Anti-Prokrastinations-Tag Aufgeschoben ist nicht aufgehoben

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Heute schon aufgeschoben? Wie sieht es mit Ihren guten Vorsätzen aus? Schon wieder verworfen? Dann sind Sie nicht allein: Die meisten Menschen leiden unter chronischer Aufschieberitis.

Putzen statt chillen, relaxen statt lernen, die Beine hochlegen statt anpacken: Die Unsitte der Prokrastination ist extrem weit verbreitet. Foto: dpa 8 Bilder
Putzen statt chillen, relaxen statt lernen, die Beine hochlegen statt anpacken: Die Unsitte der Prokrastination ist extrem weit verbreitet. Foto: dpa

Stuttgart - „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe ruhig auf morgen.“ Der Spruch stammt vom Trash-Philosophen ©Urkrates. Die Begründung liefert er gleich mit: „Denn was du heute kannst erleben, kann dir morgen keiner geben!“

Kämpfe-gegen-die-Prokrastination-Tag

Damit ist jetzt Schluss! Ab heute wird nichts mehr verschoben. Denn: Der 6. September ist der internationale Kämpfe-gegen-die-Prokrastination-Tag, der institutionalisierte Anti-Aufschieberitis-Tag sozusagen. Noch so ein kurioser Aktionstag werden Sie jetzt sagen. Wer ihn als Erster ins Leben gerufen hat, lässt sich nicht mehr feststellen. In den USA wird er als „Fight Procrastination Day“ seit langem begangen. Zusammen mit dem ähnlich gearteten Aktionstag „Be Late for Something Day“ – Verspäte-Dich-Tag – am 5. September.

Aufgehoben ist nicht aufgeschoben“

„Aufgehoben ist nicht aufgeschoben“. Diese Redensart drückt aus, was der Zungenbrecher Prokrastination meint. Was im Augenblick nicht erledigt werden kann, ist keineswegs vergessen, sondern zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden wird. Der Sinnspruch geht auf den um 450 in Rom lebenden Mönch und Kirchenschriftsteller Arnobius der Jüngere zurück. In seinem Kommentar zu den Psalmen findet sich die Sentenz im lateinischen Original: „Quod differtur, non aufertur.“

Trödeln: Das Studentensyndrom

Prokrastination – vom lateinischen „procrastinare“, auf morgen verschieben – meint extremes Aufschieben. Meistens von aversiven, also unangenehmen Aufgaben und Pflichten. Es muss nicht immer gleich pathologisch sein und sich um eine klinische Verhaltensstörung handeln.

Trödeln – sinnigerweise auch Studentensyndrom genannt – kennt jeder: Das verschmutzte Bad endlich putzen? Dafür ist morgen auch noch Zeit. Für die Matheklausur pauken? Die Woche ist noch so lang. Das Knöllchen bezahlen? Es ist doch noch gar kein Stichtag.

Vertagen, aufschieben, wegdrücken, ablegen – die Synonyme sind so zahlreich wie die Formen der Prokrastination unterschiedlich. „Morgen, morgen, nur nicht heute, sagen alle faulen Leute.“ Der Spruch klingt vielen aus ihrer Kindheit noch in den Ohren. Im Original heißt er: „Morgen, morgen nur nicht heute! Sprechen immer träge Leute.“ Damit beginnt das Kinderlied „Der Aufschub“ des Schriftstellers Christian Felix Weiße (1726-1804).

Berg an Unerledigten wird immer höher

„La strada dell’inferno è lastricata di buone intenzioni“ – der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert –, sagt ein italienisches Sprichwort. Warum ist es bloß so schwierig, das, was man sich vorgenommen hat, in die Tat umzusetzen? Anstatt Unangenehmes immer weiter vor sich her zu schieben, so dass der Berg an Unerledigten immer höher wird, beschäftigt man sich lieber mit Angenehmen, weil es so viel leichter von der Hand geht. Doch das böse Erwachen kommt bestimmt.

Warum ist der Mensch ein chronischer Aufschieber?

Warum prokrastinieren Prokrastinierer? Die zahllosen Antworten auf die fundamentale ethische Frage lassen sich auf einen kurzen Nenner bringen: Das Leben ist ein beständiger Kampf gegen den „inneren Schweinehund“. Diese Metapher umschreibt, was für eine körperliche und geistige Anstrengung es ist, sich selbst zu überwinden und Vertrautes abzulegen.

Für den chinesischen Philosophen Konfuzius (551–479 v. Chr.) steht fest: „Der Weg ist das Ziel.“ Ein Edler zu werden und tugendhaft zu leben ist für „Lehrmeister Kong“ das höchste Ziel: Nicht durch einzelne Entscheidungen oder reine Willenskraft kann man es erreichen, sondern nur durch Achtsamkeit, Selbstbildung und Übung.