Wie bitte? Eine Schusswaffe? Ganz sicher? Bei Tobias Kutter am Tisch AP 1 gibt es kein Blaulicht. Sondern eine Signallampe, die von Grün auf Rot schaltet. Und dann ist klar: Jetzt nicht stören. Er hat einen neuen Fall. Am anderen Ende hat jemand die Rufnummer 110 gewählt. Der 50-Jährige gehört zu jenen Beamten, bei denen Tag für Tag mehr als 400 Notrufe eingehen und etwa 600 Einsätze gesteuert werden. Doch über dem riesigen Raum liegt geradezu gespenstische Ruhe. Auch Kutter ist die Ruhe selbst, als er das Gespräch annimmt: „Polizeinotruf Stuttgart.“
Die Anrufer, vier junge Männer, sind ziemlich aufgeregt. Ein Fußgänger hat in der Theodor-Heuss-Straße einen Getränkebecher auf ihr Auto geworfen und ist dann geflüchtet. Man habe ihn zwar bis zu einem Haus verfolgt – doch dann habe er in einem der oberen Stockwerke eine Schnellfeuerwaffe in die Hand genommen. Eine israelische Uzi-Maschinenpistole, da sind sich die Vier ganz sicher. „Was also ist das für eine Lage?“, resümiert Kutter. Sein Bauchgefühl sagt: „Eine scharfe Lage.“ Er trommelt die verfügbaren Einsatzkräfte zusammen.
Von außen ist der Klinkerbau unscheinbar
Trommeln ist freilich nicht das richtige Wort. Tobias Kutter, Erster Einsatzsachbearbeiter im Führungs- und Lagezentrum der Stuttgarter Polizei auf dem Pragsattel, hat dazu Telefone, Funksprechleitungen, Mails und vier Computermonitore zur Verfügung, die anzeigen, welche Streifenbesatzungen überhaupt „grün“, also noch verfügbar sind. Dazu braucht’s an Wochenenden mindestens sechs Kolleginnen und Kollegen im großen Sprechfunkraum, zwei Polizeiführer vom Dienst als Entscheider, drei Mitarbeitende in der sogenannten Kommunikations- und Betriebsstelle für Hintergrundrecherchen.
Der von außen unscheinbare, 6,9 Millionen Euro teure Klinkerbau im Hinterhof des Polizeipräsidiums an der Hahnemannstraße war 2018 die vierte Super-Leitstelle, die im Land installiert wurde. Bei der Einweihung im Januar war sie die modernste. Die alte Zentrale aus dem Jahr 1980 war zu klein geworden für die Notrufe rund um die Uhr und für das zentrale Einsatzmanagement. Stuttgart folgten Reutlingen und Aalen, seit Mai 2021 hat auch Ludwigsburg den neuesten Standard. Heilbronn weihte seinen 29-Millionen-Euro-Neubau im Oktober ein.
Die Einsatzzahlen steigen wieder
Tobias Kutter, Stuttgarter, 50 Jahre, Familienvater, Polizeihauptkommissar, macht den Job in der Einsatzzentrale seit zehn Jahren. „Man muss schon eine gewisse Erfahrung mitbringen“, sagt er. Die Stadt tickt unterschiedlich. In Wohnrevieren wie im Stuttgarter Osten wird eher häusliche Gewalt gemeldet, in der Innenstadt gibt es Rabauken auf der Straße, dafür selten Wohnungseinbrüche. „Alles hat seine Eigenheiten“, sagt Kutter.
Die Zahlen nach den ruhigen Corona-Jahren 2020 und 2021 steigen wieder. Waren es letztes Jahr etwa 143 000 Notrufe, geht es 2022 wieder in Richtung der üblichen 170 000. Auch die jährliche Zahl der geführten Einsätze nähert sich den mehr als 200 000 vor Coronazeiten. Das Juni-Unwetter 2021 brachte einen Tagesrekordwert von über 900 Einsätzen. „Wir sind dabei kein Callcenter“, sagt Ralf Perrey, der Leiter des Führungs- und Lagezentrums. Hier werden die Anrufe nicht nur an die „Zuständigen“ weitergeleitet. Die Einsätze werden von oben, vom Pragsattel, auch koordiniert.
Echte Polizisten, falsche Polizisten
Polizeihauptkommissar Kutter stieg 1995 bei der Bereitschaftspolizei ein, absolvierte sein Studium zum Kommissar, war von 2001 an auf verschiedenen Stuttgarter Revieren im Streifendienst unterwegs. „Und da ist man gewohnt, dass man irgendetwas tun kann“, sagt Kutter: Einem Kleinkind, das aus einem Fenster gestürzt ist, den Kopf stabilisieren. Einem Räuber im Leonhardsviertel hinterherrennen. Oder werdende Eltern mit Blaulicht von der Rotenwaldstraße zum Olgäle eskortieren. „Hier in der Einsatzleitstelle habe ich aber nur noch meine Stimme“, sagt der 50-Jährige.
Apropos Stimme: Niemals würden die echten Beamten vom Polizeinotruf aktiv selbst irgendjemanden anrufen und vor Einbrüchen warnen. Das ist einzig die Masche der Telefonbetrüger, die als falsche Polizisten Senioren abzocken. Auch Tobias Kutter ruft niemanden an.
Das Schreien eines Mädchens hallt bis heute nach
Die Regisseure am Funk haben genug damit zu tun, mit den richtigen Maßnahmen die Einsatzkräfte an Ort und Stelle zu bringen. Wenn die denn verfügbar sind. Ein immer wieder von den Gewerkschaften beklagter Mangel an Präsenz auf der Straße. „Aber ein gutes Führungs- und Lagezentrum macht die Arbeit draußen effizienter“, sagt der Hauptkommissar. Dafür sorgen 90 Beamtinnen und Beamte im Wechselschichtdienst.
Manchmal aber kommt jede Hilfe zu spät. Tobias Kutter hat die Stimme noch heute im Ohr, die sich überschlagende Stimme eines verzweifelten Mädchens, das am Telefon den Tod der Eltern meldet. Der Vater hatte in der Wohnung ihre Mutter und sich selbst erschossen. „Ich konnte nur versuchen, das Mädchen irgendwie zu beruhigen, die Adresse herauszufinden und eine Streife hinzuschicken“, sagt er. Das belastet. Das Schreien des Mädchens hallt bis heute nach.
Und manchmal wird es auch schräg
Doch zum Glück geht nicht alles so erschütternd und dramatisch aus. Der Zwischenfall mit der Maschinenpistole in der Innenstadt zum Beispiel klärt sich nach zwei Stunden Einsatzzeit auf. „Das war nur eine Spielzeugwaffe mit Schaumstoffpfeilen“, sagt Kutter. „Nur“ ist natürlich relativ: Das Tragen auch von sogenannten Anscheinswaffen in der Öffentlichkeit ist aus gutem Grund verboten.
Und manchmal ist auch noch eine Hilfeleistung für einen Anrufer drin, der nachts um zwei anfragt, was denn „Danke“ auf Französisch heißt. Und wie man das buchstabiert. Kutter lächelt: „Der Mann war sehr höflich“, sagt er. Deshalb habe er das beantwortet. Angeblich hatte der Anrufer mehrsprachige Hinweisschilder für eine Toilettenanlage schreiben müssen. Doch Notdurft ist kein Notruf. Wer die 110 aus Spaß anruft, blockiert eine Leitung für echte Notfälle.
Notrufe
110 oder 112?
In der Aufregung kann man da schnell überfordert sein – welches ist die richtige Notrufnummer? Bei einem Verbrechen, Unfällen oder Meldungen ist Polizeiruf 110 die schnellste Verbindung. Bei Bränden oder medizinischen Notfällen ist die 112 für Feuerwehr und Rettungsdienst der schnellste Weg.
Was ist 116 116?
Wer Kredit- oder EC-Karten schnell sperren lassen muss, der sollte den Sperrnotruf 116 116 wählen.
5 wichtige W’s
Beim Notruf gilt: 1. Wie lautet der Name des Anrufers? 2. Wo befindet sich der Notfall? 3. Was ist passiert? 4. Wer ist betroffen? 5. Welche Gefahr liegt vor?
6 Zeugen-Regeln
1. Helfen, aber sich nicht selbst in Gefahr bringen. 2. Die Polizei unter 110 alarmieren. 3. Andere um Mithilfe bitten. 4. Tätermerkmale einprägen. 5. Um Opfer kümmern. 6. Als Zeuge aussagen.