Zum Tod des Nobelpreisträgers V. S. Naipaul Der große Reisende der Literatur

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V. S. Naipaul erkundete die dunkle Seite der Welt und wurde im Jahr 2001 für Bücher wie „Rätsel der Ankunft“ und „An der Biegung des großen Flußes“ mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet. Jetzt ist der britische Autor in London gestorben.

V. S. Naipaul (1932-2018) Foto: dpa
V. S. Naipaul (1932-2018) Foto: dpa

Stuttgart - Als er mit achtzehn Jahren als Stipendiat voller großer Hoffnungen von Trinidad nach England reiste, um in Oxford zu einem englischen Schriftsteller zu werden, war das Gefühl der Entwurzelung und der Enttäuschung so groß, dass er sich erst einmal ins Bett legte, die Fenster abdichtete und die Gasheizung aufdrehte – das Leben sollte ein Ende haben.

Dummerweise funktionierte die englische Heizung nur, wenn man alle paar Minuten Schillingstücke nachwarf. Der Plan wurde vereitelt, fortan schrieb er um sein Leben. Bücher wie das „Rätsel der Ankunft“, in dem die Szene des aufgeschobenen Selbstmords erzählt wird und das eines der traumatischen Schlüsselerlebnisse der Migration schon im Titel trägt.

Auf den Spuren Joseph Conrads

Mit seinem Schreiben erkämpfte sich der als Sohn indischer Vorfahren 1932 im karibischen Trinidad Geborene die Zugehörigkeit zu einer Welt, deren abgewandte Seite er in zahlreichen Reisen erkundet und beschrieben hat. Mit seinen geschliffenen Berichten hat er eine eigene Kunstform geschaffen, die nicht nur in die Tiefe des Raumes, sondern auch in die der Zeit vorstößt. Auf den Spuren Joseph Conrads ist er in den Kongo gereist, er landete kurz nach der Revolution 1979 im Iran oder beschreibt die verheerenden Hinterlassenschaften des Militärregimes in Argentinien – immer um die zentrale Frage kreisend, wie die Zivilisation in den dunklen Regionen der Grausamkeit überleben kann.

„Die Welt ist, was sie ist. Männer, die nichts sind, die sich erlauben, nichts zu sein, haben in ihr keinen Platz“, lautet der Eingangssatz seines Afrika-Romans „An der Biegung des großen Flusses“. Er spielt im nachkolonialen Kongo, erzählt von einem indischen Händler, der sich einsam in feindlicher Umgebung behaupten will und zugrunde geht. Naipaul interessieren Gesellschaften, die grausam sind, und das sind seiner Betrachtung nach alle.

Ein Apologet des Neokolonialismus?

In der britischen Gesellschaft hat Vidiadhar Surajprasad Naipaul – so sein vollständiger Name – seinen Platz gefunden. 1990 wurde er von Queen Elizabeth II. zum Ritter geschlagen. Doch seine Skepsis gegenüber den Chancen der Freiheit, seine mitleidlose Weise, die Leere und den Fanatismus der postkolonialen Welt zu geißeln, etwa in seiner „Islamischen Reise“ von 1982, hat ihm immer wieder auch massive Kritik eingetragen. Er betrachte die Welt aus Sicht der alten Kolonialherren, lautet ein Vorwurf, weil er sich der romantischen Idealisierung der Entwicklungsländer verweigert und diese für Armut und Elend selbst verantwortlich macht. Der amerikanische Kulturwissenschaftler Edward Said, kritisierte ihn als Apologeten des Neokolonialismus. Und als Naipaul 2001 der Nobelpreis verliehen wurde, war der Beifall alles andere als einhellig. Zuletzt erregte er Anstoß, weil er Schriftstellerinnen generell „Sentimentalität und eine enge Weltsicht“ bescheinigte.

In seinem Schlüsselroman „Das letzte Wort“ zeichnet sein britischer Schriftstellerkollege Hanif Kureishi das Porträt eines Erotomanen und Egozentrikers mit Hang zu rassistischen Sprüchen. Es tat der Freundschaft zu Naipaul keinen Abbruch, offensichtlich fühlte er sich treffend beschrieben. Auch in einen Roman des linksliberalen US-Autors Richard Ford hat er Einzug gefunden. Der Titelheld Frank liest darin im Rundfunk aus Naipauls Werken vor. Warum gerade aus ihnen? „Weil er so ein großer Schriftsteller ist. Er ist denkbar geschickt darin, der Welt den Fehdehandschuh hinzuwerfen und ihren Bockmist infrage zu stellen.“

Zuletzt wurde es stiller um ihn. „Solange ich schreibe, werde ich nicht sterben“, hat er einmal gesagt. Am Samstag ist V. S. Naipaul mit 85 Jahren in London gestorben.




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