Frau Aki-Sawyerr, nachdem Sie 2018 zur Bürgermeisterin von Freetown gewählt wurden, haben Sie ein ambitioniertes Projekt auf den Weg gebracht: „Transformation Freetown“. Was ist das konkret?
Es ist ein Entwicklungsprogramm. Grundlage war die Erfassung des Status quo: Wir führten eine Befragung von 15 000 Menschen durch und baten sie, städtische Leistungen zu bewerten. Das Ergebnis: Freetown stuften sie als Failed City ein, als Stadt, deren Infrastruktur in den Bereichen Wohnen, Verkehr, Gesundheit, Umwelt komplett versagt.
Hat Sie das überrascht?
Nein, das hat sich mit meiner Wahrnehmung gedeckt. Deshalb wollte ich Bürgermeisterin werden, obwohl ich nie eine politische Karriere angestrebt hatte. Ich bin Wissenschaftlerin.
Das schlägt sich in Ihrem Ansatz für „Transformation Freetown“ nieder . . .
Unser Ansatz ist empirisch, unser Vorgehen strukturiert. An der London School of Economics . . .
. . . der weltweit renommierten Uni aus der Harvard-Oxford-Liga . . .
. . . habe ich Wirtschaft und Politik studiert und danach als Politik- und Finanzberaterin in Großbritannien gearbeitet. Nach Freetown bin ich 2014 zurückgekehrt, als Ebola ganz Sierra Leone verwüstet hat. Die Stadt war leer. Alle, die es sich leisten konnten, waren genau in die Richtung unterwegs, aus der ich kam. Aber ich konnte die Epidemie nicht länger tatenlos von London aus verfolgen, nur BBC und CNN und nichts unternehmen. Ich musste helfen. Und bin geblieben.
Wie packen Sie die Transformation von Freetown in eine funktionierende, gesunde Stadt konkret an?
Professionell. Erstens mit ortsansässigen Experten. Und zweitens mit Sierra Leonern, die aus dem Ausland zurückkehren, um mit ihrem Know-how das Projekt zu unterstützen. Der Bürgerkrieg von 1991 bis 2002, als kriminelle Banden um Blutdiamanten kämpften, hat zu einem Brain Drain geführt: Die besten Köpfe sind ins Ausland abgewandert. Und wir transformieren Freetown, drittens, mit Hilfe der Einwohner, die gerade kollektiven Stolz entwickeln.
Was läuft genau vor Ort?
Wir pflanzen Bäume. Wahrscheinlich bin ich deshalb in Stuttgart eingeladen worden (lacht). Unser Ziel ist es, bis zum Ende meiner Amtszeit 2022 eine Million Bäume zu pflanzen, eine Steigerung der Vegetation um 50 Prozent. Ein gewaltiges Wiederaufforstungsprogramm zum Schutz der Menschen, der Stadt und des Klimas, denn die Folgen des globalen Klimawandels haben uns in Freetown längst erreicht. Ein Erdrutsch in der Stadt nach tagelangem Starkregen, der tausend Menschen das Leben kostete. Braune Hügelketten, die einst grün waren und unfassbar schön, aber unerlaubt abgeholzt wurden, um Hüttensiedlungen zu bauen, dies Letzteres ebenfalls als direkte Folge der Klimakatastrophe: Dürreperioden im Innern von Sierra Leone führten zu Ernteausfällen, Ernteausfälle zur Binnenmigration, also zur Landflucht. Ein Teufelskreis, aber irgendwo mussten wir anfangen, ihn zu durchbrechen.
Wie kommen Sie mit der Wiederaufforstung voran?
Weil wir strukturiert vorgehen, gut: Sämlinge bestellen, geeignete Flächen finden, für Baumpaten werben, Pflege und Wachstum kontrollieren und verfolgen. Dazu haben wir eine Tree Tracking App entwickelt, die sich bewährt hat und deren Nutzung wirklich Freude macht. Probieren Sie’s in Stuttgart aus! In Freetown jedenfalls fühlen sich die Menschen verantwortlich für ihre Schützlinge. Mittlerweile haben wir exakt 559 000 Bäume gepflanzt: Freetown wird Treetown.
Am vergangenen Freitag hat Fridays for Future in Deutschland zum Klimastreik aufgerufen. Gibt es diese Bewegung auch in Ihrer Heimat?
Ja. Das finde ich großartig. Als mich aber lokale Fridays-for-Future- Vertreter besuchten, bat ich sie, für einen Streik nicht die Schule zu schwänzen. Unser Schulsystem ist so desolat, die Infrastruktur, die Personaldecke, dass wir es uns nicht leisten können, wenn junge Menschen dem Unterricht fernbleiben. One size doesn’t fit all – was in Europa richtig ist, kann in Afrika falsch sein.
Ist Bildung der Schlüssel für alle Probleme?
Um nochmals auf den Bürgerkrieg zu kommen: Er hat mit dem Brain Drain nicht nur die soziale Struktur, sondern auch die Infrastruktur zerstört. Verwüstet, zerschossen, in die Luft gejagt. Schüler ohne Schulen, Studenten ohne Universitäten. Eine ganze Generation blieb ohne Bildung, ein Verlust, der eine Gesellschaft in ihrer Entwicklung um dreißig, vierzig Jahre zurückwirft. Deshalb blieb mir nichts anderes übrig, als den jungen Aktivisten in Freetown zu sagen: Streikt nicht, geht zur Schule!
Yvonne Aki-Sawyerr
Person 1968 in Freetown geboren, wuchs Yvonne Aki-Sawyerr in einer akademischen Familie auf. Bildung spielte eine zentrale Rolle. An der London School of Economics machte sie ihren Masterabschluss. Obwohl ihr Ehemann mit den beiden Kindern in der britischen Hauptstadt blieb, fasste sie 2014 den Entschluss, sich vor Ort für die Menschen in ihrem Heimatland Sierra Leone zu engagieren. Ihre Amtszeit als Bürgermeisterin von Freetown endet 2022.
Ehrungen Zweimal wurde die heute 53-jährige Aki-Sawyerr von Mitgliedern des britischen Königshauses empfangen. 1989 als Super-Stipendiatin des Commonwealth von Queen Elizabeth II. und Prinz Philip, 2016 von Prinz William, der sie für ihre Verdienste bei der Ebola-Bekämpfung mit dem Offizierskreuz ehrte. „Eine Zeremonie mit Pomp, Medaillen und Zertifikaten, nur zu essen gab’s nichts“, sagt die mit Humor reich beschenkte Bürgermeisterin.