Zum Tod des Chorleiters und Komponisten Clytus Gottwald Musiker, Forscher, Menschenfreund
Der Stuttgarter Chorleiter, Musikforscher und Komponist Clytus Gottwald ist im Alter von 97 Jahren gestorben.
Der Stuttgarter Chorleiter, Musikforscher und Komponist Clytus Gottwald ist im Alter von 97 Jahren gestorben.
Im Zentrum seines Schaffens stand die menschliche Stimme, der Gesang: Der Chorleiter, Musikforscher, Rundfunkredakteur und Komponist Clytus Gottwald ist am 18. Januar im Alter von 97 Jahren gestorben. Ein Schlesier, der 1946 in Stuttgart landete und der Stadt seitdem treu geblieben ist. Er begann hier als Rundfunkchorsänger, arbeitete von 1958 bis 1970 als Kantor an der Pauluskirche. 1960 gründete er sein eigenes professionelles, bald international bekanntes Vokalensemble, die Stuttgarter Schola Cantorum, mit der er sich dreißig Jahre lang der zeitgenössischen Musik widmete und diverse Werke zur Uraufführung brachte.
Er lenkte die Chormusik international in eine zukunftsträchtige Richtung, erweiterte die musikalischen Grenzen des Möglichen, wurde vielfach dafür ausgezeichnet, unter anderem 2014 mit dem Bundesverdienstkreuz. Zudem war er von 1967 bis 1988 Redakteur für Neue Musik beim Süddeutschen Rundfunk, als der er die Komponisten der Avantgarde förderte. Außerdem stand der promovierte Musikwissenschaftler lange im Dienst der Deutschen Forschungsgemeinschaft und machte der Welt alte, in Archiven schlummernde Musik-Handschriften wieder zugänglich.
Gottwald war ein charmanter, humorvoller Mann, den Menschen stets zugewandt. Ein Naturfreund auch, begeisterter Botaniker, aktiv beim Naturschutzbund. Ein Mann von hoher Bildung und großem Sachverstand, bis zuletzt am Puls der Zeit, mit geistiger Spannkraft, nimmermüde arbeitend. Er war einer jener Hochbetagten, die den Jüngeren ein bisschen die Angst vorm Altern nehmen.
Als Komponist entdeckte er in den 1980er Jahren seine besondere Begabung, Klavierlieder und Instrumentalwerke perfekt in den vielstimmigen, reinen Chorklang zu übersetzen. Viele seiner mehr als 100 Arrangements für Chor a cappella von Werken etwa Mahlers, Bergs, Ravels, Debussys oder Strauss’ gingen schon bald ein ins Repertoire der internationalen Profi-Chorszene. Er war einer jener kongenialen Meister-Arrangeure, deren interpretierende Bearbeitungen ästhetisch eigenständige Werke hervorbringen.
Tonale Werke überführte Gottwald durch 16-stimmige Auffächerung des Chores in die zeitgenössische Klanglichkeit. Am berührendsten kann man seiner Kunst in der Bearbeitung des Mahler-Orchesterliedes „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ begegnen: im irisierenden, ja, metaphysischen Leuchten der Klangflächen, die das Werk in die Nähe von Ligetis „Lux aeterna“ rücken.
In dieser Perfektion und Schönheit, mit der die unzähligen selbstständigen Gesangsstimmen ineinandergreifen, spiegelt sich letztlich der Menschenfreund Gottwald wider – in seiner Sehnsucht nach der Harmonie. Dass er sich gerade in der Chormusik verewigte, ist jedenfalls mitnichten ein Zufall.