Auszeichnung für Bauprojekt Widerspruch bei der Bewertung des Milaneo

Von Jörg Nauke 

Die Wirtschaftsförderin Ines Aufrecht lobt das jüngst von der Fachwelt ausgezeichnete Bauprojekt Milaneo im Europaviertel – ganz im Gegensatz zu Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne): der sieht die Architektur hinter dem Hauptbahnhof kritisch.

Noch drehen sich die Kräne, das Milaneo entsteht erst: doch in der Bewertung des Einkaufszentrums gehen die Meinungen auseinander. Quelle: Unbekannt 27 Bilder
Noch drehen sich die Kräne, das Milaneo entsteht erst: doch in der Bewertung des Einkaufszentrums gehen die Meinungen auseinander. Quelle: Unbekannt

Stuttgart - Der neue Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) hatte im Wahlkampf – wie auch seine Mitbewerber – keinen Hehl daraus gemacht, dass er die Architektur hinterm Stuttgarter Hauptbahnhof kritisch sieht und dem großflächigen Einzelhandel in Gestalt des Milaneo skeptisch gegenübersteht. „Wenn Sie dort an einem Novembernachmittag über das Gelände laufen, können Sie eine Kafka-Verfilmung drehen“, sagte er in einem StZ-Interview. Man sehe die ins Gelände „hineingewürfelte“ Bibliothek und dann „dieses Einkaufszentrum Milaneo“, das vor allem einen Effekt erzielen werde: viel Autoverkehr anzuziehen. Um diese Ecke macht er sich – wie übrigens die meisten Kommunalpolitiker in der Stadt – die meisten Sorgen.

Kuhn hat dann beim Kandidatencheck vor der Wahl in der L-Bank sein vernichtendes Urteil über das von den Unternehmen ECE, Strabag Real Estate, Bayerische Hausbau und Hamburg Trust wiederholt: Solche Projekte würden die Stadt zerstören. Nach der Einkaufspassage Gerber bei der Paulinenbrücke und diesem Milaneo brauche die Stadt nun wirklich keine Einkaufszentren mehr, betonte der heutige OB, sondern „eine neue Baukultur“. Die immer gleichen Verwaltungsgebäude seien kein Aushängeschild urbanen Bauens.

Städtischer Pressedienst verkündet stolz die Auszeichnung

Nicht nur die Fachwelt sieht das offenbar anders, sondern auch Kuhns Pressesprecher Andreas Scharf sowie die für Wirtschaftsförderung zuständige Ines Aufrecht. Das Quartier Milaneo hat auf der internationalen Immobilienmesse Mipim in Cannes, die auch Kuhn besucht hatte, den Preis „Best Futura Mega Project“ gewonnen. Nicht etwa der Eigentümer, sondern der städtische Pressedienst fühlte sich aufgefordert, die „wichtigste Auszeichnung der Immoblienbranche“ zu bejubeln. Aufrecht stellte in der Mitteilung fest: „Die Auszeichnung mit dem bedeutenden Preis spiegelt die Besonderheit des vielschichtigen Projekts wider. Mit der Kombination aus Wohnen, Arbeiten und Einkaufen steht das ,Milaneo‘ nach Meinung der Jury für eine zukunftswei­sende Quartiersentwicklung im globalen Kontext.“ Ohne „die konstruktive und exzellente Zusammenarbeit zwischen den Projektbeteiligten und den städtischen Fachämtern“, so Aufrecht, hätte der Mix aus Einkaufszentrum, 415 Wohnungen, Hotels, Büros, Gastronomie und Dienstleistungsfläche nicht in der Form und in dieser Zeit realisiert werden können.

Grünen zweifeln an Aufrechts Eignung

Dass OB Kuhn und seine Wirtschaftsförderin politisch unterschiedliche Schwerpunkte setzen, hatte unmittelbar nach der OB-Wahl im vergangenen Oktober zu Spekulationen über eine Versetzung Aufrechts in ein anderes Ressort geführt. Dies scheiterte aber nach StZ-Informationen letztlich daran, dass innerhalb der Verwaltung keine entsprechend dotierte Stelle für die Beamtin verfügbar war. Aus den Reihen der Grünen hatte es geheißen, CDU-Mitglied Aufrecht werde es schwerfallen, die ökologisch orientierte Wirtschaftspolitik Kuhns zu verinnerlichen.

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