Wohnen in schönen Gebäuden Architektenhaus für 180 000 Euro
Grundstück geschenkt bekommen – und nun? Wie eine junge Frau in einem Dorf im Allgäu ihren extravaganten und günstigen Haustraum verwirklicht.
Grundstück geschenkt bekommen – und nun? Wie eine junge Frau in einem Dorf im Allgäu ihren extravaganten und günstigen Haustraum verwirklicht.
Ungerhausen - Nicht mal als Garage sei dieses Haus brauchbar! Christian Groß erzählt von einem Leserbrief zu einem Artikel über das Haus, vor dem er in diesem Moment steht. Was nicht einmal stimmt. Denn die Bauherrin hat in dem Gebäude tatsächlich auch noch eine Garage untergebracht, doch dies nur nebenbei. Der Architekt lächelt und schüttelt den Kopf. Er wundere sich schon, warum Menschen sich derart echauffierten.
Vielleicht, weil das Haus konsequent in seinem ästhetischen Anspruch ist, was die Schlichtheit betrifft. Das Objekt der Aufregung steht in Ungerhausen im Allgäu nahe Memmingen in zweiter Reihe. Man sieht es kaum, wenn man auf der Straße daran vorbeifährt. Das Einfamilienhaus hat mehrere Architekturauszeichnungen erhalten, auch, weil es ein Statement für Nachverdichtung auf dem Lande ist. Dazu zeigt es: Architektenhäuser müssen nicht teuer sein. Dieses hier ist für 180 000 Euro entstanden inklusive Möbeleinbauten und Garage.
Allerdings, ein Bau mit Aluwellen-Fassade, daran scheiden sich offenbar die Geister. Dabei nehmen die Form und Fassadenstruktur sogar die des Holzstadels nebenan auf und es hat ein klassisches Sattel-Dach. Auch die Farbe des Hauses wurde an die dunkel gestrichenen Holzstadel angelehnt.
„Es hat im Dorf schon einige Kommentare gegeben“, sagt der Vater der Bauherrin Anna-Marlen Weissenhorn, der sich an diesem sonnigen Samstagmittag aufs Fahrrad schwingt – nicht aber, ohne seine Tochter zu loben. „Wir waren skeptisch, ob das alles klappt. Aber wir sind überzeugt von dem Entwurf. Wir stehen voll zu dem Haus.“
Auch insofern ist das gut für die Familienharmonie, da die Eltern den Bau stets im Blick haben. Hinter dem Garten ihres Hauses schließt sich nämlich das 700 Quadratmeter große großelterliche Grundstück an, das sie ihrer Tochter geschenkt haben. Hinter Anna-Marlen Weissenhorns Haus schließen sich noch zwei Grundstücke an.
„Die Wohnungen, die ich mir angeschaut hatte, gefielen mir nicht, und als ich das Grundstück geschenkt bekommen hatte, dachte ich, dann baue ich eben ein Haus. Und ich hatte schon immer ein Faible für Beton.“ Allerdings fand die 32-jährige Personalreferentin keine Firma, die schlüsselfertiges Bauen anbietet und ihr ein Haus bauen würde, in dem Beton deutlich sichtbar bleibt. „Also fragte ich meinen langjährigen Freund Christian.“ Der Münchner Architekt nahm die Herausforderung an. „Ich hatte schon Erfahrungen, auch mit unkonventioneller Materialität umzugehen“, sagt Christian Groß.
Für die Fassade wählten sie günstiges und pflegeleichtes Alu-Wellblech in einer Farbe, in der sich ohne Extraanfertigung farblich passende Fensterrahmen und die Eingangstür besorgen ließen. Im Haus dominiert Beton, samt Kiesnestern an zwei Wänden. Beton ist eine Mischung aus Zement, Sand und Kies (Gesteinskörnungen). Während des Baus können zwischen diesen Gesteinskörnungen Hohlräume entstehen, wenn die Elemente sich mit dem beigemengten Wasser nicht optimal verbinden, die nennt man dann Kiesnester. Man kann das schönheitsreparieren. Das aber war für Anna-Marlen Weissenhorn kein Thema. „Mir gefällt gerade das Rohe“, sagt sie. „Das erspart jedes Bild.“
Nachdem der Rohbauer die Betonskulptur errichtet hatte, kam ein Zimmerer aus dem Allgäu zum Zuge und lieferte ein vorfabriziertes Holz-Wandsystem, das sozusagen über das Betonskelett gebaut wurde. Auch das half, Kosten zu sparen.
Die Holzplatten sind mit einem Material bezogen, das aussieht, als habe jemand einen Stein ins Wasser geworfen, der Ringe entstehen lässt: Es handelt sich um Seekiefer, vom Baum abgeschält, deshalb die interessante Maserung. Dass die Hausherrin sich dagegen entschieden hat, die Wände zu dekorieren, ist nachvollziehbar.
Vom Eingang aus geht es geradeaus durch einen kleinen Flur – um keinen der 120 Quadratmeter Wohnfläche zu vergeuden, ist links eine Gästetoilette, rechts führt eine Tür zur Garage. „Ich finde es angenehmer, vom Auto trockenen Fußes ins Haus gehen zu können, gerade auch, wenn man abends später heimkommt“, sagt Anna-Marlen Weissenhorn.
Links biegt man von der Garderobe in die Küche ab und von dort um die Ecke geht’s in den Wohnbereich mit den großen Terrassentüren. Hier schaut man bis hinauf zum Dach, die Höhe von 6,20 Meter macht das Haus luftig und licht. „Als die ersten Nachbarn kamen, waren sie überrascht, wie hell und großzügig es hier ist“, sagt Christian Groß.
Auch die Freunde des jüngsten Bewohners finden das Haus schön: „Die Freunde meines Sohnes lieben es, hier unten zu spielen. Für sie ist das ganz normal: Wenn sie zu uns gehen, sagen sie ihren Eltern einfach, wir sind im schwarzen Haus“, sagt Anna-Marlen Weissenhorn. Zwar gibt es neben Schlafzimmer und Badezimmer ein Kinderzimmer für den Zweieinhalbjährigen im ersten Stock, doch wie in vielen Häusern und Wohnungen hält sich der Nachwuchs auch gern im Wohnbereich auf. Erst recht, wenn der sich über die komplette Länge von zwölf Metern erstreckt.
Was die Innengestaltung betrifft, waren sich Bauherrin und Architekt einig. Christian Groß: „Wir wollten, dass das Haus trotz des Budgets nicht billig wirkt, deshalb haben wir sehr auf Details auch in der Optik geachtet.“ Innenbündige Fenster wählte man und eine scharfkantige Betonierung – diese sei an den Türrahmen zum Beispiel „knifflig, aber wichtig“. Im Bad sorgt ein Lichtkanal dafür, dass auch der Sanitärbereich im Erdgeschoss mit Helligkeit versorgt wird.
Und weil Küche und Wohnzimmer ineinander übergehen, entschied man sich für passgenaue, vom Schreiner entworfene Küchenmöbel aus beschichteten weißen Spanplatten.
Eine befreundete Galeristin machte zudem Vorschläge für Leuchten, Tisch und Stühle, die zur extravaganten Schlichtheit des Hauses passen. Die Preise unterschieden sich nicht von jenen, die man in üblichen Einrichtungshäusern für weit weniger designorientierte Möbel bezahlt, berichtet Anna-Marlen Weissenhorn. Neben Holz und Beton dominieren die Farben Grau, Weiß und Schwarz – Grün, wenn man den Blick in den Garten und auf die Grundstücke auf der Rückseite des Hauses hinzunimmt.
Während der Bauzeit, sagen Bauherrin und Architekt, sei alles sehr glückvoll und harmonisch verlaufen, dies will etwas heißen, da die Bauherrin in dieser Zeit zwischen einem Jahr Planung und einem Jahr Bauzeit auch noch ihren Sohn auf die Welt gebracht hat. Und daher wurde aus dem geplanten Arbeits- kurzerhand ein Kinderzimmer. Noch hat das schwarze Haus Vorreiterrolle im Dorf. Und das Haus, das an Anna Weissenhorns Haus angrenzen wird, soll wohl im sogenannten „Toskana-Stil“ errichtet werden.
Das Argument freilich, dass Architektenhäuser zu teuer seien im Vergleich zu 08/15-Bauten, wie man sie in vielen Neubaugebieten sieht, haben Architekt und Bauherrin im Praxistest eindrücklich widerlegt.
Das Haus hat mehrere Architekturpreise erhalten. Es war als eines der wenigen Einfamilienhäuser in der engeren Wahl für den Thomas Wechs Preis 2018. Für den Baupreis Allgäu 2018 erhielt es eine Anerkennung sowie für den Preis Das Goldene Haus 2018 und es war nominiert für den DAM (Deutsches Architektur Museum) Preis 2019.