Reportage: Frank Buchmeier (buc)

Wie löst man solche Konflikte ohne Sanktionen? „Auch kontroverse Diskussionen können sachlich anhand der Faktenlage dargestellt werden“, sagt Mussklprozz, 63, selbstständiger Informatiker aus Freiberg am Neckar. Seit zwölf Jahren engagiert sich Mussklprozz für die Wikipedia, in dieser Zeit ist er zur personifizierten Neutralität gereift. Als der Artikel über Nicole Razavi durch den Hinweis ergänzt worden war, die CDU-Landtagsabgeordnete profitiere durch eine Nebentätigkeit von dem Milliardenprojekt Stuttgart 21, löschte Mussklprozz diesen Eintrag mit der Begründung: Die angegebene Quelle, die linksalternative Internetzeitung „Kontext“, sei „nicht neutral, weil sie zu Stuttgart 21 nur kritische Nachrichten veröffentlicht“. Der Vorwurf der Zensur prallt an Mussklprozz ab: Er hat ein starkes Kreuz – und ist selbst ein entschiedener Gegner des Tiefbahnhofs.

Anfang dieses Jahres, als Wikipedia seinen 15. Geburtstag feierte, unkte die „Süddeutsche Zeitung“, das Online-Lexikon sei „auf Dauer nicht lebensfähig“, und die „Frankfurter Allgemeine“ stellte ernüchtert fest: „Das Interesse, das eigene Wissen an eine grenzenlose Internetgemeinde weiterzugeben, scheint zu schwinden.“ Selbst der Soziologe Kurt Jansson, der Wikipedia von Beginn an aktiv unterstützt und heute beim „Spiegel“ angestellt ist, schrieb besorgt: „Der harte Kern der Community umfasst derzeit etwa tausend Autoren – nicht viel, wenn man sich den stetig wachsenden Artikelbestand vor Augen führt.“

Wikipedia braucht dringend Menschen wie Winfried. Menschen, die gründlich recherchieren, verständlich schreiben und routiniert redigieren. Menschen, die ihre freie Zeit dazu nutzen wollen, der Gesellschaft Wissen zu spenden. Vielleicht kann die Wikipedia-Gemeinde Winfried für seine Bemühungen danken: mit einem Artikel über seinen Großvater, dem berühmten Kinderarzt aus Mödritz.