Architekten-Villa mit Auszeichnung in Bayern Ein Wow-Haus mit rosa Hülle

Wohnhaus mit Kupfervorhang über dem verglasten Erdgeschoss, geplant von Architekt Bernd Liebel. Dazu ein japanischer Kuchenbaum und ein Koi-Teich. Foto: Brigida González

Intim und trotzdem offen: in diesem Einfamilienhaus von dem Aalener Architekten Bernd Liebel wohnt das Licht. Barrierefrei ist das Domizil obendrein. Ein Besuch.

Bauen/Wohnen: Tomo Pavlovic (pav)

Zu den elementaren Aufgaben der Architektur gehört die Schaffung und Gestaltung von Räumen, was normalerweise mit einer klaren Trennung von Innen und Außen einhergeht. Das klingt zunächst banal. Vernünftig gebaute Häuser, zumal Einfamilienhäuser, müssen doch mindestens vier Außenwände aufweisen, denkt man, mit Fenstern und einer Außentür. Solide gemauerte oder gezimmerte Wände, über die man eine horizontale Decke sowie ein Dach stülpt.

 

So sehen auch die Zeichnungen der meisten Kinder in Europa aus: ein Rechteck mit Satteldach, oft mit kleinen Öffnungen. Kinder malen, was sie in ihrer Welt sehen. Häuser als Schutzräume, wo sich kleine und große Menschen sicher und geborgen fühlen.

Durchlässige Grenzen im Einfamilienhaus

Spannend wird Architektur, wenn sie diesen urtümlichen Anspruch in Frage stellt. Wie würde wohl ein Haus aussehen, bei dem die Grenzen zwischen dem Innen und dem Außen sowohl fest als auch durchlässig wären, ja die Räume im Gebäude selbst fließen würden?

Um ein derartig unkonventionelles Haus zu erleben, muss man nach Niederbayern kommen, in eine schöne Stadt, die hier ebenso wenig wie die Namen der Eigentümer genannt werden soll. Unweit des Zentrums mit seinem prächtigen, von der Gotik und Renaissance geadelten Stadtbild befindet sich ein aufsehenerregender Bau mit einem quadratischen Grundriss, umgeben von einem großzügigen Garten mit einem Naturteich mit wunderschönen Koi-Karpfen.

Das Haus leuchtet, glänzt, funkelt wie eine polierte Skulptur je nach Tageszeit und Sonneneinstrahlung. Das Spiel mit dem Licht rührt nicht nur von dem auf drei Seiten bodentief verglasten Erdgeschoss. Eine darüber vorgehängte Fassade aus gelochten, faltbaren Kupferplatten schützt das Obergeschoss vor fremden Blicken, kann aber nach Bedarf aufgeklappt werden.

Die Kupferhülle überformt den quadratischen Grundriss, der an drei Ecken zurückspringt. Der außergewöhnliche, weil lichte Galerie-Eindruck kommt durch genau diese raffinierten Einschnitte in das Raumvolumen wie auch in die Dachfläche zustande. Man könnte sich auch in einem Kunstpavillon wähnen, allein schon wegen des schön inszenierten japanischen Kuchenbaums auf der eingezogenen Eckfläche zwischen Wohn- und Essbereich.

Mittagszeit, es ist ein bedeckter Tag. Doch dann reißt die Wolkenschicht auf und die Sonne wirft einen Spot auf das Haus. Nun ist überall: Licht. Und weil im Inneren fast alle Räume ohne Wände ineinander übergehen, stellt sich ein besonderes, entgrenztes Raumgefühl ein. „Ich will es hell haben, ich brauche keine Flure. Ich habe eine Phobie gegen Dunkelheit“, sagt der Bauherr, ein erfolgreicher Unternehmer mit viel Sinn für gute Architektur und die Wirkung derselben.

Durchlässigkeit als Seelenlohn

Schließlich sind bewusst gestaltete Räume Ausdruck der eigenen Persönlichkeit, manchmal auch eine Wiedergutmachung für Überwundenes in der Vergangenheit. „Ich habe meine Firma in einem Keller gegründet“, erinnert sich der Bauherr. So betrachtet ist das Licht, diese Durchlässigkeit eine Art Seelenlohn.

Und der kupferne Vorhang ein intimer Ehrenerweis an das Elternhaus. „Mein Vater war Spengler: Ich mag Kupfer, das ist aus der Kindheit geblieben“, sagt der Bauherr, der sowohl für das Material als auch für die Lochabstände des Musters in der Fassade verantwortlich zeichnet.

Was übrigens auch für die technische Ausstattung dieses außergewöhnlichen Domizils gilt. In einem 20 Quadratmeter großen Kellerraum ist eine Hightech-Anlage installiert, mit der geradezu beispielhaft energieeffizient geheizt, gelüftet und gekühlt wird. Mehr geht nicht.

Aufzug fürs altersgerechte Wohnen

Weniger aber auch nicht. Denn so ein anspruchsvolles Raumkonzept erfordert ein wohltemperiertes Wohnklima. Fließend gehen die Räume nicht nur horizontal ineinander über, sondern auch vertikal: Split-Level verbinden die Ebenen über ein annähernd mittig angelegtes, offenes Treppenhaus mit Aufzug, damit das Haus für die Bewohner auch im hohen Alter noch erlebbar ist.

All dies und die großzügige Verglasung benötigen eine perfekte Steuerung der Energieströme – und einen Architekten, der weiß, was er tut. Bernd Liebel ist ein erfahrener Architekt, der seit mehr als zwei Jahrzehnten in Aalen ein Planungsbüro mit mittlerweile 20 Mitarbeitern leitet und zahlreiche Auszeichnungen erhalten hat.

Sein Markenzeichen? Liebel ist einer, der die Sonne sucht und findet, ein Lichtfänger und Schattenkünstler, der als Architekt den Widerspruch von Drinnen und Draußen in Frage stellt. „Wir bauen keine Raumhüllen“, betont Bernd Liebel, „sondern schaffen Innenräume mit hoher Aufenthaltsqualität.“

Zugleich kommunizieren seine Bauten mit der unmittelbaren Umgebung. In Niederbayern spiegelt sich die Natur des Gartens und die nachbarschaftliche Bebauung in den Glasscheiben.

Gerahmte Ausblicke

Im Obergeschoss bleibt die Verbindung zur Umgebung durch gerahmte Ausblicke auf Burg, Kirche und Garten bewahrt. „Und das Muster auf der Kupferfassade verweist auf den alten Baumbestand“, erklärt Bernd Liebel, womit er die alten Felsenbirnen auf dem Grundstück meint, die erhalten werden konnten.

Kein Wunder also, dass dieses Projekt viel gelobt wird. Unter anderem gab es für dieses Projekt 2020 den German Design Award und die Nennung bei der Auswahl der 50 besten Einfamilienhäuser, die das Deutschen Architekturmuseum und der Callwey Verlag prämieren. Völlig zurecht.

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