Architektur und Wohnkrise Wer will schon wie eine Kleinfamilie wohnen?

Bauplanung im Architekturbüro. Im Fokus: die klassische Familie. Foto: candy1812 /stock.adobe.com

Es gibt immer mehr Wohngemeinschaften und Singles, die verzweifelt nach Wohnungen mit praktischen Grundrissen suchen. Doch in der Baubranche gilt nach wie vor das Ideal der Kleinfamilie. Doch es gibt Alternativen – auch von Stuttgarter Architekten.

Bauen/Wohnen: Tomo Pavlovic (pav)

Totgesagte leben länger. Die bürgerliche Altbauwohnung ist einer dieser angeblich todgeweihten Patienten im baupolitischen Krankenhaus, die schon so oft von den Ärzten, sprich: Soziologen, Architekten, Stadtplanern und nicht zuletzt Politikern aufgegeben worden sind. Doch weder der letzte Heizungsschock noch das umstrittene Gebäude-Energie-Gesetz haben diesem architektonischen Konzept etwas anhaben können.

 

Dass die Wohnungen aus dem 19. Jahrhundert heute dermaßen begehrt sind in den Großstädten, hat aber nicht nur etwas mit der omnipräsenten Wohnungsnot in dieser Republik zu tun oder mit einem ewigen Bedürfnis nach Stuck und hohen Wänden.

Grundrisse für moderne Lebensformen

Nein, die meisten Wohnungen in den Gründerzeithäusern unserer Städte besitzen Grundrisse, die meist besser geeignet sind für moderne Lebensformen als eine Neubauwohnung. Manche der 4-5-Zimmerwohnungen in den alten Häusern besaßen auch deshalb ähnlich große Zimmer, da jeder Raum von einer kompletten Familie genutzt wurde.

Wohnungen heute sind oft und leider immer noch für Kleinfamilien konzipiert. Großzügiges Wohnzimmer, kleines Schlafzimmer für die Eltern, das Minizimmer für das Kind, bei einer Vierzimmerwohnung gibt es noch eins drauf.

Nach diesem Prinzip entstehen seit den 1920er Jahren viele Wohnungen – was mittlerweile als überholt gilt. Dabei war das mal Avantgarde. Der Mangel an Wohnungen ist nichts Neues. Anfang der 20er Jahre fehlten allein in Berlin auch schon geschätzte 130 000 Wohnungen. Die, die es gab, waren meist dunkel, eng und feucht.

Die Weimarer Verfassung garantierte jedoch „jedem Deutschen eine gesunde Wohnung“. Das Versprechen hielt der Staat. Zusammen mit den Vordenkern aus Kunst und Architektur versuchte die Politik, ihre sozialpolitischen Utopien umzusetzen. Architekten wie Bruno Taut, Walter Gropius und Hans Scharoun schufen funktionale Wohnanlagen, in denen sich die Menschen in bescheidenem Luxus wohlfühlen durften.

Der angesprochene Luxus war der Mehrwert gegenüber den Wohnmaschinen aus dem 19. Jahrhundert, den sogenannten Mietskasernen mit ihren ungenügenden hygienischen Ausstattungen. In den avantgardistischen Berliner Sozialbauten waren Bad, Toilette und Zentralheizung Pflicht. Die Grundrisse orientierten sich am Ideal der Kleinfamilie; es gab getrennte Zimmer für Wohnen und Schlafen, es gab Balkon oder Loggia.

Auch in Stuttgart wurden Mehrfamilienhäuser mit guten Standards gebaut – wie etwa das jüdische Architektenbüro Bloch und Guggenheimer, die für Mehrfamilienhäuser im Westen und im Süden am Rande des Eiernestes Wohnungen jeweils mit eigenem WC entwarfen.

Hundert Jahre später sollen die Leute immer noch ihre Wohnung wie eine Kleinfamilie aufteilen, auch wenn sie gar keine Kleinfamilie sind: denn Menschen schließen sich immer öfter zu Lebensgemeinschaften zusammen.

Nicht ideal, aber besser

Da wohnen mal drei Seniorinnen in einer Wohnung, mal zwei Freundinnen mit Haustieren. Oder fünf Studierende. Zwei Alleinerziehende mit drei Kindern. Oder drei Berufspendler auf Zeit. Wer nimmt also das winzige Zimmer? Und was soll man mit dem dominanten Wohnzimmer anfangen? Konfliktfrei wohnen geht anders.

Und deswegen suchen potenzielle Wohngemeinschaften nach Altbauwohnungen, weil die zwar nicht ideal, aber doch meist bessere Grundrisse aufweisen als vermeintlich moderne Wohnungen.

Dazu passt eine frische Meldung, die den Architekten, Stadtplanern und Bauämtern zu denken geben dürfte: Immer weniger Menschen leben als Paare zusammen! Im ersten Halbjahr 2023 wohnten nur noch 60 Prozent der Erwachsenen in Deutschland mit einem Partner oder einer Partnerin zusammen. Damit ist der Anteil der zusammenlebenden Paare weiter zurückgegangen, wie das Statistische Bundesamt jüngst mitteilte.

Der Anteil fällt seit dem Beginn der Zeitreihe im Jahr 1996. Damals hatten noch 66 Prozent der Menschen als Paar zusammengelebt. Und das Paar ist nicht selten die Vorstufe einer Kleinfamilie. Doch wie sähe denn eine ideale Wohnung aus, die auch in Zukunft noch ihren Zweck erfüllen könnte?

Es müsste eine Wohnung mit einem nutzungsneutralen Grundriss sein, wie das im Fachjargon heißt. An einem langen Flur mit Stauraum lauter gleich große Zimmer; dazwischen Leichtbauwände, die herausgenommen werden können, sodass zwei kleine Zimmer einen großen Raum ergeben. Jedes Zimmer kann damit alles sein: Büro, Wohnzimmer, Kinderzimmer, Abstellkammer, WG-Gemeinschaftsraum, egal.

Dass das geht, haben beispielsweise die jungen Architekten vom Stuttgarter Atelier Kaiser Shen vorgemacht. Die Wohnungen in einem Haus bei Heilbronn, das jüngst als „Haus des Jahres“ ausgezeichnet wurde, verfügen über Zimmer, die ähnlich groß und nicht nur für Familien, sondern eben auch für WGs nutzbar sind.

Der erste und der zweite Stock im Haus sind nicht identisch aufgeteilt. Die beiden Wohneinheiten sind jeweils geschossweise teilbar, sodass die Doppelhaushälften in vier kleine Wohneinheiten gegliedert werden können. So kann flexibel darauf reagiert werden, wenn sich Familienverhältnisse ändern und Eltern etwa nicht mehr die ganze Doppelhaushälfte brauchen, weil die Kinder ausziehen.

In den Wohngeschossen befinden sich jeweils acht nahezu quadratische Räume, die etwa vier mal vier Meter messen. Durch die hohen Decken wirken die Räume jedoch größer, als sie sind. Da mit Ausnahme des Badezimmers und der Küche alle Räume fast identisch sind, können sie als Schlafzimmer, Wohnzimmer oder Esszimmer genutzt werden, ohne dass Eingriffe nötig sind. „Wir wollen die Nutzung nicht vorgeben. Deswegen haben wir die Räume neutral gestaltet“, sagt Guobin Shen unserer Zeitung. Und falls etwa eine Wohngemeinschaft ins Haus zieht, gibt es keinen Streit darüber, wer ein größeres oder ein kleineres Zimmer bekommt.

lauter gleich große Zimmer – Modell fürs Projekt „Leben in der Vorstadt“ in Schorndorf Foto: Atelier Kaiser Shen

In der Planung findet sich derzeit auch noch ein genossenschaftliches Wohnprojekt in Schorndorf, das über ähnlich große Zimmer verfügt und über Räume, die mal der einen, mal der anderen Wohnung zugesprochen werden können.

Und jüngst hat das Stuttgarter Architekturbüro LRO für einen Bauherren in Bad Saulgau in Baden-Württemberg ein Mehrfamilienhaus geplant mit 19 Apartments. Sie weisen nahezu identische Grundrisse auf und sind so konzipiert, dass bei Bedarf ein Raum von einer Dreizimmerwohnung abgekoppelt und der Nachbarwohnung zugeschlagen werden kann und somit je eine Zwei- und eine Vierzimmerwohnung entstehen.

Auch manche Einfamilienhäuser sind so geplant oder werden so umgebaut, dass aus zwei kleinen Kinderzimmern ein größeres Zimmer gemacht werden kann oder dass jede Etage leicht in Wohnungen umgebaut werden könnte. Die Stuttgarter Architekten Von M haben das – für ihr eigenes Zuhause – gleich so geplant und sind dafür von der Architektenkammer Baden-Württemberg mit dem Preis „Beispielhaftes Bauen 2023 “ geehrt worden.

Bauherren, die sich das trauen, finden sich, aber es sind wenige. Es gibt also kaum Gründe, sich über die geforderten Kaltmieten für die vereinzelten, zurzeit auf den gängigen Immobilienportalen angebotenen Altbauwohnungen in Stuttgart zu wundern, leider.

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