Herr Wiegert, Ihr ehemaliger Mitspieler Christian Schöne macht sich Sorgen um Sie.
Ich kann mir schon denken, was er meint. Wir sind sehr eng befreundet, auch wenn er schon seit 17 Jahren bei Frisch Auf Göppingen tätig ist. Seine Sorgen teilt Christian mit meiner Familie.
Ihre Anspannung, Ihr extremer Ehrgeiz, Ihr Perfektionismus . . .
. . . sind nicht gut für meine Gesundheit und bisweilen sogar krankhaft, das haben zumindest meine Frau und auch unser Sportpsychologe schon gesagt. Ich kann das auch gar nicht von der Hand weisen. Ich mache vieles extremer als andere. Und dass das nicht gesund ist, weiß ich selbst.
Vorbild für die Spieler
Schaffen Sie es denn gar nicht, mal abzuschalten?
Ich gehe mal mit dem Hund spazieren oder aufs Laufband, um einfach auch fit zu bleiben und ein Vorbild für meine Spieler zu sein. Aber es fällt mir definitiv schwer, die richtige Balance zu finden.
Bei Gladbachs Manager Max Eberl war der Tank komplett leer. Schreckt Sie solch ein Aufschrei nicht auf?
Ich habe die Pressekonferenz angeschaut und genickt. Ich konnte es komplett verstehen und habe großen Respekt vor ihm, dass er den Absprung geschafft hat. Ich hatte in schlechten Phasen auch mal das Gefühl, dass ich der Baum bin, an den jeder Hund hinpinkelt, dennoch möchte ich mich jetzt nicht mit Max Eberl vergleichen. Der Fußball ist noch einmal ein vollkommen anderes Geschäft. Der öffentliche Fokus ist ein ganz anderer, auch wenn bei uns in Magdeburg auch der Handball eine Art Religion ist.
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Derzeit herrscht ja eine Rieseneuphorie.
Wir haben ein fanatisches Publikum, und ich liebe diese Emotionalität. Bei Misserfolgen muss man dann aber auch deutlich schneller mit Kritik leben als anderswo. Doch diese Aufmerksamkeit ist mir allemal lieber, als wenn unsere Sportart keinen interessiert.
„Es ist Handball-Bundesliga – und keiner merkt’s“, monierte zuletzt Bob Hanning. Hat er recht, und was lässt sich dagegen tun?
Ja, unsere Sportart braucht dringend überregionale Aufmerksamkeit, deshalb sind Erfolge der Nationalmannschaft ja auch so wichtig, um Werbung für uns alle zu betreiben. Ich habe aber keine Strategie, wie wir uns in anderen Bereichen besser aufstellen könnten, um unsere Position als Mannschaftssportart Nummer zwei vor Basketball und Eishockey zu verteidigen.
„Ich spule meine Statements ab“
Immer wieder gibt es mal Stimmen, die Play-off-Spiele fordern – zumal Ihr SC Magdeburg derzeit für Langeweile an der Spitze sorgt.
Die Baustelle Play-offs würde ich nicht aufmachen. Und was das Thema Langeweile betrifft – dafür ist die Saison noch viel zu lang.
Nervt es Sie, dass es immer wieder heißt, der SCM sei schon Meister?
Nein, es nervt mich nicht wirklich. Ich werde ja nur darauf angesprochen, weil wir im Konzert der Großen mitmischen. Also werde ich lieber darauf angesprochen, meinetwegen jeden Tag. Ich spule dann meine Statements ab, die zwar bestens in jeden Phrasenkatalog passen, aber dennoch nicht gespielt sind.
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Aber wenn der SCM am 26. März Verfolger THW Kiel daheim schlägt, wären Ausflüchte endgültig sinnlos.
Ach, das ist doch auch noch ein Weilchen hin. Jetzt geht es an diesem Sonntag zum TVB Stuttgart, und da wird uns keine Mannschaft empfangen, die uns Blumensträuße in die Hand drückt und zu irgendetwas gratuliert. Da wartet ein Team, das mit aller Macht ums sportliche Überleben kämpft.
Und dieser Abstiegskampf ist doch noch einmal ein ganz anderer Druck.
Ja, aber ich fand das als Spieler immer geil. Wenn wir mit dem Wilhelmshavener HV mal ein Spiel gewonnen haben, feierten wir, als wenn wir Weltmeister geworden wären. Aber der TVB Stuttgart hat nach zuletzt drei Punkten aus zwei Spielen nicht den maximalen Druck und kann gegen uns befreit aufspielen. Den Druck haben wir, weil jeder von uns einen Sieg erwartet.
„Ich gebe keine Treuebekenntnisse ab“
TVB-Coach Roi Sanchez hat seine spanische Philosophie zumindest modifiziert. Wie schwer fällt das einem Trainer?
Man muss ja auch immer sehen, welche Spieler man zur Verfügung hat. Roi Sanchez kann jetzt wieder auf den lange verletzten Max Häfner bauen. Es spielen immer Erfahrungswerte eine Rolle, und am Schluss geht es darum, erfolgreich zu sein und nicht seinen Dickkopf durchzusetzen.
Sanchez wagte den Sprung aus Spanien nach Deutschland. Sie scheinen mit dem SCM verwurzelt. Gehen Sie in Magdeburg in Rente?
Ich werde nicht den Fehler machen wie viele andere, irgendwelche Treuebekenntnisse abzugeben und eine Woche später dann woanders aufzuschlagen. Derzeit könnte ich mir jedoch nie und nimmer vorstellen, dass ich meine sieben und zehn Jahre alten Töchter aus ihrem Umfeld reißen würde. Aber wie heißt es so schön: Sag niemals nie. Ausschließen kann ich eigentlich nur zwei Vereine, bei denen ich nie Trainer sein könnte.
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Die SCM-Erzrivalen . . .
. . . SC DHfK Leipzig und Füchse Berlin wären nicht vermittelbar. Aufgrund der jahrelangen Konkurrenz wäre das sowohl für die Fans als auch für mich undenkbar.
Würden Sie dann vielleicht doch lieber Bundestrainer werden?
Das kann ich mir im Moment überhaupt nicht vorstellen. Zum einen halte ich Alfred Gislason für den richtigen Mann am richtigen Ort. Zum anderen halte ich den öffentlichen Umgang für viel zu kritisch.
Bundestrainer? „Muss ich mir nicht antun“
Sie spielen auf die Zeit unter Christian Prokop an.
Ja, da war für mich vieles anmaßend und unfair. Da sag ich mir, das musst du dir nicht antun. Wenn, dann käme für mich schon eher eine andere Nation infrage.
Wirklich?
Ich würde das auf keinen Fall ausschließen. Irgendwann vielleicht, wenn meine Kinder volljährig sind, ist das wahrscheinlich sogar realistischer als ein Wechsel zu einem anderen Bundesligisten.
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Haben Sie eine Affinität zu einem bestimmten Land?
Nein, aber ich war schon immer der Typ, der dann lieber die krassen Schritte macht. Das könnte dann auch eine Aufgabe in einem Land wie Rumänien sein. Schon als Spieler habe ich die Komfortzone verlassen, bin den Weg nach Wilhelmshaven und Gummersbach gegangen, wo ich dann eben nicht mehr der „Sohn von Ingolf Wiegert“ sein durfte.
Ihr Vater, eine Handballlegende in der DDR, galt in den 1980er Jahren als bester Kreisläufer der Welt. Wie hat er Sie geprägt?
Ich habe mir als Jugendlicher schon sehr viel Druck gemacht, irgendwann musste ich mir eingestehen, dass ich die Erfolge meines Vaters nie erreichen werde. Als „Sohn von Ingolf“ wurde ich damit auch provoziert. Wenn du als Teenager in Eisenach oder Aue spielst, und es kommen Rufe: „Du wirst nie so gut wie dein Alter“, dann prägt dich das und geht nicht spurlos an dir vorüber.
Handball mit dem Papa tabu
Ist Ihr Vater Ihr größter Ratgeber?
Nein, wir haben das Abkommen, nicht über Handball zu reden.
Warum?
Weil sich unser Handballverständnis in unterschiedliche Richtungen entwickelt hat. Privat verstehen wir uns tadellos. Es freut mich sehr, wenn sich meine Töchter und er die Bälle zuwerfen, das entspannt dann auch mich (lacht).
Zur Person
Vita
Bennet Wiegert kam am 25. Januar 1982 in Magdeburg zur Welt. Er spielte in der Jugend und danach von 1998 bis 2004 und von 2007 bis 2013 für den SC Magdeburg, mit dem er als Spieler deutscher Meister (2001) und Champions-League-Sieger (2002) wurde. Er spielte außerdem noch für den Wilhelmshavener HV (2004 bis 2006) und den VfL Gummersbach (2006/07). Als Cheftrainer stieg er bei seinem Heimatclub 2015 ein, seit Juli 2017 fungiert er zudem als Geschäftsführer Sport. Vergangenen Mai triumphierte der Club in der European League. Im Oktober 2021 folgte der Gewinn der Club-WM in Saudi-Arabien.
Privates
Er ist verheiratet. Das Paar hat zwei Töchter (10 und 7). Bennet Wiegerts Vater Ingolf (64) absolvierte 225 Handball-Länderspiele für die DDR. (jüf)