Coronavirus in Stuttgart Die Ausgangsbeschränkung in Stuttgart zeigt Wirkung

Polizeibeamte kontrollieren Autofahrer, die nach 20 Uhr unterwegs sind. Foto: Lichtgut/Julian Rettig 13 Bilder
Polizeibeamte kontrollieren Autofahrer, die nach 20 Uhr unterwegs sind. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Am Samstagabend wirkt Stuttgart wie ausgestorben. Zahlreiche Polizeibeamte kontrollieren die nächtliche Ausgangsbeschränkung. Auch schon am Mittag sind die Einkaufsstraße und die Einkaufscenter in der Innenstadt nur spärlich besucht.

Stuttgart - Die einen nennen es einen entspannten Einkauf, die anderen eine Katastrophe. Stuttgart am vorletzten Samstag vor Weihnachten – das ist in diesem Jahr ein ungewohntes Bild. Nachdem am Freitag die Landesregierung Ausgangsbeschränkungen für ganz Baden-Württemberg verordnet hatte, waren in der Stuttgarter Innenstadt die Auswirkungen schon am Samstagvormittag deutlich zu spüren. Straßenbahnen mit reichlich Sitzplätzen, eine übersichtlich gefüllte Königstraße, ein fast leeres Milaneo-Einkaufszentrum. Und selbst bei Merz und Benzing in der Markthalle, wo sonst das Weihnachtsgeschäft brummt, schlenderten die Kunden entspannt durch die adventlich geschmückten Gänge.

„Normalerweise würden wir jetzt Einlasskontrollen machen“, sagt Martin Benzing. Noch am vergangenen Samstag sei es bedeutend voller im Geschäft gewesen. Obwohl das Einkaufen nach der Verordnung der Landesregierung vom Freitag weiterhin erlaubt ist, sei ein „psychologischer Effekt“ spürbar, sagt der Geschäftsführer des Einrichtungshauses. Das eigentliche Problem aber sei, dass jetzt die Gefahr steige, noch mehr Kunden an den Onlinehandel zu verlieren, die man nicht mehr zurückgewinnen könne. „In meiner Brust schlagen zwei Herzen“, sagt der Inhaber des Traditionsgeschäfts. Denn aus der Perspektive des Gesundheitsschutzes verstehe er die Zurückhaltung der Kunden. „Doch es gehe hier auch um viele Arbeitsplätze“, so Benzing. „Selbst ein Lockdown nach Weihnachten, würde uns noch voll treffen.“ Bei Merz und Benzing geht das starke Nach-Weihnachtsgeschäft traditionell bis zum Ende der Ferien.

Gedrückte Stimmung am Blumenmarkt

Auch am Blumenmarkt auf dem Schillerplatz herrschte am Samstag gedrückte Stimmung: „Die Leute sind gehemmt“, sagt Thomas Weber von der Gärtnerei Weber in Uhlbach. „Sie holen nur schnell, was sie brauchen.“ Gemüse gehört da dazu, Blumen und Gestecke schon weniger. Insofern bildet sich zwar beim Gemüsestand nebenan ein Schlange, bei den Blumenhändlern ist der Andrang dafür überschaubar. Bei den Gemüseständen in der Markthalle, hat Cornelia Kellner von Früchte Mayer einen kurzen Andrang gleich nach sieben Uhr in der Frühe bemerkt. Dafür war es dann gegen Mittag schon wieder ruhiger – verkehrte Welt. Relativ leer präsentierte sich am Samstagmittag auch das Einkaufzentrum Milaneo. Und selbst bei Primark herrschte ungewohnte Übersichtlichkeit auf der Verkaufsfläche.

Am Nachmittag, ab 14 Uhr füllte sich dann die Innenstadt kurzzeitig und auf der Königstraße herrschte zwei, drei Stunden lang reger Betrieb, vor den Geschäften bildeten sich teils Schlangen. Alles in allem kein Vergleich zu einem Adventssamstag, wie die Händler und Einkaufslustigen es aus einem normalen Jahr ohne Pandemie kennen. Der kurze Ansturm auf die Geschäfte am Nachmittag ebbte bereits gegen 18 Uhr wieder ab. Viele Passanten hatten sich auf die Ausgangssperre ab 20 Uhr eingestellt und verließen zeitig die City. „Wir schauen, dass wir nicht zu spät zuhause sind“, sagten zwei junge Frauen aus Fellbach. Ein Gruppe Jugendlicher, die die Regelung noch nicht genau kannten, erkundigten sich, ab wann die Ausgangssperre überhaupt gelte.

Technische Hilfswerk unterstützt Polizei

Nachdem die letzten Geschäfte um 20 Uhr die Türen geschlossen hatten, meldete die Polizei gegen 21.30 Uhr, dass am Schlossplatz und auf der Königstraße nur noch vereinzelt Passanten unterwegs seien. Ab kurz nach 21 Uhr kontrollierten rund 100 Einsatzkräfte der Polizei auf öffentlichen Plätzen und an neun Kontrollpunkten entlang von Ausfallstraßen im gesamten Stadtgebiet, ob die strikte nächtliche Ausgangsbeschränkung eingehalten wurde. An zwei größeren Kontrollstellen, am Wilhelmsplatz in Bad Cannstatt und in Feuerbach nahe Friedrichwahl, unterstützte das Technische Hilfswerk die Polizei mit Scheinwerferfahrzeugen.

Polizeisprecher Stefan Keilbach erklärte am Wilhelmsplatz, dass es bei den Kontrollen der Fahrzeuge um die „Sensibilisierung der Bevölkerung für die nächtliche Ausgangsbeschränkung“ gehe: „Wir führen belehrende Gespräche durch und fragen nach, weshalb die Fahrzeuginsassen unterwegs sind.“ Bußgelder wurden am Samstag während der Kontrollen nicht verhängt. Keilbach betonte, dass die Ausgangsbeschränkung im Zuge einer Notverordnung verhängt wurden. „Es ist uns deshalb noch nicht bekannt, wie hoch überhaupt das Bußgeld wäre.“

Viele Autofahrer beruflich unterwegs

Viele der am Kontrollpunkt Wilhelmsplatz überprüften Autofahrer waren auch nach 21 Uhr noch aus beruflichen Gründen unterwegs. Überrascht hat die Polizei, wie viele bereits am Samstagabend von ihren Arbeitgebern mit schriftlichen Bescheinigungen ausgestattet waren. Die Polizei kontrollierte auch die Personalien, um auf Grund der Wohnadressen zu überprüfen, ob die Fahrzeuginsassen tatsächlich auf dem Weg nach Hause sind. 170 Personen, die bei den Kontrollen in der Stadt keinen triftigen Grund nennen konnten, wurde über die bestehende Regelungen aufgeklärt. Insgesamt überprüfte die Polizei rund 500 Fahrzeuge und 800 Personen.

Nicht überall waren am Abend noch so viele Fahrzeuge unterwegs wie am Wilhelmsplatz in Bad Cannstatt, über den am Samstagabend wegen einer Sperrung des Kappelbergtunnels der Ausweichverkehr Richtung Remstal geleitet wurde. Am Kontrollpunkt Wallgraben in Vaihingen zählte die Polizei beispielsweise binnen zwei Stunden nur noch 13 Fahrzeuge. Schon weit vor Mitternacht wirkten die Straßen in Stuttgart wie ausgestorben. Die Polizei konnte daraufhin früher als geplant die Kontrollpunkte wieder auflösen und die Überprüfung fand in der Folge nur noch im Rahmen des Streifendienstes statt. Die Stuttgarter Polizei hatte für die kurzfristig anberaumten Kontrollaktion zahlreiche Beamte aus der Freizeit zurückrufen müssen.




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