Ariel Pink in der Manufaktur Ab durch den Fleischwolf!

Von Kathrin Horster 

In der Manufaktur Schorndorf hat der Amerikaner Ariel Pink mit seiner Band verschiedene Traditionen der Rockmusik genial gefleddert.

Immer schillernd: Ariel Pink Foto: Kemado Records
Immer schillernd: Ariel Pink Foto: Kemado Records

Schorndorf - Ariel ist ein zorniger Herrscher, der Dämonen bestraft, ein Luft- und Elementargeist, ein mythischer Engel. Auf der Bühne der Manufaktur Schorndorf erscheint am Mittwochabend aber kein ätherisches Flügelwesen, sondern ein kleiner, untersetzter Mann in Jeans, T-Shirt und hohen Lederstiefeln. Ariel Marcus Rosenberg, der sich als Künstler schlicht Ariel Pink nennt, stammt aus Los Angeles und ist im vornehmen Beverly Hills aufgewachsen. Vor kurzem ist er vierzig geworden, die Wangen sind ein bisschen teigig, der breite Nietengürtel um Pinks Hüften kann den sich deutlich abzeichnenden Bauchansatz nicht wegschummeln.

Von diesem eher unspektakulären Äußeren sollte man sich nicht täuschen lassen. Von Minute eins an strotzt der Musiker vor Kraft. Zu einer scheppernden Kassettenrekorderversion von Richard Strauss’ bombastischer Sinfonie „Also sprach Zarathustra“ stapft er auf die Bretter, im Gefolge fünf Musiker, die er nicht näher einführt. Einer von ihnen, Jorge Elbrecht, war zuvor als gebrechlicher Greis mit angeklebtem Rauschebart und um die Schultern geschlungenem Cape im Vorprogramm aufgetreten. Elbrechts düsterer Synthie-Pop klingt schön nostalgisch, man wähnt sich auf einer Geisterbahnfahrt durch die Dark-Wave-Musiklandschaften der Achtziger.

Reminiszenzen an die Beach Boys

Für Pink tauscht Elbrecht jetzt seinen Laptop gegen die E-Gitarre, auch die weitere Besetzung mutet konventionell an: Keyboards, Schlagzeug, und Bass. Als zweiten Sänger hat Ariel Pink noch den Drummer Jimmy Michael Gorsetti alias Don Bolles verpflichtet, eine kleine Sensation. Der trat noch mit Punkbands wie den Germs und Nervous Gender auf und ist mit seinen 62 Jahren ein Urgestein im Rock-n-Roll-Zirkus, stilsicher mit Ballonmütze, kajalumflorten Augen und eisernem Kreuz um den Hals.

Angesichts dieser bunten Truppe überrascht es umso mehr, dass die Band zunächst mit sonnigen Westküsten-Sounds einsteigt, Reminiszenzen an die Beach Boys und die Byrds sind zu hören, in einem Song klingen vollständige Orgel- und Gitarrensequenzen aus dem Doors-Hit „Light my fire“ an. Pink legt mächtig Hall auf sein Mikro, es gibt fette Funk-Basslinien und sinnlich schwingende Rhythmen, man kann vom Sunset-Strip und vom legendären Whisky A Go Go-Club träumen, wo einige der alten Haudegen große Erfolge feierten. Ariel Pink verfügt über ein breites musikalisches Vokabular, das sich aus verschiedenen Traditionen der Rock-Musik der Sechziger bis Achtziger speist. Die teils eigenwilligen Kreationen werden ein bisschen hilflos als Hypnagogic Pop umschrieben, als nostalgischer Zugriff auf veraltete Aufnahmetechniken und musikhistorische Stilrichtungen, die nicht auf die breite Vermarktung im Mainstream-Pop zielen.

Applaus! Applaus! Applaus!

Das neueste Album von Pink ist dann auch konsequent dem glücklosen Musiker Bobby Jameson gewidmet, der um 1963 als aufstrebender Star gehandelt wurde, doch bald von der Bildfläche verschwand. Lange wurde er für tot gehalten, erst 2007 machte Jameson durch kritische Äußerungen auf einem eigenen Blog wieder auf sich aufmerksam. Es scheint keine konkrete musikalische Verbindung zwischen Pink und dem 2015 verstorbenen Jameson zu geben, abgesehen von einigen biografischen Parallelen. Beide wuchsen als Scheidungskinder auf und setzten sich früh mit Musik auseinander.

Wie Jameson machte auch Pink besonders in seinen Anfangsjahren als Solokünstler nicht wirklich gute Erfahrungen. Er sei oft ausgebuht worden, erzählt er in einem Interview, weil seine im Lo-Fi Verfahren aufgenommenen Songs sich nicht für Live-Auftritte auf der Bühne eigneten. In der Manufaktur ist von solchen Problemen nichts zu spüren. Obwohl der Saal nur zu etwa einem Drittel gefüllt ist, drängen die Fans an die Bühne und quittieren die vernuschelten Ansagen mit frenetischem Applaus. Anrührend schmachtet Pink die Soul-Nummer „Baby“ des nahezu unbekannten Duos Donnie & Joe Emerson. Das Stück stammt von deren 1979 aufgenommenem Album „Dreamin´ Wild“, das erst 2008 einen späten Ruhm in der Underground-Szene feierte. Wie Pink bauten die Emerson-Brüder aus Popversatzstücken ihren Sound. Man kann diese Herangehensweise als dreisten Eklektizismus abtun, als Unfähigkeit, Eigenständiges zu entwickeln. Dass auch Pink bewusst altbekannte Stile recycelt und manchmal durch den Fleischwolf dreht, befremdet einige Kritiker. Trotzdem entsteht dabei etwas eigenes. In der zweiten Hälfte des Konzerts dominieren harte Stücke mit Punk- und Metal-Bezügen, Pinks zuvor sonores Organ klingt jetzt dreckig, die Verse rotzt er in Songs wie „Revenge of the Iceman“ in der Manier der Ramones aus der Kehle. Einen alles verbindenden Kern sucht man in dieser Musik vergeblich. Ariel Pink öffnet lieber die Tür zu verschütteten Erinnerungen und Assoziationen. Ein Panoptikum des Rock’n’Roll tut sich auf, in sämtlichen Facetten und Spielarten.