Erinnerungen an die Grundschule? Da gab es neben anderen unheimlichen Dingen diese langen Flure, hohe Decken mit flackernden Neonröhren und einen speziellen Geruch nach Putzmittel. Die meisten, die vor der Jahrtausendwende im Westen Deutschlands zur Schule gingen, werden ähnliche Erfahrungen gemacht haben.
Damals waren Mensen in Grundschulen noch eine absolute Seltenheit. Wer beispielsweise nach seinem Unterricht in der Martin-Luther-Grundschule in Bad Cannstatt Hunger und kein Vesperbrot hatte, schlurfte zum Supermarkt Nanz auf der anderen Straßenseite oder zum Bäcker Rath an der nächsten Kreuzung – und damit zur großen Freude der Süßwarenindustrie.
Der Raum als dritter Pädagoge
Nach dem eigenen Zuhause ist die Schule das allererste Gebäude, dessen Architektur sich fest ins Gedächtnis eingräbt. Soll der Raum in der Schule nach einem bekannten Konzept tatsächlich als dritter Pädagoge fungieren, so muss die pädagogische Architektur zwingend anders sein als in jenen Zeiten, da noch Anpassung und Gehorsam die vorrangigen Bildungsziele waren. Wichtig ist beispielsweise eine Differenzierung bei der Raumgestaltung, damit gerade auch in einer Mensa das gleichzeitige Ausleben verschiedener Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen ermöglicht wird.
Den erwähnten Supermarkt wie auch den Bäcker gibt es schon lange nicht mehr im Cannstatter Seelberg-Quartier. Dafür bekommen die Kinder heute ein ordentliches Mittagessen. Und zwar in einem echten Wohlfühlraum. An der neuen Mensa in der Martin-Luther-Schule mit Ganztagsbetreuung lässt sich zeigen, wie dieser formale Anspruch auf eine offene, flexible Raumgestaltung beispielhaft umgesetzt wurde.
Ein zentraler, aus hell lasiertem Holz gestalteter Raum dient sowohl als Kantine als auch als Veranstaltungsort. Freundliche Gelb-, Grün- und Blautöne kamen bei den Tischen und Stühlen zum Einsatz.
Viergeschossiger Altbauklotz
Viel Licht gelangt auch von der Hofseite ins Innere. Hier lassen sich die verglasten Türen bei Bedarf öffnen, die Bäume vom benachbarten Uff-Kirchhof – einem der ältesten Friedhöfe Stuttgarts – spenden Luft und Schatten. Die wohl größte Herausforderung war die Anbindung des Baukörpers an das schon bestehende Schulgebäude; der mächtig wirkende, viergeschossige Klotz ist aus dem Jahr 1901.
Enger Austausch von Alt und Neu
Damit die Kinder und das Lehrpersonal trockenen Fußes aus den Klassenzimmern zur Mensa gelangen können, schuf das planende Stuttgarter Architektenbüro von Joel Harris und Volker Kurrle eine eigenständige, skulpturale Gestaltung des Neubaus, welcher sich mit seinem Vordach an das Portal der Schule auf den ersten Blick anschmiegt, ohne dieses aber zu berühren. Beide Gebäude bleiben Solitäre im Dialog zwischen Alt und Neu, doch sie scheinen in gutem und engem Austausch zu stehen.
Das Dach der zweigeschossigen Mensa mit ihrem grobkörnigen weißen Putz ragt großzügig aus, ist befreit vom rechtwinkligen Unterbau und schiebt sich selbstbewusst über einen Teil des Innenhofs. Alles fügt sich, die Mensa wirkt nicht wie ein Fremdkörper in diesem baugeschichtlich interessanten Areal.
Denn neben dem Altbau des Schulgebäudes steht ja vis-à-vis noch die neugotische, im Jahr 1900 nach Plänen von Richard Böklen und Carl Feil fertiggestellte Lutherkirche, die zu den ersten aus Backstein erbauten Kirchen Süddeutschlands zählt. Die drei Gebäude samt Friedhofsanlage bilden nun ein spannendes, architekturgeschichtliches Terrain, zumal auch noch während der Bauphase auf einem Teil der 800 Quadratmeter großen Projektfläche das Landesdenkmalamt fündig geworden ist.
Sechs komplette Urnengräber wurden hier freigelegt, in drei weiteren wurden Reste von Gefäßen gefunden. Sie stammen aus der Spätbronzezeit rund 1000 vor Christus. Offensichtlich wurde das Gebiet schon sehr früh als Grabstätte genutzt. In einer Vitrine in der Mensa wird diese überraschende archäologische Recherche dokumentiert.
Zukunftweisende Architektur auf historischem Grund – der Mensa-Neubau ist weit mehr als nur eine gelungene Erweiterung und Ergänzung des Vorhandenen. An diesem Gebäude kann auch exemplarisch studiert werden, wie nachhaltiges Bauen in der Praxis funktioniert. Von Prozessbeginn an wurde nämlich das Planungswerkzeug „N!BBW – Nachhaltiges Bauen Baden-Württemberg“ eingesetzt: ein onlinebasierter und kostenloser Leitfaden für Bauherrinnen und Bauherren von öffentlichen Gebäuden, der seitens des Landes zur Verfügung gestellt wird.
Beim Besuch der Mensa erklärte die Staatssekretärin im Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen, Andrea Lindlohr: „Je früher Nachhaltigkeitsaspekte bereits in die Planung einfließen, desto größer ist später dann auch die erzielte Wirkung. Sie sollten deshalb stets bereits in Wettbewerben und Ausschreibungen explizit aufgenommen werden.“
Um die Klimaziele des Landes zu erreichen, müssten alle Akteure frühzeitig kooperieren, um alle Kriterien zu erfüllen – das gilt für die Wahl der Baustoffe über die Ökobilanz bis hin zur Optimierung des Raumklimas. Dank dem Planungstool N!BBW, das dem Architektenteam um Harris und Kurrle sowie den zuständigen Behörden der Stadt zur Verfügung stand, konnte man die Anforderungen an die Gebäudeeffizienz am Schluss sogar noch übertreffen.
Alle scheinen am Ende mit dem Ergebnis glücklich, der Schulleiter wie die 458 Schülerinnen und Schüler aus 20 Klassen. In der Mensa zumindest herrscht prima Klima. Dass die Mensa der Martin-Luther-Schule trotz all dieser komplexen Ansprüche am Ende nicht nur aus umwelttechnischer, sondern vor allem aus formaler Sicht überzeugt, ist ebenfalls gut: für die Schulkinder, aber auch für alle, die sich für öffentliche Architektur begeistern.
Info
Energiesparhaus
Der Mensa-Neubau unterschreitet die Anforderungen der Energiesparverordnung um knapp 32 Prozent und würde damit auch die inzwischen verschärften gesetzlichen Anforderungen an die Gebäudeenergieeffizienz einhalten. Der Geräuschpegel konnte dank der Messungen und Maßnahmen wie akustisch wirksamer Wandbekleidung und einer Akustikhyienedecke reduziert werden. Sonnenschutzverglasung und Verschattung durch das überstehende Dach dienen dem sommerlichen Wärmeschutz.
Architekten
Das im Jahr 2000 gegründete Stuttgarter Architekturbüro Harris + Kurrle von Joel Harris und Volker Kurrle hat für seine Entwürfe zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter 2020 für die Stadtbibliothek in Rottenburg den Staatspreis Baukultur Baden-Württemberg, ein Preis für Innovation und Nachhaltigkeit im Planungs- und Bauwesen. Harris und Kurrle erhielt die Ehrung in der Sparte „Bauen für die Gemeinschaft“. Für den Entwurf gab es außerdem den Otto-Borst-Preis und den Ziegelpreis 2019. Jüngst wurde ihr Neubau einer Kirche in Köln fertiggestellt.