„Arctic Circle“ im ZDF Der Schlund der Hölle

Von Tilmann P. Gangloff 

In den endlosen Weiten Lapplands treibt der schlimmste Serienmörder der Film- und Fernsehgeschichte sein Unwesen: Am Sonntag startet im ZDF die zehnteilige finnisch-deutsche Serie „Arctic Circle – Der unsichtbare Tod“

Schneelandschaft mit blutiger Nase: Der Polizist Niilo Aikio (Janne Kataja)  ist von  russischen Schleusern überfallen worden. Foto: ZDF/Hannele Majaniemi
Schneelandschaft mit blutiger Nase: Der Polizist Niilo Aikio (Janne Kataja) ist von russischen Schleusern überfallen worden. Foto: ZDF/Hannele Majaniemi

Stuttgart - Obwohl Krimiserien aus Skandinavien auch hierzulande hoch im Kurs stehen, hat sich der Genrebegriff „Nordic noir“ als Qualitätsmerkmal vor allem im englischen Sprachraum durchgesetzt. „Noir“ (schwarz) bezieht sich selbstverständlich auf die Düsternis der Geschichten, die finsterste Abgründe der menschlichen Seele beleuchten. „Arctic Circle“ (die englische Bezeichnung für den nördlichen Polarkreis) wäre demnach „Nordic noir et blanc“, denn die erste finnisch-deutsche Krimireihe im ZDF spielt in den winterlichen Weiten Lapplands. Vor dem Hintergrund der faszinierenden Landschaft erzählt der Drehbuchautor Joona Tena eine Geschichte, die zwei unterschiedliche Sujets kombiniert: Eine einheimische Polizistin (Iina Kuustonen) sucht einen Serienmörder, ein deutscher Virologe (Maximilian Brückner) den Ursprungswirt, der ein tödliches Virus verbreitet; die beiden treffen aufeinander, weil sie dasselbe Ziel verfolgen.

Es gibt noch weitere deutsche Mitwirkende, darunter Clemens Schick und Aleksandar Jovanovic, doch für den wichtigsten deutschen Einfluss sorgt der Regisseur: Hannu Salonen ist gebürtiger Finne, hat in den neunziger Jahren aber an der Film- und Fernsehakademie in Berlin studiert, blieb in Deutschland und hat Beiträge für Krimireihen wie „Tatort“, „Polizeiruf 110“ und „Die Toten vom Bodensee“ gedreht. Salonen repräsentiert das Beste zweier Welten: finnische Seele und deutsches Handwerk. Skandinavische Serien leben von ihrer speziellen Atmosphäre, was nicht jedermanns Sache ist: Action gehört eher nicht zu den typischen Merkmalen. Salonen gleicht das aus, indem er seine Heldin regelmäßig mit dem Schneemobil durch die Landschaft brausen lässt. Das bringt tolle Bilder und hat zur Folge, dass „Arctic Circle“ Ähnlichkeiten mit Taylor Sheridans modernem Western „Windy River“ (2017) aufweist.

Es droht eine Pandemie

Außerdem weiß Salonen, wie man für Thriller-Spannung sorgt. Die Handlung beginnt mit einem vermeintlichen Routineeinsatz: Nina Kautsalo soll mit einem Kollegen einen angeblichen Wilderer festnehmen. Im Keller seiner Hütte stoßen sie auf eine halb erfrorene Frau, unter dem Eis finden sich weibliche Leichen. Es handelt sich um russische Prostituierte, die mit fahrbaren Bordellen durch Lappland touren. Weil das erste Opfer das tückische Jemen-Virus in sich trägt, alarmieren die Behörden den Seuchenspezialisten Thomas Lorenz: Eine Pandämie droht. Die ehrgeizige Nina muss die Ermittlungen zwar einem arroganten Kriminalkommissar überlassen, bleibt dem Fall aber erhalten, denn fortan soll sie als Kontaktbeamtin des Virologen dienen.

Während die ersten beiden Folgen durchgehend fesseln, stellt sich bei den weiteren acht Episoden eine gewisse Ermüdung und dann die Frage ein, ob der Stoff – zehn mal 45 Minuten- tatsächlich über siebeneinhalb Stunden trägt. Einige Seitenstränge von „Arctic Circle“ hätten sich in der Tat zur Kürzung angeboten. Auf Dauer büßen selbst die Schneemobiltrips ihre Faszination ein, selbst wenn die fast schwarz-weiß wirkenden Landschaftsaufnahmen exquisit bleiben: Einen eigentlich schönen Sonnenuntergang lässt der famose Kameramann Mikael Gustafsson aussehen, als würde sich der Schlund der Hölle öffnen.

Finsteres Kopfkino

Für einen gewissen Reiz sorgen neben der Frage, wo sich die Prostituierten den Virus eingefangen haben, auch die rätselhaften Rollen, die Clemens Schick und Aleksandar Jovanovic spielen. Richtig spannend wird „Arctic Circle“ tatsächlich erst wieder, als die beiden zu Hauptdarstellern werden und die furchtbare Wahrheit über das Virus ans Licht kommt. Nun stellt sich auch heraus, auf welch tragische Weise die Schicksale des schwerreichen Unternehmers Eiben (Schick) und des russischen Mafiabosses (Jovanovic) miteinander verwoben sind.

Zunächst reduziert sich der Anteil des charismatischen Russen jedoch auf athletische Turnübungen und düstere Anweisungen, die zur grausigsten Szene der Serie führen: Die Folter des vermeintlichen Wilderers wird zwar nur angedeutet, aber ein Teelöffel sowie ein herrenloses Auge genügen, um ein finsteres Kopfkino in Gang zu setzen. Ähnlich unschön sind die Fotos von den Folgen, die das Virus bei Schwangeren auslöst. Ein von Eiben organisiertes Himmelfahrtskommando nach Russland beschert der Serie schließlich zum Finale klassische Action-Spannung.




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