Wirtschaftshilfe Esslingen Zwischen Kurzurlaub und Hilfe in der Not

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Nach dem Krieg als Instrument gegen den Schwarzhandel gegründet, ist die Wirtschaftshilfe Esslingen längst zur Sozialeinrichtung geworden. In den Verkaufsräumen in der Sirnauer Straße begrüßt Geschäftsführer Michael Jakob täglich rund 150 Kunden.

In der Städtischen Wirtschaftshilfe gibt es nichts, was es nicht gibt. Foto: Horst Rudel
In der Städtischen Wirtschaftshilfe gibt es nichts, was es nicht gibt. Foto: Horst Rudel

Esslingen - Michael Jakob ist Oberamtsrat in Diensten der Stadt Esslingen. Im Gegensatz zu dieser farblosen Dienstbezeichnung macht Jakob den wohl schillerndsten Job in der Verwaltung. Seit 28 Jahren ist er Verkäufer, Berater, Reparaturdienst, Monteur, Sozialarbeiter, Moderator, öffentlich beliehener Versteigerer, Schlichter und versierter Fachmann für allerlei Rares und Skurriles in einer Person. Michael Jakob ist Geschäftsführer der Städtischen Wirtschaftshilfe.

Die „Städtische Wirtschaftshilfe – Verkaufsstelle für Gebrauchswaren“ war bis zur Wiedervereinigung die letzte noch unter kommunaler Regie betriebene Einrichtung ihrer Art in Deutschland. Möglicherweise ist sie es immer noch, aber so weit will sich der Geschäftsführer, in Unkenntnis der Landschaft in den neuen Bundesländern, nicht aus dem Fenster lehnen. Dieser Tage hat die Wirtschaftshilfe Esslingen ihren 70. Geburtstag gefeiert.

Ein Wintermantel für 50 Mark

„Die Wirtschaftshilfe ist nach dem Krieg ins Leben gerufen worden, um dem Schwarzmarkt und dem privaten Tauschhandel die Basis zu entziehen“, erklärt Jakob. Die Waren sollten nicht in dunklen Kanäle versanden, sondern, ordentlich registriert, bezahlt und versteuert, den Besitzer wechseln. Was ordentlich bezahlt heißt, lässt sich aus dem von Hand geführten Kassenbuch von damals noch ablesen. Ein Wintermantel hat damals, im ersten Domizil der Wirtschaftshilfe, im Ritterbau am Ende der Bahnhofstraße, für 50 Mark den Besitzer gewechselt, für ein paar Schuhe waren 25 Mark fällig.

„Das war so kurz nach der Währungsreform ein kleines Vermögen “, sagt Jakob. Heute, nachdem die Wirtschaftshilfe im Laufe ihres Bestehens auch drei Mal umgezogen ist, findet sich im umfangreichen Bestand kaum noch ein Kleidungsstück, das mehr als acht Euro kostet. Wer sucht und Geduld hat, findet auch mal einen kompletten Herrenanzug oder das passende Abendkleid für schlanke 15 Euro, was den Geschäftsführer zu der Feststellung verleitet: „Überall wird alles teurer, nur bei uns in der Wirtschaftshilfe wird es jedes Jahr billiger.“ Ungeachtet dessen lässt sich der Preis immer noch runterhandeln, je nachdem wie lange die Ware schon auf dem Kleiderhaken hängt.

Im Finanzdezernat angesiedelt

Das die Wirtschaftshilfe ihre Wurzeln trotz dieser atmenden Preisgestaltung nicht als soziale Einrichtung, sondern im klassischen Wirtschaftsbereich gehabt hat, lässt sich heute noch an der Dezernatszuordnung ablesen. Die Wirtschaftshilfe ist nach wie vor beim Finanzdezernat der Stadt Esslingen angesiedelt und nicht etwa dem Sozialbereich zugeordnet. Das hat auch den Esslinger Finanzbürgermeisters Ingo Rust bei seinem Amtsantritt überrascht. „Als mir der Begriff Wirtschaftshilfe zum ersten Mal begegnet ist, dachte ich zuerst an eine Einrichtung der Wirtschaftsförderung“, gibt Rust zu.

Inzwischen zählt er selbst zu den Kunden in der Sirnauer Straße 4, unweit des Stadtparks Maille. „Ich habe einen alten Stich von Esslingen gekauft und zuletzt ein altes Postkartenheft der Salzwerke Heilbronn. Das haben wir dann aus Anlass eines Betriebsausflugs dem dortigen Geschäftsführer als Gastgeschenk überreicht“, sagt Rust.

Der Finanzbürgermeister gehört allerdings inzwischen zu den untypischen Kunden in den schmucklosen, immer etwas überladen wirkenden Verkaufsräumen. „Bestimmt 50 Prozent der Menschen, die zu uns kommen, haben inzwischen einen Migrationshintergrund“, sagt Jakob. Die suchten eben keinen Stich von Esslingen, kein Postkartenheft und keinen antiken Jugendstil-Schreibtisch, sondern Matratzen, Kleiderschränke, Waschmaschinen, Kleidung und vielleicht noch ein Fernsehgerät.

Geheimtipp unter Schnäppchenjägern

Auch wenn das Sortiment inzwischen der Nachfrage Rechnung trägt und die antiquarischen Bücher beispielsweise den Groschenromane gewichen sind, gilt die Wirtschaftshilfe immer noch als Geheimtipp für Zeitgenossen, die das Besondere suchen. „Für mich ist das Stöbern hier immer ein bisschen wie ein Kurzurlaub“, sagt eine Stammkundin. Um im Bild zu bleiben: ein Souvenir bleibt immer hängen. Und wenn das gute Stück dann doch eher im Überschwang, denn nach Kalkül gekauft worden ist, kann man es ja immer noch ohne großen Aufhebens wieder in den Warenkreislauf zurückführen.

„Das geht ganz einfach. Die Verkäufer lassen sich einen Termin bei uns geben, dann schauen wir uns die Ware an und schätzen sie. Danach kommt sie in den Verkauf, wo sie maximal sechs Wochen bleibt“, erklärt Jakob den Ablauf. Wird das gute Stück verkauft, dann gehen 60 Prozent des Erlöses an den Einlieferer. Von den restlichen 40 Prozent finanziert sich die Wirtschaftshilfe: Miete, Mitarbeiter, Energiekosten, Werbung. „Unterm Strich muss die schwarze Null stehen“, sagt Ingo Rust mit Hinweis auf den 500 000 Euro-Etat. Das schaffen Michael Jakob und sein Team aus zuverlässig. Lediglich zu Beginn der 2000er Jahre war die Wirtschaftshilfe aus dem finanziellen Gleichgewicht geraten. Ihr drohte das gleiche Schicksal, das ihre nächsten Nachbarn, die Volkshilfe Ludwigsburg und die städtische Gebrauchswarenvermittlungsstelle Stuttgart schon in den 1970er Jahren ereilt hatte – die Liquidation. „Das Kommissionsgeschäft war damals völlig eingebrochen. Daran war nichts mehr zu verdienen“, erinnert sich Jakob. Unter seiner Regie ist das Ruder rumgeworfen und die Haushaltsauflösungen als zweites Standbein etabliert worden. „Dieses Geschäft macht inzwischen 50 Prozent unseres Ertrags aus“, sagt der Geschäftsführer.

Eine Schere mit Geschichte

Das Lieblingsstück von Michael Jakob erzählt viel von der Geschichte der Wirtschaftshilfe und noch mehr von der Bedürftigkeit der Menschen, die ihre Dienst in Anspruch nehmen. Es ist eine Schere, deren einer Griff abgebrochen ist. Der Besitzer hat das abgegangen Plastikteil durch eine kunstvoll befestigte Holzkonstruktion ersetzt. „Der hat gefragt. ob er dafür nicht noch eine Mark bekommen könnte.“ Konnte er und seitdem befindet sich das Scherenunikat (links im Bild) – mittlerweile unverkäuflich – in Jakobs Besitz.




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