Medikamente wie die sogenannte Abnehmspritze Wegovy versprechen schnellen Gewichtsverlust. Doch Experten haben nun erneut vor falschen Vorstellungen gewarnt: Wundermittel gibt es nicht. Zudem herrscht auf dem Markt ein Engpass, der Diabetiker in Schwierigkeiten bringt.

Ein kleiner Pieks – und schon kann man nach Lust und Laune schlemmen? Ohne zuzunehmen? Ohne schlechtes Gewissen? Wenn es so einfach wäre. Seit einigen Monaten versprechen Präparate wie Wegovy, Mounjaro und Co. schnelle Abnehmerfolge, wofür sie vor allem in den sozialen Netzwerken gefeiert werden. Experten haben nun jedoch noch mal unmissverständlich deutlich gemacht: Wundermittel gibt es nicht.

 

„Der Bedarf ist weltweit dennoch riesig“, sagte Martin Schulz, Geschäftsführer des Bereichs Arzneimittel der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (Abda), am Donnerstag bei der Jahrespressekonferenz der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) in Berlin. Schulz rechnet damit, dass weitere Hersteller auf den Markt drängen werden: „Es werden in absehbarer Zeit auch noch wirkungsvollere Substanzen kommen.“ Wer die Spritzen nehme, „darf aber nicht meinen, er kann weiterleben wie bisher – und alles ist gut“. Um einen nachhaltigen Effekt zu erzielen, müsse die Anwendung der sogenannten Abnehmspritzen in ein Gesamtkonzept eingebettet sein.

Wer Wegovy absetzt, nimmt wieder zu

„Betroffene müssen ihren Lebensstil ändern, etwa durch mehr Bewegung und eine Ernährungsumstellung“, erläuterte die DDG-Vizepräsidentin Julia Szendrödi. Klar sei auch, dass man die Medikamente ein Leben lang nehmen muss: „Setzt man sie ab, steigt das Gewicht wieder an“, so die Ärztliche Direktorin der Klinik für Endokrinologie am Uniklinikum Heidelberg weiter.

Trotzdem herrscht derzeit durch die enorm gestiegene Nachfrage ein „massiver Engpass“ bei fast allen Mitteln mit so genannten GLP-1-Rezeptoragonisten, zu denen auch der in Wegovy enthaltene Wirkstoff Semaglutid gehört. Das bringe Diabetes-Patienten in große Schwierigkeiten. „Anrufe bei unzähligen Apotheken gehören inzwischen zum Alltag“, kritisiert Schulz. Teils müssten die Patienten lange Wege in Kauf nehmen, um die dringend benötigten Pens zu bekommen. Vor Hamster-Einkäufen warnt er allerdings.

Folgen der hohen Nachfrage: Gefälschte Rezepte

Mit einer Entspannung ist laut Schulz erst Anfang 2025 zu rechnen. Bisher gibt es mit dem dänischen Pharmakonzern Novo Nordisk und dem US-Unternehmen Eli Lilly nur zwei Hersteller. Und die kommen nun, da die Zahl der Patienten weltweit deutlich gestiegen ist, mit der aufwendigen Produktion der Pens kaum nach. Folgen seien unter anderem gefälschte Rezepte, sehr hohe Verordnungsmengen und Verordnungen durch fachfremde Ärzte.

Gefälschte Spritzen, wie sie in Großbritannien aufgetaucht sind, sind in Deutschland aber nicht bei Patienten angekommen“, gibt Schulz Entwarnung. Es habe sich um umetikettierte Insulin-Pens gehandelt. Apotheken hätten bis Mitte Februar dennoch die Vorgabe gehabt, jede einzelne Packung zu öffnen, um die Echtheit zu prüfen.

Wegovy und Co. sind keine Lifestylemittel

Die Experten appellieren daher, die Medikamente nicht als Lifestylemittel zu missbrauchen. Sie seien nur bei schweradipösen Patienten sinnvoll. „Patienten mit einem BMI über 30 können die Therapie verordnet bekommen“, erklärt DDG-Sprecher Baptist Gallwitz. Zusätzlich sind die Mittel auch für Menschen mit einem BMI über 27 mit Begleiterkrankungen wie Diabetes zugelassen.

Denn so gut die Erfahrungen mit den Mitteln, hier unter den Markennamen Ozempic oder Trulicity, bei Diabetes-Patienten auch sind: „Die bisherigen Erkenntnisse lassen sich nicht automatisch auf Menschen mit gesundem Stoffwechsel übertragen“, so die Endokrinologin Julia Szendrödi. Klar ist zudem: Wegovy und Co. haben Nebenwirkungen: Schwindel, Magen-Darm-Probleme, teils heftige Übelkeit.

„Die Einnahme muss daher immer ärztlich begleitet werden“, betonte Szendrödi. Es gibt die Medikamente daher nur auf Rezept, und gesetzlich Versicherte müssen die Abnehmspritzen selbst zahlen – mit monatlichen Kosten von etwa 300 Euro. Daran werde sich auch so schnell nichts ändern, ist sich der Pharmakologe Schulz sicher.