Zahnradbahn-Gespräch Gewinner der olympischen Tapferkeitsmedaille

Andreas Toba erzählt in der Zahnradbahn seine olympische Geschichte, in der das rechte Knie eine entscheidende  Rolle spielt. Foto: Baumann
Andreas Toba erzählt in der Zahnradbahn seine olympische Geschichte, in der das rechte Knie eine entscheidende Rolle spielt. Foto: Baumann

Die Spiele in Rio haben Andreas Toba zum Star gemacht. Dazu musster nicht Gold, Silber oder Bronze gewinnen. Er demonstrierte verletzt Teamgeist und Leidenschaft. Für ihn sei das selbstverständlich gewesen, erzählt der 26-Jährige im Zahnradbahn-Gespräch.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Peter Stolterfoht (sto)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - So richtig wohl ist es Alexander Keppler nicht, das ist ihm gleich anzusehen. „Zum ersten Mal in 20 Berufsjahren lasse ich mir heute ein Autogramm geben“, sagt der Fotograf der Agentur Baumann, der im Wechsel mit Hansi Britsch die Zahnradbahn-Gespräche für die Stuttgarter Zeitung in Szene setzt. Kollege Britsch war es dann auch, der das Autogramm in Auftrag gegeben hat – im Namen der Turnlehrerin seiner Tochter. „Für Mimi, viele Grüße von Andreas Toba“, steht dann kurze Zeit später auf einer orangefarbenen Karteikarte. Dann kann sie jetzt ja losgehen, die Zahnradbahn-Fahrt mit dem Kunstturner Andreas Toba, den sein Vater aus dem heimischen Hannover zum Stuttgarter Marienplatz gefahren hat.

Die Gesprächseröffnung ist dann leider nicht besonders originell: „Wie geht’s?“ Aber was soll man am Anfang auch fragen, wenn man dem Mann gegenübersteht, dessen schwere Verletzung im Sommer fast ganz Deutschland bewegt hat. „Gut geht’s, ich bin zufrieden“ sagt Andreas Toba und steigt wie zum Beweis locker die drei steilen Stufen des Zahnradbahn-Einstiegs hinauf. Der Kreuzbandriss verheilt, vergessen kann ihn Andreas Toba aber nicht, will er ja auch überhaupt nicht. Schließlich ist diese Verletzung und ihre Geschichte nicht nur der Tiefpunkt seiner Karriere, sondern gleichzeitig auch der Höhepunkt. So extrem komprimiert wie Andreas Toba hat vermutlich noch niemand das Auf und Ab einer Sportlerkarriere erlebt.

Es ist der erste Wettkampftag der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro. Für die deutschen Turner geht es um den Einzug ins Mannschaftsfinale. Toba will eine sichere Übung hinlegen, Punkte sammeln. Doch bei der Landung nach einer zweifachen Schraube, klappt plötzlich das rechte Knie zur Seite weg. „Ich bin liegen geblieben und habe mir gleich gedacht, dass es ein Kreuzbandriss ist.“ Die Einschätzung wird vom Physiotherapeuten und vom Teamarzt schnell bestätigt. „Mit den Schmerzen konnte ich besser umgehen, als mit den vielen Gedanken, die mir durch den Kopf gegangen sind“, sagt Andreas Toba, der sich nun sicher sein muss, dass er sich die ganzen Jahre umsonst für das große Ziel Olympia gequält hat.

Nicht so talentiert wie andere Turner

In das ohnehin so trainingsintensive Turnen muss er auch noch mehr investieren als andere. „Manche haben ein Übungsteil nach fünf Versuchen drin, ich brauche 500 Anläufe“, sagt einer, der sich zu Olympia gekämpft hat. Auch im Mehrkampf wollte er unbedingt im Finale stehen.

Es ist eine tränenreiche Mischung aus Enttäuschung, Wut und der Warum-ausgerechnet-ich-Frage, die vom 26-Jährigen unmittelbar nach der schweren Verletzung Besitz ergreift. Aber dann kommt Trotz dazu und der überraschende Entschluss, noch an ein Gerät zu gehen. Ans Pferd, für die Mannschaft, die hier traditionell Probleme hat. Nur Andreas Toba nicht, normalerweise. Der lässt sich das Knie mit einem Tape-Verband stabilisieren und überzeugt die medizinische Abteilung, dass er diesen einen Kraftakt noch hinbekommt. „Dann hat mir der Bundestrainer gesagt: ‚hör‘ jetzt auf zu heulen und konzentrier‘ dich.‘ Ich glaube, diese Ansage habe ich gebraucht“, sagt Toba, der nur 20 Minuten nach dem Unfall an das Pferd humpelt, die Übung fehlerlos durchturnt und den Abgang steht. Am Ende zieht Deutschland ins Finale ein und wird Achter. „Dass ich dem Team geholfen habe, war für mich keine Heldentat, sondern eine Selbstverständlichkeit“, sagt Toba, den die Reaktionen auf seinen Team- und Kampfgeist überrascht haben.

Schon am ersten Tag der Spiele hat Deutschland seinen olympischen Star. Dafür sorgt diesmal nicht Gold, Silber oder Bronze. Andreas Toba ist der gefühlte Gewinner der Tapferkeitsmedaille. Freunde melden sich bei ihm und erzählen, dass er das ganz große olympische Thema sei und in allen Medien präsent. „So ganz konnte ich das nicht glauben“,erzählt Toba, der aber spätestens auf dem Rückflug aus Rio neun Tage nach seinem besonderen Auftritt so langsam die Dimension erkennt. In Frankfurt steigt er um in eine Maschine nach Hannover. Die nehmen auch die Scorpions, die gerade von einem Konzert in Peking kommen. „Die Bandmitglieder erkennen mich und fragen, ob wir ein gemeinsames Foto machen können – verrückt, oder?“

Von Andreas Toba fühlen sich viele eindrucksvoll daran erinnert, dass es im Sport nicht allein um Leistung geht, sondern auch um den Teamgedanken, um Fairness, um Leidenschaft. Dafür ist man ihm dankbar.

Stehende Ovationen im Bundestag

Er wird zur ersten Sitzung nach der Sommerpause in den Bundestag eingeladen. Die Abgeordneten stehen geschlossen auf und applaudieren dem Sportstudenten, der in der Schule Politik als Leistungskurs hatte. Und am Ende des Jahres erhält er bei der Bambi-Verleihung den Publikumspreis. Darauf kann man stolz sein. „Naja“, sagt Andreas Toba, „die Reaktionen sind natürlich eine große Ehre, trotzdem ist es auch ein zwiespältiges Gefühl.“ Er findet es zunächst einmal gut, dass er zeigen konnte, was Turnen ausmacht, dass die Sportart auch mit großen Schmerzen verbunden sei. „Und dass ich ein Beweis dafür bin, dass man auch ohne das ganz große Talent eine Bereicherung für ein Team sein kann.“ Für ihn habe die Mannschaft immer die größte Bedeutung gehabt, obwohl Andreas Toba auch durchaus auf Einzelerfolge verweisen kann. 2016 wurde er in Hamburg erstmals Deutscher Mehrkampfmeister, so wie schon sein in Rumänien geborener Vater Marius. Der schaltet sich jetzt auch einmal ins Zahnradbahn-Gespräch ein. „Mein Sohn turnt schöner, aber ich bin lustiger“, sagt der 48-Jährige, der nach der Leistungssport-Karriere auch noch lange mit einer Turnshow erfolgreich war.

Jetzt will Andreas Toba aber noch erklären, warum er auch Schwierigkeiten hat mit seiner speziellen olympischen Geschichte. „Wenn man bei Google ‚Andreas Toba und Rio’ eingibt, kommen praktisch nur Fotos, auf denen ich weinend zu sehen bin.“ Das sei jetzt nicht unbedingt das Bild, das er bei Olympia abgeben wollte. Die Spiele, bei denen auch seine Freundin Daniela Potapova in der Rhythmischen Sportgymnasik am Start war, hatte er sich völlig anders vorgestellt. Er wollte ja auch noch bei den deutschen Handballern und seinem Kumpel Kai Häfner zuschauen. Häfner stammt aus Schwäbisch Gmünd und spielt in Hannover Bundesliga, während der gebürtige Hannoveraner Toba in Schwäbisch-Gmünd für Wetzgau turnt.

Dies erzählt er bei Kaffee und Kuchen im Café Kaiserbau, wo das Zahnradbahn-Gespräch wie immer auf die Zielgerade einbiegt. Und davon, dass er bei der Turn-WM im Oktober in Montreal unbedingt dabei sein will, nachdem die EM in Rumänien, wo noch viel Verwandte leben, im April zu früh kommt. Jetzt kommt er aber gleich zu spät – zum Treffen mit seinem in Stuttgart trainierenden Turnkollegen, dem olympischen Silbermedaillengewinner von London, Marcel Nguyen. „Der hätte in Rio garantiert dasselbe gemacht wie ich.“

Unsere Empfehlung für Sie