Am Büro-Arbeitsplatz in die Tasten hauen oder lieber in einer der tiefblauen Sitznischen? Oder zur Abwechslung im Palmenhain? Willkommen in der künftigen Arbeitswelt bei der Wüstenrot&Württembergische AG (W&W) in Kornwestheim, auf dem nagelneuen Vorzeige-Campus von Ortner & Ortner Baukunst, über den W&W-Aufsichtsratsvorsitzender Michael Gutjahr sagt: „In behördenartigen Büros ist es schwierig, agiles Arbeiten an den Tag zu legen. Dieser Campus wird uns einen wichtigen Schub geben und unsere Arbeit triggern.“ Der Vorstandsvorsitzende Jürgen Junker nennt die neue Zentrale „den Ort, an dem die Zukunft unseres Konzerns schon begonnen hat“. Von der 500 -Millionen-Euro-Investition habe sich „jeder einzelne Euro heute schon gelohnt“. Zudem zeige sie: „Wir sind wetterfest. Das ist ein wahnsinnig hohes Gut in diesen volatilen Zeiten.“
Der Finanzminister ist „geflasht“
Wo früher Streuobstwiesen lagen, setzt W&W im Norden Kornwestheims – direkt an der Markungsgrenze und nur einen Sprung vom früheren Wahrzeichen, dem Ludwigsburger Wüstenrot-Turm – jetzt mit der neuen Firmenzentrale Eckpfeiler. Architektonisch und unternehmerisch. „Es ist ein klares Signal“, sagt Jürgen Junker. Nach innen („Wir stärken Potenzial und Kompetenz“) und nach außen („Wir sind eine Gruppe. Mit den gleichen Werten und den gleichen Zielen.“). Auf dem Campus sollen erstmals alle rund 6000 Beschäftigten des Konzerns – der Wüstenrot Bausparkasse, der Württembergischen Versicherungen aus Stuttgart und Karlsruhe und weiterer Tochterunternehmen – gebündelt tätig sein, rund 4000 von ihnen können gleichzeitig vor Ort arbeiten. Für viele Angestellte ist der schicke Campus mit beträchtlich weiteren Anfahrtswegen verbunden. 2200 Parkplätze sollen diesem Umstand Rechnung tragen – neben rund 500 Fahrrad-Stellplätzen. Über eine neue Bushaltestelle ist der Campus zudem an die Bahnhöfe in Kornwestheim und Ludwigsburg angebunden. Dass die künftige Stadtbahn einen eigenen W&W-Halt bekommen könnte, ist im Moment hingegen ein sehr ferner Traum.
Eine Arbeitsstätte für Tausende von Menschen, so organisiert, „dass sie gleichzeitig hervorragende und nachhaltige Arbeitsbedingungen haben, zum anderen große Flächen für die Gemeinschaft, wo man sich vollkommen leger treffen kann, ohne sofort an die Arbeit zu denken“: Das sei die Idee hinter dem architektonischen Konzept, sagt Manfred Ortner vom Berliner Büro Ortner & Ordner Baukunst. Die, so Ortner, „merkwürdige, für uns aber letztlich bereichernde Hanglage“ wurde Nährboden für die terrassiert angelegte Komposition von 14 miteinander verbundenen, verschieden hohen Einzelgebäuden. Das Gelände habe die Vorgabe gemacht für ein einzigartiges Konzept, sagt Ortner. Für eine bewegte Folge von Räumen, gruppiert um ein Freiluft-Rückgrat und so angelegt, dass grüne Zungen zwischen die Gebäude ragen. So habe man fast immer das Gefühl, man arbeite im Freien. Ortners Kollege Roland Duda huldigt dem Material Ziegel: Es nehme kongenial Licht und Wärme auf, „das schaffen Sie mit Metall und Glas nicht“. Den Ansprüchen an hohe Energiestandards soll der Campus etwa mit einem effizienten Klimatisierungskonzept oder einer Photovoltaikanlage Genüge tun.
Unten liegen die repräsentativen Ebenen – Empfang, Gastro-Angebote, Sporthalle, außerdem Tagungs- und Seminarräume – , nach oben hin die Büros: je zwei Büromodule pro Etage, gruppiert um Serviceeinheiten mit Aufzügen, Treppenhaus, Sanitärräumen, Teeküche und Besprechungsraum. Statt fester Plätze ist Desk-Sharing angesagt, kombiniert mit Homeoffice-Tagen.
Häuslebau im großen Stil
Zehn Jahre habe man an dem Campus geplant, sagt Manfred Ortner, das Engagement der Bauherrin W&W sei dabei außergewöhnlich gewesen: „So etwas passiert uns nicht so oft. Sie saßen mit am Tisch und haben fast jedes Detail mitgeplant. Es hat sich fast wie ein schwäbischer Häuslebau angefühlt.“ Mit Dimensionen allerdings, die auch dem Finanzminister Danyal Bayaz Anerkennung abringen. „Ich war geflasht“, bekennt er beim Eröffnungs-Festakt. Der Campus sei beeindruckend, „hier riecht es nach Zukunft. Sie haben wirklich was vor, das merkt man.“ Und die Investition sei imposant: „Eine halbe Milliarde Euro, das ist eine Hausnummer!“ Kein Wunder, dass die Stadt Kornwestheim sich glücklich schätzt – im Gegensatz zur Stadt Ludwigsburg, die den Campus zwar direkt vor der Nase, aber einen großen Gewerbesteuerzahler verloren hat.
„Erschließen Sie sich das ganze Areal“, ermuntert der Aufsichtsratschef Gutjahr die Belegschaft. Nicht ohne angesichts des Überschwangs über das hippe Quartier allerdings nachzuschieben: „Aber arbeiten Sie!“ Ganz nach der der schwäbischen Tugend „SNS“, so Gutjahr: „Schaffe, net schwätze.“
Erste Auszeichnungen
Zertifizierter Campus
Die ersten vier Häuser, die Ende 2017 in Betrieb gingen, sind von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) zertifiziert. Sie zeichnete die Bauten mit dem DGNB-Zertifikat in Gold aus: wegen funktionaler, soziokultureller und ökologischer Aspekte wie der standortgerechten Bepflanzung der Grünanlagen
Grüne Kantine
Zertifiziert wurde auch das neue Betriebsrestaurant im Bereich Nachhaltigkeit: Es hat das Siegel „GreenCanteen“ zuerkannt bekommen.