Es sind Situationen wie diese, die die Rottenburger im Nachhinein zum Schmunzeln bringen und ihnen noch einmal klar machen, wie viel sie auf ihrer über 16 000 Kilometer langen Tour in Richtung Tokio erlebt haben. „Mit dem Fahrrad lernt man Land und Leute am besten kennen“, sagt Julian, der sonst als Sozialpädagoge tätig ist. Auch wenn der Hintern schmerzt, die Waden brennen: Das Rad ist für die zwei das unschlagbare Fortbewegungsmittel. „Der Weg ist das Training. 95 Prozent läuft im Kopf ab, fünf Prozent macht der Körper. Der Kopf muss den Körper zwingen.“
Im Jahr 2016 ging es bereits nach Rio de Janeiro
Schon 2014 ging es mit dem Rad von München einmal quer über den europäischen Kontinent nach Athen, bevor ein Jahr später die erste ganz große Reise auf ihren zweirädrigen Begleitern anstand: Von Deutschland über Island nach Alaska, an der Westküste Nordamerikas entlang, durch Südamerika bis zu den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro. Am Ende stand die stolze Zahl von mehr als 32 000 Kilometern auf dem Sattel. Angekommen in Rio, entstand kurzerhand die Idee für die nächste Reise. Ziel: Olympia 2020 in Tokio. „Wir dachten: Komm, einmal in die komplett andere Himmelsrichtung“, erzählt Julian. Und wenn die Brüder einen solchen Einfall haben, dann fackeln sie nicht lange: Im April 2019 machten sich die Zwei mit ihren 55 Kilogramm schweren Rädern mit Zelt und Gaskocher auf: einmal quer durch Europa bis in die Türkei, über den Iran, über Pakistan und Indien, ja sogar durch Neuseeland radelten die Zwei.
„Without a plan to Japan“, lautete das Motto der „Pasta Gorillas“, wie sich Julian und Nico in Anlehnung an ihre allabendliche Mahlzeit auf dem Gaskocher nennen. Denn: „Wenn man alles bis ins kleinste Detail durchplant und zu viele Reiseführer liest, vermiest das die Reise“, erklärt Julian. Nico schiebt hinterher: „Manchmal entscheidet sogar der Würfel über das nächste Land.“ So geschehen kurz vor Neuseeland, als eine ungerade Zahl die weitere Reiseroute in das Land der Kiwis vorgab. Bei einer gerade Zahl wäre es Australien geworden.
Mit persönlichen Leibwächtern durch Pakistan
Die Abenteuerlust der Beiden spiegelt sich wider in den vielen Geschichten, die sie von der Reise nach Hause gebracht haben. Da ist die Geschichte von der Kamelherde, die plötzlich die Straße überquerte, vom iranischen Bauarbeiter, der den beiden in seiner Mittagspause Opium anbot, von den Grundschulkindern in der Wüste, die sich wie verrückt freuten, als ihnen Julian und Nico ein Eis spendierten, von den Neuseeländern, die den beiden für jede Nacht in ihrem Land einen Schlafplatz kostenlos zur Verfügung stellten.
Aber nicht jede Begegnung war angenehm. In Pakistan wurden sie zum Beispiel ständig von schwerbewaffneten Polizisten von einem Checkpoint zum nächsten chauffiert. „Die hatten Munitionsgürtel mit 250 Schuss über den Schultern hängen“, erzählt Nico. Ohne ihre persönlichen Leibwächter durften die Brüder nicht einmal alleine zur Toilette gehen. Einmal wurden die zwei Rottenburger sogar für eine Nacht in einer Zelle der Polizeiwache untergebracht.
Trotzdem haben sie Pakistan in guter Erinnerung, wie eigentlich alle bereisten Länder. „Wir wurden überall auf der Welt unglaublich gastfreundlich und mit offenen Armen empfangen.“ Einzig der Straßenverkehr stellte für die beiden leidenschaftlichen Radfahrer in jedem Land eine Gefahr dar: „Die Autos sind manchmal wie kleine Waffen: Sie überholen riskant, schneiden dich, drängen dich in den Straßengraben oder hupen wie verrückt“, erzählt Nico. Mit Schwimmnudeln als Abstandshalter auf dem Gepäckträger verschafften sich die Brüder aber immer wieder den nötigen Platz auf den Straßen.
Mitten auf den Fidschi-Inseln holt sie das Virus ein
Julian und Nico Schmieder waren vielen Gefahren ausgesetzt: Giftige Tiere, unachtsame Autofahrer, drei Monate Dauerdurchfall in Indien – alles haben sie überstanden. Dann kam Corona. Und plötzlich waren auch die scheinbar unaufhaltsamen Rottenburger machtlos.
Die Brüder befanden sich gerade auf den Fidschi-Inseln, als ihnen mit Blick auf die Nachrichtenlage allmählich klar wurde, dass hier wohl ihre Reise enden würde. Das Social Distancing nehmen sich die Beiden nach ihrer unfreiwilligen Rückkehr zu Herzen: Die nächsten tausend Kilometer absolvieren sie auf ihrem Fahrrad-Heimtrainer. So schaffen es die Zwei wenigstens laut Kilometermesser auf dem Tacho bis ins ferne Japan.