Klare Linienführung, offene Räume, transparente Glaswände, perfekte Proportionen: Ludwig Mies van der Rohes Farnsworth House ist ein Meistwerk der minimalistischen Architektur. Das Wochenendhaus – ein aufgeständerter Pavillon mit einer Grundfläche von 139 Quadratmetern – wurde 1951 im Auftrag der wohlhabenden Ärztin Edith Farnsworth in Plano, rund 60 Kilometer von Chicago entfernt fertiggestellt und gilt heute als millionenfach abgelichteter Prototyp moderner amerikanischer Baukultur.
Was auf den zahllosen Abbildungen gern übersehen wird, das ist der umgebende Naturraum, der den Glaskubus von allen Seiten rahmt. Das eingeschossige Haus liegt am Ufer des Fox River auf einem viele Hektar großen Grundstück. Nachbarhäuser? Fehlanzeige. Dafür ist der Bau von vielen Bäumen umgeben; sie wachsen in einer Flussaue, die bei Hochwasser überschwemmt wird. Deshalb ließ Ludwig Mies van der Rohe das Farnsworth House etwa anderthalb Meter über dem Boden bauen.
Großflächige Spiegelungen
„Am Anfang steht eine zufällige oder bewusst herbeigeführte Begegnung“, so beschreibt die Fotokünstlerin Arina Dähnick das Entstehen ihrer fotografischen Projekte. Solch eine „Begegnung“ können großflächige Spiegelung oder Lichterscheinungen provozieren. Im ikonischen Pavillon in Plano musste die Berliner Künstlerin wahrscheinlich nicht allzu lange warten, bis sich die strengen Dimensionen von Raum und Zeit fotografisch auflösten.
Bäume wie Scherenschnitte und gelb-rosa Sonnenlicht spiegeln sich der strengen Glasarchitektur. Was vorne, was hinten ist, vermag man nicht mehr zu erkennen. Die puristische, gleichsam über einer Wiese schwebende Architektur wird um einen assoziativen Erfahrungsraum erweitert.
Arina Dähnick konterkariert mit ihren Arbeiten die manchmal schon naiv anmutende Sehnsucht der Architekturfotografie, die Bauten als solitäre Objekte in einer von allem Überflüssigen bereinigten Umgebung auszustellen. Bei Dähnick kommt es zu produktiven Überlappungen und Reflexionen: Innen- und Außenräume sind nicht mehr klar zu unterscheiden, die unregelmäßige Natur dringt wie ein ungebetener, nervöser Gast in die nur scheinbar klaren Strukturen und Oberflächen ein. Der Raum weitet sich. Die Grenzen des Gebäudes wirken durchlässig: für Transzendentes, Traumhaftes.
Für „The MIES Project“ hat Arina Dähnick nicht nur das Farnsworth House besucht, die 1965 geborene Berlinerin ging mit ihrer Leica M auch in den Mies-Bauten in Brno, Chicago, Barcelona und Berlin auf die Suche nach den poetischen Qualitäten dieser oft schon musealen, fragilen Architektur. Dabei lehnt sie jede Art von Manipulation oder Inszenierung der Fotografie ab.
Ambivalente Wirklichkeit
Die Arbeiten kommen in der kleinen, aber feinen Schau in der Weißenhofwerkstatt im Haus Mies van der Rohe in der Weißenhofsiedlung wunderbar zur Geltung. Die eindrücklichsten, auch intimsten Begegnungen mit der ambivalenten Wirklichkeit gelingen Dähnick tatsächlich in den Einfamilienhäusern in Plano, Illinois sowie in Brno in Tschechien, in der dortigen Villa Tugendhat, die nach den Plänen des Meisters 1930 errichtet wurde. Hier verschmelzen der wuchernde Stadtgarten, die legendäre Bauhaus-Architektur und ein schwarzer Flügel in der einsamen Villa zu einer melancholischen Phantasmagorie eines untergegangenen Kulturbürgertums.
Info
Ausstellung
The MIES Project mit Fotografien von Arina Dähnick ist noch bis 11. Juni in der Stuttgarter Weißenhofwerkstatt im Haus Mies van der Rohe, Am Weißenhof 20, zu sehen. Samstags, sonntags und an Feiertagen von 12 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei. Am 21. Mai finden um 14 und 16 Uhr Führungen statt.
Weitere Arbeiten von Dähnick sind mit „Architectural Portraits“ in der Raumgalerie in der Ludwigstraße 73 in Stuttgart bis 10. Juni ausgestellt.
Buch
Dähnicks Buch „The MIES Project“ (dcv Verlag) wurde mit der Silbermedaille des Deutschen Fotobuchpreises prämiert.