, von der Nische bis zum Festivalfilm, aber wir brauchen genauso ein entsprechendes Budget für Verleih und Kinos sowie eine Strategie, damit die Arthaus-Filme stärker wahrgenommen werden.“

Dann bleibt aber noch das Problem der blockierten Leinwände: Mit „Killers of the Flower Moon“ von Martin Scorsese ist längst die nächste Großproduktion aus Hollywood in den Programmkinos angekommen.

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