Zahnradbahngespräch Cacaus verrückte Geschichte

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Im Zahnradbahngespräch spricht Cacau über das Auf und Ab in seinem Leben.Der 34-Jährige erzählt von den Erfolgen beim VfB und in der Nationalmannschaft, aber auch über die schwierige Kindheit mit einem alkoholkranken Vater.

Cacau kann auch über sich selbst lachen und erzählt, wie der  Pfeffer in seine  Stutzen gekommen ist. Die Bilderstrecke zeigt den Fußballer in seiner Zeit beim VfB Stuttgart. Foto: Baumann 20 Bilder
Cacau kann auch über sich selbst lachen und erzählt, wie der Pfeffer in seine Stutzen gekommen ist. Die Bilderstrecke zeigt den Fußballer in seiner Zeit beim VfB Stuttgart. Foto: Baumann

Stuttgart - Die Vorbereitung auf ein Zahnradbahngespräch läuft ja fast immer nach demselben Muster ab. Man bereitet sich mit Hilfe von Zeitungsartikeln, Biografien oder Interneteinträgen so gut es geht auf den Interviewpartner vor und bittet zum Abschluss dann noch Kollegen, die zuletzt viel mit diesem prominenten Sportler zu tun hatten, um eine ganz persönliche Einschätzung zum nächsten Zacke-Fahrgast. Der VfB- und Nationalmannschafts-Reporter der StZ hat dann folgenden Ratschlag parat und kündigt ihn so an: „Achtung, ganz wichtig!“ Cacau erscheine grundsätzlich überpünktlich zu einem Termin, sagt der Kollege, und er erwarte das auch von anderen. „Wenn ihr euch um 9.30 Uhr verabredet habt, dann würde ich schon um 9.20 Uhr bereit stehen“, so der Fachmann.

Wer dann um 9.30 Uhr nicht am verabredeten Treffpunkt am Marienplatz bereit steht, ist: Claudemir Jerônimo Barreto, wie Cacau in der Original-Longversion heißt. Doch der Blick auf das Display des mal wieder versehentlich leise gestellten Handys ist so etwas wie die ganz schnelle Wiederherstellung eines guten Rufs. Cacau hat zwischen 9.24 Uhr und 9.28 Uhr gleich dreimal vergeblich angerufen. Um 9.32 Uhr lässt er es wieder klingeln und sagt: „Entschuldigung, ich stand eine halbe Stunde lang im Stau und komme drei Minuten zu spät.“ Und da biegt er auch schon um die Ecke – noch mit dem Handy am Ohr. Auf Cacau scheint wirklich Verlass zu ein.

In besonderem Deutsch und mit leiser Stimme

Und dann gehört der ehemalige Stürmer des VfB Stuttgart auch zu der Sorte Zahnradbahn-Mitfahrer, die sich ihrerseits auf das Gespräch vorbereitet haben. Beim 34-Jährigen setzt nicht das große Grübeln ein, wenn das Gespräch nach der Abfahrt direkt auf die Karrierehöhepunkte zusteuert. „Sportlich gibt es bei mir zwei herausragende Erlebnisse“, sagt Cacau. Zuvor erzählt er aber vom „größten Glücksfall“ in seinem Leben: „Das ist meine Frau Tamara, mit der ich drei Kinder habe.“ Schon als Jugendliche haben sie sich in ihrer brasilianischen Heimatstadt Mogi da Cruzes, die 40 Kilometer östlich von São Paulo liegt, kennengelernt. Und dann sagt Cacau etwas ziemlich Nettes. „Ich finde meine Frau heute noch hübscher als am Anfang unserer Beziehung und wertschätze sie immer mehr.“ In diesem Satz steckt sehr viel Cacau. Er sagt ihn so ganz nebenbei – mit seiner leisen, ruhigen Stimme und in diesem besonderen Deutsch. Wertschätzen, um dieses schöne Wort mal wieder zu hören, muss man sich mit einem Brasilianer unterhalten, der als ganz junger Mann sein Glück in Deutschland gesucht und tatsächlich gefunden hat. Und dann sagt er, dass sein Weg von Gott vorbestimmt gewesen sei. Cacau spricht nur kurz über seinen tiefen Glauben. Dabei ist es sehr wohltuend, dass bei ihm so überhaupt kein missionarischer Eifer mitschwingt.

Jetzt soll es aber auch mal um den Sport gehen, findet Cacau und spricht zwei Höhepunkte in seiner Karriere an. Er beginnt mit der Deutschen Meisterschaft des VfB im Jahr 2007. Cacau lacht. „Dieser Titel war wirklich überraschend und deshalb auch so schön“ , sagt er und erzählt zur Verdeutlichung, wie er sich vor dieser Stuttgarter Traumsaison mit dem Teamkollegen Fernando Meira unterhalten hat. „Wir hatten gerade ein Testspiel in Augsburg 0:3 verloren und waren uns absolut sicher, dass es in dieser Runde gegen den Abstieg gehen würde.“ Bestätigt fühlen sie sich auch vom Saisonstart in der Bundesliga, der gegen den 1. FC Nürnberg ebenfalls mit 0:3 verloren geht. Doch am Ende der Saison ist der VfB tatsächlich Meister, mit der tatkräftigen Unterstützung von Cacau, der 13 Bundesliga-Tore zum Titel beiträgt. „Nur eine Woche später verlieren wir das Pokalfinale gegen Nürnberg“, sagt Cacau, der in Berlin auch noch vom Platz gestellt wird: „Da sieht man ganz deutlich, wie nahe im Fußball Hochs und Tiefs beisammen liegen. Aber zu den Tiefpunkten kommen wir ja eigentlich erst später, oder?“ Stimmt.

Die Gefühlsexplosion in Südafrika

Vorher springen wir erst noch ins Jahr 2010, Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika. Die deutsche Nationalmannschaft, die am Ende Dritter wird, trifft in ihrem ersten Spiel in Durban auf Australien. In der zweiten Halbzeit kommt Cacau ins Spiel und trifft zum 4:0. So weit die trockenen Fakten zu einem Tor, das Cacau mit ganz viel Emotionen verbindet.

Eineinhalb Jahre zuvor hat Cacau neben der brasilianischen Staatsangehörigkeit die deutsche angenommen. „Da dachte ich überhaupt nicht an die DFB-Auswahl“, sagt Cacau, der mit diesem Schritt zum Ausdruck bringen wollte, dass er sich nicht nur Brasilien, sondern auch Deutschland ganz eng verbunden fühlt. Und dann dieses Tor. „Ich muss mich zwingen, es nicht ständig auf Video anzuschauen. Sonst verliert es womöglich die große Bedeutung für mich“, sagt Cacau, der die Szene sowieso in allen Einzelheiten in seinem Kopf abgespeichert hat – wie Mesut Özil sprintet, den Ball hereingibt und er selbst mit der ersten Ballberührung den Treffer erzielt. „Es war eine Explosion der Freude“, erzählt Cacau, „an den ganzen Weg, auf dem ich hierher gekommen bin, habe ich in diesem unglaublichen Moment gedacht.“