Stuttgart Freimaurer öffnen sich – ein bisschen

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An diesem Freitag wird in Hannover das 300-Jahr-Jubiläum der modernen Freimaurerei gefeiert. Inhaltlich modern, im Ritual traditionell, bemühen sich die Logen um eine neue Transparenz, halten aber auch an ihrer Verschwiegenheit fest.

Die Kuratoren Regina Grünert und Albrecht Ernst sind überrascht über das große Interesse an der Freimaurer-Ausstellung im Hauptstaatsarchiv. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Die Kuratoren Regina Grünert und Albrecht Ernst sind überrascht über das große Interesse an der Freimaurer-Ausstellung im Hauptstaatsarchiv. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Der dunkle Backsteinbau des Hauptstaatsarchivs duckt sich zwischen zwei Baustellen an der B 14 in Stuttgart: Auf der einen Seite wird am neuen Stadtmuseum gewerkelt, auf der anderen entsteht der Neubau der Landesbibliothek. Es ist geradezu symbolhaft – und Symbole haben in diesem Fall eine große Bedeutung – für das Thema der Ausstellung, die im Archiv gezeigt wird und die auf „unerwartet großes Interesse stößt“, wie die Kuratoren Regina Grünert und Albrecht Ernst sagen.

„Gelebte Utopie“ heißt die Schau, die sich auf die, so der Untertitel, „Spuren der Freimaurer“ in Württemberg macht. Auf jene Vereinigung also, die sich auf die mittelalterlichen Männerbünde der Maurer und Steinmetze beruft und noch immer von Mythen und Verschwörungstheorien umwölkt ist. Die andererseits aber dem freien Geist huldigt und deshalb von der Obrigkeit, beginnend bei den absolutistischen Herrschern über den Nationalsozialismus bis hin zu den Machthabern der DDR, mit Verboten belegt wurde. Auch für Katholiken gilt – zumindest offiziell – die von Rom vor 30 Jahren verkündete Unvereinbarkeitserklärung.

1737 entstand in Hamburg die erste deutsche Loge

Die drei Männer, die an diesem Nachmittag im Hauptstaatsarchiv sitzen, erinnern so gar nicht an Umstürzler oder Staatsgefährder. Gestandene Männer sind das, die gut auf einen Ärztekongress oder eine Beamtentagung passen würden. Alfred Kötzle ist der Meister vom Stuhl der Stuttgarter Loge Zu den 3 Cedern, deren Geschichte bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht. Zusammen mit seinen Vorgängern Klaus Dieterich und Reinhart Frank unterstützt er die Ausstellung, die sich einreiht in die seit Jahren bestehenden Bemühungen der Logen, zumindest Einblicke in ihr Wirken zu geben, wenngleich noch immer gilt, dass das, was dort geschieht und worüber geredet wird, nicht den Raum verlassen sollte.

Am 24. Juni 1717 schlossen sich vier Logen in London zur Grand Lodge von England zusammen, die als erste Großloge der Welt gilt und als Anfang der international organisierten Freimaurerei. 1737 entstand in Hamburg die erste deutsche Loge, 1774 bildete sich in Stuttgart aus einer Militärloge heraus die Loge Zu den 3 Cedern, die nach einem Verbot von Herzog Carl Eugen aber rasch wieder aufgelöst wurde. Erst nach dessen Aufhebung 1835 entwickelte sich ein reges Logenleben in Württemberg. Im Nationalsozialismus wurde die Freimaurerei verboten und diffamiert – ein Einschnitt, der bis heute nachwirkt. Zwar gründete sich schon im September 1945 in Württemberg eine Sammelloge mit dem Namen Furchtlos und treu, dem Wahlspruch des einstigen württembergischen Königshauses. Aus ihr heraus entstanden in den folgenden Jahren weitere Logen, darunter auch wieder die Zu den 3 Zedern. Doch die Zahl der Brüder liegt deutschlandweit bei rund 16 000, vor 1933 waren es 82 000. Fünf der heute 16 Logen in Württemberg mit rund 600 Mitgliedern sind in Stuttgart beheimatet. Die meisten Logen sind humanitär ausgerichtet, alle sind eingetragene Vereine und gehören einem der fünf deutschen Dachverbände, den Großlogen, an.

„Wir fallen uns nicht ins Wort“

„Wir sind ganz normale Menschen“, sagt Alfred Kötzle, ein Wirtschaftswissenschaftler, der ganz normal in Anzug und Krawatte vor einem sitzt. Rund 50 Brüder „vom Professor bis zum Streifenpolizisten, vom 26- bis zum 96-Jährigen“ (Dieterich) zählt die Loge. In ihrem Kreis herrsche eine offene Diskussionskultur. „Wir fallen uns nicht ins Wort“, sagt Frank, „jeder soll seinen Standpunkt entwickeln.“ Und mitunter beschleiche einen dann das „unangenehme Gefühl, dass der andere recht haben könnte“. Gepaart sind diese von Toleranz geprägten Gespräche mit Symbolen und Ritualen, die aus dem Steinmetz- und Maurerhandwerk stammen. Dazu gehören Kelle und Senkblei, Zirkel und Winkelmaß, Abzeichen und Arbeitsteppich, aber auch der Schurz, der getragen wird – und die Bezeichnungen: ein Vortrag heißt Entwurf, der Raum Tempel und ein stabiles Glas Kanone. Hinzu kommt, dass es bei Logen Entwicklungsstufen von Lehrling über den Gesellen bis zum Meister gibt, „jeder aber gleichwertig ist“, sagt Frank. Die Rituale seien Ausdruck der „besonderen Homogenität“ der Brüder und dienten der Selbstreflexion, sagt Dieterich. „Für mich ist das wie ein Resetknopf.“

Auch wenn die Loge seit mehr als 150 Jahren einen Schwesternkreis für Ehefrauen und Partnerinnen („und Partner“, so Dieterich) hat, die eigentliche Logenarbeit bleibt den Brüdern vorbehalten. Man wolle bewahren, was sich über Jahrhunderte entwickelt habe. „Auch der Fußballbund hat Männer- und Frauenmannschaften“, meint Dieterich – und spielt damit auf die Frauenlogen an. Die erste und bisher einzige in Württemberg gibt es in Reutlingen: Helga Widmann war dort „Meisterin vom Stuhl“. Die ehemalige Großmeisterin der deutschen Frauenlogen hat einen ganz eigenen Blick auf das freimaurerische Leben und das 300-Jahr-Jubiläum.

„Es gibt die große Gruppe der Neugierigen und die wenigen, die große Vorbehalte haben“, so beschreiben Regina Grünert und Albrecht Ernst die Reaktion der Besucher. Beiden wollen sie einen umfassenden Einblick in die Freimaurerei gewähren – und dann muss der Besucher das machen, was die Freimaurer von sich und ihren Brüdern verlangen, wie Frank sagt: „Wir folgen keinen Dogmen und wollen den eigenen Verstand benutzen.“

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