Zum 90. Geburtstag von Gerhard Richter Scheu und berühmt: Europas teuerster Künstler

Der Künstler Gerhard Richter, anlässlich der Vorstellung und Übergabe seines Bilderzyklus „Birkenau“ an den Reichstag 2017 Foto: imago/Reiner Zensen/Reiner Zensen

Starmaler Gerhard Richter wird 90. Europas teuerster lebender Künstler stemmt sich konsequent gegen die schnelle Botschaft. Wir stellen drei seiner berühmtesten Werke vor.

Köln - Am besten vergleicht man ihn mit dem FC Bayern. So wie die Fußballer aus München regelmäßig ganz oben in der Bundesliga-Tabelle stehen, verteidigt Gerhard Richter seit einer gefühlten Ewigkeit seinen Spitzenplatz im „Kunstkompass“, einem internationalen Ranking, das die Zahl der Ausstellungen, die Verkaufserlöse und die mediale Präsenz auswertet. Der gebürtige Dresdener, der heute 90 Jahre wird, ist Europas teuerster lebender Künstler. Auf Auktionen erzielen seine Werke zweistellige Millionensummen.

 

Selten schwelgt er in üppigen Farben

Wie gelang dem als schwierig und öffentlichkeitsscheu geltenden Sachsen solch ein Aufstieg? Ist doch sein Schaffen eine Absage an alles, was wir landläufig von einem Gemälde erwarten. Nur selten schwelgt er in üppigen Farben. Seine Bilder erzählen wenig und lassen jede Emotion draußen. Eine Art Verweigerungshaltung stößt die Betrachter stets aufs Neue vor den Kopf. „Sieh selber zu, was du siehst“, scheint es aus dem Schwarz-Weiß-Dunst, der zu Richters Markenzeichen wurde, herauszuschallen. Gegen die schnelle Botschaft, die reinknallt wie in Werbung oder Nachrichten, setzt er einen diffusen Sinn, der aufsteigt und wieder verfliegt wie Nebel. Manche bezeichnen Richter als Stilchamäleon, weil er sorglos zwischen figürlicher und abstrakter Darstellung pendelt. Doch beide Spielarten seiner Malerei verbindet ein konsequentes Misstrauen gegen die nachgeahmte Wirklichkeit.

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Das Gespenst vom Dachboden: „Ema“

Das belegt ein Blick auf drei seiner berühmtesten Arbeiten aus verschiedenen Schaffensphasen, so unterschiedlich sie sein mögen. So heißt jenes Werk aus den Sechzigern, das heute in Köln hängt und den Bestsellerautor Bernhard Schlink sogar zu einem Roman inspirierte. Dargestellt ist auf der Tafel die damalige Ehefrau Richters, wie sie unbekleidet eine Treppe hinabsteigt. Die erotische Erwartung, die ein weiblicher Akt weckt, enttäuscht der Maler. Zwar lehnt sich sein virtuoser Stil an die Fotografie an, aber die Konturen verschwimmen, als hätte die Kamera gewackelt. Richter entzieht das Motiv dem erkennenden Zugriff des Auges. Dafür hat er die zunächst präzise Malerei im feuchten Zustand mit einem groben Pinsel oder einer Rakel verwischt. So verwandelt sich Ema in eine gleichsam immaterielle Erscheinung. Ein Gespenst vom Dachboden. Tatsächlich haben auch inszenierte Fotos von spiritistischen Sitzungen Richter beeinflusst.

Torero von Stammheim: „Erschossener“

Um Geister, die niemand rief, geht es dagegen in dem 15-teiligen Zyklus „18. Oktober 1977“. Er entstand 1988 und bezieht sich auf die Selbstmorde der in Stuttgart-Stammheim inhaftierten RAF-Terroristen. Als ein besonders verstörendes Einzelwerk der Serie gilt „Erschossener (1)“. Hinter dem schlichten Titel verbirgt sich ein Bild des toten Andreas Baader, was im ausgewaschenen Grau des Farbauftrags freilich kaum zu erkennen ist. Ähnlich wie in Edouard Manets „Der tote Torero“ (ein Vorbild Richters) thematisiert der „Erschossene“ weniger das individuelle Geschehen als vielmehr das anonyme Ereignis des Todes. Bei ihrer ersten öffentlichen Ausstellung schlugen die Gemälde dennoch hohe Wellen. Kritiker vermuteten in der Konzentration auf die Täter eine verborgene Sympathiebezeugung für die Terroristen.

Abrechnung mit den Konventionen der Historienmalerei

Dabei läge Richter nichts ferner als eine konkrete Parteinahme. Hält er sich doch auch deshalb ‚im Vagen‘, weil er weiß, dass es keine einfachen Gewissheiten gibt. Seine kommentarlose Schilderung ist eine Abrechnung mit den Konventionen einer Historienmalerei, die ihre Akteure heroisch verklärt. Schon in seiner Dresdener Zeit erschien ihm dieser Ansatz als überholt. Widerwillig musste er damals Propagandakitsch im Stil des sozialistischen Realismus an die Wände pinseln. Mit Selbstkommentaren zum Werk hält sich der Künstler meist zurück. Zu seinen wenigen Aussagen gehört der Satz, dass Kunst stets „mit Not, Verzweiflung und Ohnmacht zu tun“ habe.

Sein bedeutendes Spätwerk „Birkenau“ von 2014 setzt diese Überzeugung um. Abstraktes Grau wie von Asche bedeckt die vier zusammenhängenden Großformate. Doch dahinter lauert pures Entsetzen. Unter den Schlieren verbergen sich Fotografien aus Konzentrationslagern. Gerhard Richter hat diese Vorlagen zunächst akribisch auf Leinwand übertragen, sich dann aber entschlossen, die realen Szenen unter Farbe zu begraben, weil selbst die präziseste Malerei die Schrecken der Shoah nicht wiedergeben könne. So bleibt eine stumme graue Passion, in der lediglich Spuren von Rot und Grün ein paar Farbakzente setzen. Blau hingegen sucht das Auge vergeblich. In Birkenau gibt es keinen Himmel.

Begründer des „Kapitalistischen Realismus“

Vita
Gerhard Richter wird 1932 in Dresden geboren. Nach einer Ausbildung zum Bühnen- und Werbemaler studiert er an der Dresdener Akademie, bevor er 1961 in den Westen flieht und sein Studium in Düsseldorf wieder aufnimmt. Gemeinsam mit Sigmar Polke begründete er den „Kapitalistischen Realismus“. 1972 vertrat Richter, der auch mehrfach an der Documenta teilnahm, Deutschland bei der Biennale von Venedig. Privat lebt der ehemalige Professor der Düsseldorfer Kunstakademie in Köln.

Ausstellungen
Die Kunstsammlung NRW in Düsseldorf gratuliert dem Künstler mit einer Sonderschau (bis 24. April) , in deren Fokus die „Birkenau“-Bilder stehen. Parallel sind auch neue Papierarbeiten Richters zu sehen, der vor einiger Zeit verkündet hat, nicht mehr malen, sondern nur noch zeichnen zu wollen. Das Museum Ludwig in Köln präsentiert Werke des Künstlers aus dem eigenen Bestand, während die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden unter anderem Richters Porträtkunst würdigen (jeweils bis 1. Mai).

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