Das Massaker in Sant’Anna di Stazzema zählt zu den schlimmsten Verbrechen der Nazis. Enrico Pieri, der das Grauen 1944 überlebte, ist nun gestorben.

Pietrasanta - Enrico Pieri war zehn Jahre alt, als er mitansehen musste, wie seine Familie von SS-Männern ermordet wird. Mit zwei anderen Kindern konnte er sich unter einer Treppe verstecken. „Ich habe meine Familie verloren und bin alleine zurückgeblieben“, sagte Pieri im August 2019 in einem kleinen Café am Fuße des Berges, der nach Sant’Anna di Stazzema hinaufführt, unserer Zeitung. Pieri war einer der wenigen Überlebenden des Massakers vom 12. August 1944 in der Toskana. Nun ist er im Alter von 87 Jahren in Pietrasanta gestorben.

Die Stärke Pieris ließ einem den Atem stocken

Nach einer sehr belasteten Jugend und einer längeren Phase als Gastarbeiter in der Schweiz kehrte Pieri nach Italien zurück und widmete sich der Erinnerungsarbeit in Sant’Anna. „Die Europäische Union wurde hier geboren, in Sant’Anna, in Marzabotto oder auch in den Konzentrationslagern. Sie wurde geboren aus der Tragödie des Zweiten Weltkrieges“, sagte Pieri. Die Stärke Pieris, dieses unvorstellbare Leid, das er als Kind erleben musste, in eine fruchtbare Friedensarbeit umzuwandeln, ließ einem im Gespräch mit ihm den Atem stocken.

Nach der Absetzung und Festnahme Benito Mussolinis hatte Italien im Zweiten Weltkrieg die Seiten gewechselt. Die deutsche Wehrmacht besetzte Italien von September 1943 bis zur Kapitulation in Norditalien am 2. Mai 1945. Auf ihrem Rückzug nach Norden wurden vor allem von der SS Kriegsverbrechen verübt – das in Sant’Anna zählt zu den schlimmsten.

In Deutschland kommt es nie zu einer Verurteilung der Täter von 1944

Zusammen mit Enio Mancini, einem weiteren der wenigen Überlebenden des Massakers, wurde Pieri 2010 der Bundesverdienstorden verliehen, ein Jahr später erhielten beide den Europäischen Bürgerpreis. Ihnen ist es zu verdanken, dass Sant’Anna heute das ist, was es ist: ein Ort des Friedens.

Darüber hinaus wurde Pieri dadurch bekannt, dass er sich für die strafrechtliche Verfolgung der Täter von Sant’Anna einsetzte. Rache zu nehmen, war nicht sein Anliegen. Es ging ihm darum, die Täter mit ihren Taten zu konfrontieren.

Doch in der Bundesrepublik kommt es nie zu einer Verurteilung. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hatte 2002 ein Ermittlungsverfahren eröffnet, 2012 die Ermittlungen gegen 14 Täter, die im Südwesten lebten, jedoch eingestellt. Niemandem könne eine individuelle Schuld nachgewiesen werden, hieß es vom damaligen Oberstaatsanwalt Bernhard Häußler.

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Dagegen formierte sich in Stuttgart Protest, eine Gruppe – organisiert vom Verein Die AnStifter – reiste mit einer Solidaritätserklärung nach Sant’Anna. Der Beginn einer besonderen Freundschaft mit Enrico Pieri. Im Jahr 2013 nahm Pieri zusammen mit seinem Mitstreiter Enio Mancini den Stuttgarter Friedenspreis der AnStifter entgegen.

Aus der Begegnung mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann ging schließlich ein Jugendbegegnungsprogramm hervor: Seit 2017 treffen sich jährlich junge Leute aus Italien und Deutschland in Friedenscamps in Sant’Anna und Stuttgart. Pieri hat diese Begegnungen durch seine bewegenden Berichte geprägt.

Mit dem Blick in die Vergangenheit verband Pieri auch immer die Zukunft

Mindestens so wichtig wie der Blick in die Vergangenheit waren für ihn die Konsequenzen für die Zukunft, die Orientierung auf die Werte von Demokratie, Menschenrechten und internationaler Verständigung. „Seine menschliche Wärme, seine Glaubwürdigkeit, seine Überzeugungskraft, seine durch Bescheidenheit verstärkte moralische Vorbildwirkung – das alles, der Mensch Enrico Pieri wird uns sehr fehlen“, sagt Eberhard Frasch von der AnStifter-Initiative.

Enrico Pieri legte 2013 Beschwerde gegen die Ermittlungseinstellung ein. Behörden in Hamburg und Karlsruhe entschieden anders als die Stuttgarter Juristen – ein Prozess fand dennoch nicht statt: Der letzte lebende Täter war nicht mehr verhandlungsfähig. „Davon ist mir bis heute ein Kloß im Hals geblieben“, sagte Pieri. Er sagte aber auch: „Ich habe dem deutschen Volk verziehen. Nicht den Verbrechern von damals. Aber den Deutschen.“