Zwangsehen in Stuttgart Unter einem falschen Vorwand in den Iran gelockt

Meist sind Minderjährige Mädchen von einer Zwangsheirat betroffen. Foto: Katja Edler

Immer mehr junge Frauen wollen sich von illegalen Familienzwängen lösen und selbstbestimmt leben. Das ist nicht immer möglich. In Stuttgart finden sie eine Anlaufstelle.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau : Veronika Kanzler (kan)

Stuttgart - Die Nachricht hat besorgniserregend geklungen: Oma und Opa seien krank. Eventuell würden die beiden bald sterben. Für Sakina, die ihren echten Namen aus Gründen der Sicherheit nicht nennen möchte, war sofort klar, dass sie ihre Großeltern im Iran besuchen muss. Gemeinsam mit ihren Eltern reist die Schülerin von Deutschland aus in das Herkunftsland ihrer Familie. Dort angekommen war schnell offensichtlich: Oma und Opa sind nicht krank. Sakina, noch keine 18 Jahre alt, soll dort heiraten. Gegen ihren Willen. Einen Mann, den sie nicht kennt. In einem Ort, der von ihrer Heimat Tausende Kilometer entfernt ist – in dem sie praktisch niemanden kennt.

 

„Das ist erschütternde Realität“, sagt Dagmar Braun, Abteilungsleiterin in der Evangelischen Gesellschaft (Eva). Sie ist dort zuständig für Kinder, Jugendliche und Familien. Braun sowie die Bereichsleiterin für die Hilfe von jungen Migrantinnen, Aischa Kartal, deren echter Name auch ein anderer ist, kämpfen dagegen an. In der mobilen Beratungsstelle Yasemin hatten sie im Jahr 2018 in Stuttgart etwa 200 Anfragen von betroffenen Mädchen – Tendenz steigend. Knapp die Hälfte davon sind Minderjährige.

Nach der Verlobung folgte die Vergewaltigung

„Wenn Mädchen noch nicht volljährig sind, denken viele Eltern, sie seien noch formbar“, sagt Kartal. So dachte wohl auch Sakinas Familie. Als der Schülerin bewusst wurde, dass man sie angelogen hatte, war es zu spät. „Zuerst hat unsere Verlobung stattgefunden“, sagt Sakina. Dann stockt ihr Atem, mehr kann sie nicht sagen. Eine Eva-Mitarbeiterin spricht weiter: Nach der Verlobungsfeier vergewaltigte ihr Verlobter sie. Damit war sie seiner Ansicht nach „entehrt“. Und er musste sich keine Sorgen machen, dass seine zukünftige Frau, die nach der Verlobung wieder nach Deutschland ging und erst zur Hochzeit wieder in den Iran kommen würde, jemand anderen finden würde.

Die Beratungsstelle Yasemin gibt es seit zwölf Jahren. Auch das baden-württembergische Ministerium für Soziales und Integration unterstützt die Arbeit. Nach 2015 sind die Anfragen deutlich gestiegen. „Das liegt zum einen daran, dass mehr geflüchtete Menschen zu uns kommen“, sagt Aischa Kartal. Aber auch junge Frauen, die in der zweiten oder dritten Generation hier leben, werden sich immer mehr ihrer Rechte bewusst und wollen selbstbestimmt leben.

Sakina bekommt Morddrohungen

Anderthalb Monate nachdem Sakina zurück in Deutschland war, entschloss sie sich, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Sie suchte Hilfe bei einer Lehrerin, vertraute ihr den Leidensweg an. Was danach folgte, gleicht einer regelrechten Flucht: „Ich bin von der Schule nicht mehr nach Hause gegangen, sondern direkt über das Jugendamt in ein Frauenhaus gekommen“, sagt Sakina. Doch damit nicht genug: „Mein Vater drohte, mich umzubringen wenn ich die Ehe nicht eingehe.“ Deshalb musste sie ihr altes Leben zurücklassen und ging in den Südwesten, in die anonyme Wohngruppe Rosa. Das war vor fünf Jahren. Seither hat sie ihre Familie nicht mehr gesehen. Angst um ihr Leben habe sie aber noch immer.

Die Wohngruppe, dessen Träger die Eva ist, ist eine Spezialeinrichtung für nicht-deutsche junge Frauen. Sieben Mitarbeiterinnen kümmern sich dort um jeweils acht Betroffene, die von körperlicher und seelischer Gewalt, sowie Zwangsverheiratung bedroht sind. „Die Frauen, die zu uns kommen, brauchen nicht nur Schutz. Oft sind sie schwer traumatisiert“, sagt Aischa Kartal. Deshalb werden sie auch sozialpädagogisch betreut. Neben der Hilfe für Betroffenen liegt ein Schwerpunkt auch in der Prävention. „Es reicht nicht, Mädchen zu stärken – wir müssen vor allem Jungs weiterbilden und sensibilisieren“, sagt Kartal. Das seien schließlich die Ehemänner und Väter von morgen. Genau deshalb wolle man das bestehende Angebot ausweiten.

Auch Jungs müssen sensibilisiert werden

Häufig entscheide noch immer das Familienkollektiv, wie der individuelle Lebensweg auszusehen habe. „Und zwar sowohl für Jungs als auch für Mädchen“, weiß Braun. Dieses Gesellschaftsbild lasse sich nicht einfach abstreifen. Dabei sei es völlig in Ordnung, unterschiedliche Perspektiven zu haben. „Bei Themen wie Zwangsverheiratung oder Gewalt müssen wir klar stellen: Das ist gegen das Völkerrecht. Das ist unantastbar – da gibt es keine zwei Meinungen“, so Kartal.

Mittlerweile hat Sakina die Schule beendet und lebt in einer eigenen Wohnung. Sie sei froh, heute hier zu sein. Langfristig sei es ihr Traum, Hochzeitsplanerin zu werden. „Aber nur für solche, die freiwillig geschlossen werden“, fügt Sakina hinzu.

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