Workshop für Drehbuchautoren Funktioniert die Story?

Wie ticken die Filmfiguren? Die Drehbuchaufstellung wird für die Workshopteilnehmer aufgezeichnet. Foto: Frank Buchmeier

Psychologie für Drehbuchautoren: Bei einem Workshop in Baden-Baden werden fiktionale Stoffe nach der Methode der Familienaufstellung durchleuchtet.

Reportage: Frank Buchmeier (buc)

Baden-Baden - Am 9. Oktober 2003, kurz vor 21 Uhr scheint es Yvonne Görlach geschafft zu haben. Auf der Bühne des Frankfurter Congress-Centrums steht sie neben der Schauspielerin Hannelore Elsner („Die Kommissarin“) und dem Filmproduzenten Nico Hofmann („Der Tunnel“). Görlach erhält für ihr Drehbuch „Die Fabel von Kamuniak“ den Hessischen Filmpreis. Applaus für die talentierte Schreibkünstlerin und ihr berührendes Drama über ein legasthenisches Kind!

 

Fast anderthalb Jahrzehnte später ist „Die Fabel von Kamuniak“ noch immer nicht verfilmt. Die Drehbuchautorin Yvonne Görlach hat mittlerweile ihren 50. Geburtstag gefeiert. Sie sitzt nicht in Hollywood unter Palmen, sondern wohnt mit ihrer Patchworkfamilie in einem Vorort von Darmstadt. Mehrere Auszeichnungen tauchen in ihrer beruflichen Vita auf sowie ein Stipendium der Stadt Nürnberg. Manches Projekt konnte sie mit öffentlichen Fördermitteln vorantreiben, einzelne Filme, die nach ihren Vorlagen entstanden sind, wurden auf Festivals gezeigt. Doch im Fernsehen tauchte ihr Name bis heute in keinem Vorspann auf. „Ich bin nicht so supererfolgreich“, sagt sie – ein Satz, der schätzungsweise auf neunzig Prozent der deutschen Drehbuchautoren zutrifft. „Ich erlebe viele Rückschläge, trotzdem bin ich noch immer davon überzeugt, dass ich den schönsten Beruf der Welt habe.“

Morgens um acht schlappt sie in Birkenstocksandalen durch den Garten zu einem Schuppen, den sie „meine Schreibhütte“ nennt. Über dem Tisch hängt ein Plakat von Charlie Chaplins „Lichter der Großstadt“, in dem Filmklassiker von 1931 verliebt sich ein Tramp in ein blindes Mädchen. Yvonne Görlach mag sozialkritische Stoffe, in denen es kräftig menschelt. Neben Theater-, Film- und Medienwissenschaft hat sie Psychoanalyse studiert. „Mich interessieren die wahren emotionalen Konflikte“, sagt sie. Für Vorabendseifenopern wie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, den Groschenromanen des 21. Jahrhunderts, würde sie ihren Laptop nicht einschalten. Lieber verzichtet sie auf einen Auftrag, als ihre Ansprüche herunterzuschrauben.

Der Traum vom Fernsehfilm

Ihr neuestes Werk trägt den Titel „Der Tag der bösen Schildkröte“ und dreht sich um eine Zwölfjährige, die sich in einen älteren Jungen verschossen hat und ihn mit ihrer Eifersucht quält. Yvonne Görlach ist von dem Jugenddrama überzeugt: „Es thematisiert die glühende Leidenschaft, mit der ein Kind an der Schwelle zum Erwachsenwerden lieben kann, ohne sich über die gewaltige Diskrepanz zwischen Fantasie und Realität klar zu sein.“ Dennoch traut sie sich noch nicht, das Exposé an einen Sender zu schicken, denn dann könnte der Traum vom Fernsehfilm schnell vorbei sein. „Die Story funktioniert so nicht“, lautet ein Standardurteil von Redakteuren. Yvonne Görlach hat diese fünf Worte schon oft zu hören bekommen.

Bevor sie andere über „Der Tag der bösen Schildkröte“ richten lässt, will Yvonne Görlach das Skript selbst durchleuchten. Doch wie kann sie herausfinden, ob ihre Figuren glaubwürdig sind, die Handlung schlüssig ist und der Erzählbogen richtig gespannt ist, solange der Film bloß aus Buchstaben auf ihrem Computerbildschirm besteht?

Auf der Suche nach Antworten verlässt Yvonne Görlach ihre Schreibhütte in Darmstadt-Eberstadt und fährt mit der Bahn 150 Kilometer Richtung Süden. Am Rand der Kurstadt Baden-Baden, im Kloster Lichtenthal, beten seit acht Jahrhunderten Cistercienserinnen – und dort treffen sich seit 2014 Drehbuchautoren im Rahmen des Fernsehfilmfestivals zu einem Workshop. Der Veranstalter Top Talente ist ein Verein aus München, der laut seiner Satzung „den kritischen Diskurs über Dramaturgie, Charaktere, Haltungen und Qualitätsmerkmale, die im Zusammenhang mit den christlichen Grundlagen unserer Kultur stehen“, fördern will.

Fünf harte Tage

Die Vereinsvorsitzende Imogen Nabel, im Hauptberuf Fernsehredakteurin beim SWR, sitzt im Stuhlkreis und stimmt auf ein „richtig hartes fünftägiges Programm“ ein: drei Empfänge mit Filmschaffenden im Kurhaus, mehrere Vorführungen von Festivalbeiträgen plus anschließender Diskussion mit der Jury, ein intensives Pitch-Training als Vorbereitung auf die abschließende Präsentation der eigenen Drehbücher vor Produzenten und Redakteuren. „Das ist eine einmalige Chance für euch“, sagt Imogen Nabel. „Ohne die Unterstützung eines Senders werdet ihr es nie schaffen, dass eure Stoffe verfilmt werden – es sei denn, ihr seid Til Schweiger.“

Nach der Vorstellungsrunde steht fest, dass kein Filmstar anwesend ist. Die zwölf Teilnehmer tragen Namen wie Paula Redlefsen, Jan Hellstern oder Miriam Nowak und verdienen ihren Lebensunterhalt als Theaterschauspielerin, Werbefilmer oder Übersetzerin, das Schreiben läuft eher nebenher. Yvonne Görlach ist in dieser Runde diejenige mit der größten Berufserfahrung, immerhin ist sie neben ihrem Autorinnendasein an der Drehbuchwerkstatt der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film als Mentorin tätig: Branchengrößen wie Hans-Christian Schmid („Nach fünf im Urwald“), Friedrich Ani („Kommissar Süden“) und Bernd Lichtenberg („Good bye, Lenin“) haben dort ihr Handwerk gelernt beziehungsweise verfeinert.

Genug des Vorgeplänkels, nun geht’s zur Sache. Für den Praxisteil wurde Claudia Gladziejewski engagiert. Die Leiterin der Abteilung „Kino und Debüt“ beim Bayerischen Rundfunk genießt unter Drehbuchautoren den Ruf einer Wunderheilerin. Durch das „Phänomen des wissenden Feldes“, verspricht sie, könne sie dafür sorgen, dass bei den Schreibern „erlahmte Motivation zurückkehrt“ und „ein lange überfälliger Durchbruch erreicht wird“.

Schauspielerei ist streng verboten

Gladziejewskis Methode basiert auf der Familienaufstellung des Psychoanalytikers Bert Hellinger. Bei dem therapeutischen Verfahren versetzen sich sogenannte Stellvertreter in ihnen unbekannte Personen hinein. Die Fernsehredakteurin Gladziejewski stellt statt real existierender Familienmitglieder jene Figuren auf, die sich die Drehbuchautoren ausgedacht haben. Schauspielerei ist streng verboten, es geht um Intuition. „Denkt nicht nach, sondern spürt in euch hinein“, sagt Gladziejewski. „Diese Gefühle werde ich abfragen.“

Mit einem leeren Magen fällt es schwer, sich auf tiefe Emotionen (außer Hunger) zu konzentrieren. Deshalb pilgern die zwölf Workshopteilnehmer und ihre zwei Dozentinnen erst noch vom Kloster zur Bäckerei. Unterwegs berichtet Imogen Nabel von immer mehr unverlangt eingereichten Drehbüchern, die beim SWR landen, und immer weniger Filmproduktionen: „Unsere Budgets sind seit Jahren nicht gestiegen, die Kosten aber schon.“ Ihre Kollegin Claudia Gladziejewski vom Bayerischen Rundfunk kritisiert das deutsche Fördersystem, das die Autoren und Produzenten unter Zeitdruck setze und dazu führe, dass Drehbücher verfilmt würden, die eigentlich noch überarbeitet werden müssten. Umso wichtiger sei es, sich frühzeitig mit dem Stoff intensiv auseinanderzusetzen. „Deshalb bin ich hier“, sagt sie.

Jede Drehbuchaufstellung beginnt mit einer präzisen Fragestellung. Yvonne Görlachs lautet: „Was treibt Maria an, das zu tun, was sie tut?“ Der Plot, den sie grob skizziert, geht so: Die zwölfjährige Protagonistin verliebt sich in den attraktiven Nico, der aber mehr auf ihre ältere Schwester Anna steht – weswegen sich Maria an Nico rächt. Welche Motive hinter dieser Handlung stecken, ist der Autorin noch nicht ganz klar. „Wen brauchen wir für diese Aufstellung?“, fragt Claudia Gladziejewski. Logisch: Maria, Nico und Anna. Aber auch die Eltern, denn sie haben die Kinder geprägt und beeinflussen sie noch immer.

Die Gefühlswelt der Figuren wird lebendig

Auf der Bewusstseinsebene passiert nun Folgendes: Yvonne Görlach sucht unter den Workshopteilnehmern Stellvertreter für ihre Figuren aus, fasst sie von hinten an den Schultern und verteilt sie entsprechend ihrer Bedeutung im Raum: Aus Paula Redlefsen wird Maria, aus Jan Hellstern Nico, aus Miriam Nowak ihre Mutter und so weiter. Claudia Gladziejewski geht reihum: „Wie fühlt ihr euch?“

Erstaunlicherweise löst diese simple Systematik wahrhaftige Empfindungen aus. Die Gefühlswelt der Figuren wird quasi lebendig, die Stellvertreter zu einer Art Medium. Sie sagen: „In mir ist eine große Leere“, „Ich habe Angst, dass Nico nicht gut für meine Tochter ist“ oder „Meine junge Schwester nervt mich“. Am Ende der Aufstellung fällt Maria ihrer Mutter weinend in die Arme (bei Paula Redlefsen fließen tatsächlich Tränen), Nico liegt am Boden – und die Autorin Yvonne Görlach weiß, wie ihre Figuren ticken: „Das sind lauter liebe Menschen, die ihre inneren Konflikte auf ihre Mitmenschen übertragen und so in eine Katastrophe schlittern.“ Rational ist dieser Erkenntnisprozess nicht zu erklären, eine Drehbuchaufstellung zapft das Unterbewusstsein an.

Florian Henckel von Donnersmarck hat seinen mit einem Oscar prämierten Film „Das Leben der Anderen“ in weiten Teilen auf diese Weise entwickelt. In einem Interview mit der Zeitschrift „Psychologie heute“ erklärte der Autor und Regisseur: „Die Art, wie jemand im Raum steht, enthält fast unbegrenzt viele Informationen. Ich kann mit meinen Figuren reden und sie Dinge fragen, die mir schon lange auf dem Herzen lagen. Und sie werden mir darauf antworten müssen, in aller Ehrlichkeit, aus der Dynamik der Konstellation heraus.“ Aus dieser Versuchsanordnung konstruierte Henckel von Donnersmarck vielschichtige Protagonisten wie den Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler: einen Menschen, den der Zuschauer eigentlich ablehnt, dessen wachsende Sehnsucht nach einem erfüllteren Leben aber zugleich Sympathien weckt.

Eine ergiebige Inspirationsquelle

Auch für Yvonne Görlach erwies sich das Drehbuchaufstellen bereits als ergiebige Inspirationsquelle. Im vergangenen Jahr ließ sie das Exposé von „Karla“ im Kloster Lichtenthal beleuchten, eine Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit beruht: Ein Mädchen verklagt ihren eigenen Vater, der sie missbraucht hat. „Ich bin mit so viel Energie aus Baden-Baden zurückgekehrt, dass ich das komplette Drehbuch innerhalb von fünf Tagen geschrieben habe“, erzählt Görlach. Der Bayerische Rundfunk kaufte die Rechte für „Karla“, mittlerweile gibt es für den Film auch einen Produzenten. Noch nie stand Yvonne Görlach so kurz vor dem Ziel: „ARD, Mittwochabend, 20.15 Uhr – wäre schon fantastisch, wenn ich es einmal auf diesen Sendeplatz schaffen würde.“

Und wie geht’s mit „Der Tag der bösen Schildkröte“ weiter? Beim Baden-Badener Fernsehfilmfestival zeigte der ZDF-Redakteur Pit Rampelt Interesse an dem Jugenddrama. Rampelt ist eine Branchengröße, mehr als hundert Fernsehfilme hat er entwickelt und betreut. „Gerade läuft es für mich richtig gut“, sagt Yvonne Görlach. Vielleicht wird ihr Name im kommenden Jahr im ARD- oder ZDF-Programm auftauchen. Noch muss die Drehbuchautorin mit der Ungewissheit leben. Das ist die Schattenseite ihres Traumberufs.

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