Wirtschaftsförderer Region Stuttgart „Ohne neue Produkte droht der Abstieg“

Seit 25 Jahren Chef-Wirtschaftsförderer der Region: Walter Rogg Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Für den Chef der regionalen Wirtschaftsförderung, Walter Rogg, hat der Ballungsraum Stuttgart vor dem sich ankündigenden wirtschaftlichen Abschwung ein doppeltes Problem: Seine beiden Schlüsselbranchen, der Automobilbau und der Maschinenbau, sind betroffen.

Stuttgart - Sparkurs bei Daimler, Stellenabbau bei Bosch und Co. – das beschäftigt auch den regionalen Wirtschaftsförderer Walter Rogg. Er will gegensteuern.

 

Stehen wir am Anfang einer Krise?

Ich sage schon seit über einem Jahr, dass wir uns auf schwierigere Zeiten einstellen müssen. Damals hieß es dann oft, reden Sie doch keine Probleme herbei, die wir nicht haben. Mittlerweile ist das Bewusstsein ein anderes.

Dennoch scheint vielen der Ernst der Lage noch nicht klar. Woran liegt das?

Wir kommen aus einem Jahrzehnt, in dem es nur bergauf ging. Wir haben eine Steigerung des Bruttoinlandsprodukts von 100 auf 150 Milliarden Euro hinter uns – allein in der Region Stuttgart, das entspricht dem BIP von ganz Ungarn. Wir haben einen Zuwachs von 200 000 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten, das ist so viel, wie im Kreis Ludwigsburg Menschen überhaupt sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind.

Aber jetzt drohen Arbeitsplatzverluste im Bereich Automotive. Wie viele?

Eine Vorhersage ist sehr schwer zu treffen, dafür sind die Entwicklungen zu komplex. Die Schätzungen reichen von 125 000 der Fraunhofer IAO bis zu 360 000 des BUND deutschlandweit in der Automobilwirtschaft. Auf die Region Stuttgart mit rund einem Viertel aller deutschen Automotive-Arbeitsplätze runtergebrochen, wären das rein mathematisch schlimmstenfalls 30 000 bis 90 000. Aber genau weiß das heute niemand. Sicherlich werden auch neue Arbeitsplätze in anderen Bereichen entstehen, die diese Entwicklung entschärfen.

Geht die Erfolgsgeschichte zu Ende?

Zunächst hatte sie Folgen. Wir brauchen uns einerseits nichts zu wundern, dass es Wohnungsmangel und Staus auf den Straßen gibt. Andererseits: die Weltwirtschaft würde ohne die Produkte aus der Region Stuttgart nicht funktionieren. Um es zuzuspitzen: kein einziger Tesla könnte gebaut werden ohne die Produktionstechnik aus der Region.

Mit unserem Know-how werden anderswo die zukunftsfähigeren Produkte gebaut?

Ja und nein. Wir stehen vor Herausforderungen, wie andere Regionen auch. Aber das besondere ist bei uns die Gleichzeitigkeit und die Dynamik der Veränderungen. Wir haben die Veränderungen im Fahrzeugbau wie andere Autoregionen auch, aber wir haben gleichzeitig auch die Veränderungen im Maschinenbau, Stichwort: Digitalisierung. Beide sind tragende Säulen unserer Wirtschaft: Der Fahrzeugbau hat einen Industrieumsatzanteil von 53 Prozent in der Region. Wenn man den Anteil des Maschinenbaus dazu nimmt, der die Fabriken der Autoindustrie ausrüstet, dann sind wir bei zwei Drittel des Umsatzes, der direkt am Auto hängt. Die Transformation bedeutet aber, dass wir in der Autoindustrie deutlich weniger Arbeits- und Ausbildungsplätze haben werden, im Maschinenbau wahrscheinlich genauso. Die Firmen werden sich im digitalen Wirtschaften neu erfinden müssen.

Was bedeutet das für die Region?

Zuerst: Wir haben einen Exportanteil von 69 Prozent, ohne den Export wären wir grob gesagt 69 Prozent weniger reich. Das müssen wir uns klar machen in einer Zeit, in der der Protektionismus sich überall ausbreitet – nicht nur bei Politikern, sondern auch bei Wählern. Zugleich haben wir die demografische Entwicklung, dass 750 000 Menschen in den nächsten 15 Jahren in die Rente gehen werden. Es kommen aber nur 530 000 Berufsanfänger hinzu. Deshalb stellt sich die Frage: Wenn wir den wirtschaftlichen Erfolg nur halten wollen, brauchen wir für über 200 000 Leute Wohnungen, für ihre Kinder Betreuungsplätze – und das in einem Ballungsraum, in dem schon heute der Platz knapp ist.

Einspruch: Muss man darüber nicht sogar froh sein, da dann die Arbeitsplatzproblematik nicht so scharf ausfällt?

Das kann man so sehen. Und viele Firmen reagieren ja genauso, indem sie frei werdende Arbeitsstellen nicht mehr besetzen. Aber mit weniger Beschäftigten geht auch die Wirtschaftskraft zurück. Und das kann nicht im Gesamtinteresse der Region sein.

Sie setzen also auf weiteres Wachstum?

Auch wir als Wirtschaftsförderung wollen eine nachhaltige Region. Wir würden es aber für Selbstmord halten, wenn wir das Auto verteufeln. Wir brauchen Konzepte für eine nachhaltige Mobilität, in der das Auto weiter eine Rolle spielt. Aber es wäre genauso Selbstmord, wenn wir die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen so fortsetzen wie in den vergangenen Jahrzehnten. Insofern könnte auch die urschwäbische Tugend des Maßhaltens ein Exportschlager werden.

Wir haben den Eindruck, dass hier zwar viel von Klimaschutz geredet wird, dies in anderen Ländern aber nicht so relevant ist?

Selbst wenn man unterstellt, dass wir heute einen Hype um den Klimawandel haben – was ich nicht glaube –, ändert dies nichts daran, dass unsere Lebensgrundlagen massiv bedroht sind. Wenn unsere Wirtschaft künftig Produkte und Verfahren anbietet für ein nachhaltiges und sozial verantwortliches Wirtschaften, dann werden wir bis in die nächsten Generationen davon leben können, wie wir bisher 125 Jahre bestens vom Automobilbau leben. Wenn wir das nicht machen, dann droht der Abstieg des Branchenprimus.

Was heißt das konkret?

Ich sehe das Potenzial in der Energie- und Ressourceneffizienz, in der Dekarbonisierung, in Umwelt- und Medizintechnik, in der IT, der Künstlichen Intelligenz und in neuen Mobilitätssystemen. In diesen Bereichen können wir neue Produkte und Verfahren mit unserer bestehenden herausragenden Fertigungskompetenz verbinden. Die Firmen brauchen für die Transformation aber die bestehenden Fabriken für ihre eingeführten Produkte, mit denen sie ja weiter Geld verdienen müssen. Und sie brauchen auch Anlagen für die neu zu entwickelnden Produkte der nächsten Generation. Wir brauchen also dafür auch neue Flächen.

Aber schon heute gibt es kaum Flächen?

Wir müssen nach intelligenten Lösungen suchen. Man könnte einen Zertifikatehandel für neue Flächen einführen. Oder man findet einen gesellschaftlichen Konsens mit Naturschützern dahingehend, dass man sagt, der Naturschutz verhindert heute keine neue Flächen, dafür legen wir aber fest, dass die Brachen, die entstehen, wenn die Fabriken für die bisherigen Produkte nicht mehr gebraucht werden, renaturiert werden. Wir brauchen nicht massenhaft neue Gewerbegrundstücke, sondern ein Dutzend mit 10 bis 15 Hektar.

Meistern wir die Krise?

Das wird kein Selbstläufer. Das größte Problem sehe ich darin, dass wir glauben, dass es immer gut geht. Aber es ist in anderen Regionen nicht immer gut gegangen. Wir haben alle Möglichkeiten dank einer herausragenden Forschung und Entwicklung, dank unserer Produktionskompetenz und dank der qualifizierten Arbeitskräfte. Es hängt an uns, was wir daraus machen.

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