Stuttgart - Er gilt als offen, direkt, extrovertiert und auf dem Handballfeld auch als durchgeknallt. Die einen finden ihn dennoch irgendwie sympathisch, die anderen eher nicht. Dass Silvio Heinevetter aber einer der wenigen echten Typen im Sport ist, die schonungslos ehrlich sind – darüber gibt es keine zwei Meinungen. Bei seiner virtuellen Vorstellung durch seinen künftigen Verein TVB Stuttgart gab der Handball-Nationaltorwart (204 Länderspiele) zwei Kostproben. Erst einmal bezeichnete er die Zeit am Sonntag um 11.30 Uhr als „nicht ganz christlich“, und als ein Kollege aus technischen Gründen nicht zu hören war, sagte er schlagfertig: „So sprachlos habe ich die ‚Bild‘-Zeitung noch nie erlebt.“
Vom kommenden Sommer an wird der 37-Jährige beim aktuellen Bundesliga-Tabellendrittletzten zwischen den Pfosten stehen. Er unterschrieb einen Zweijahresvertrag, der auch in der zweiten Liga gelten würde. Doch dieses Szenario schob der gebürtige Thüringer weit von sich: „Ich bin überzeugt, dass es der TVB schaffen wird, mit solchen Dingen beschäftige ich mich nicht.“ Bis zum Saisonende trägt er den Dress der MT Melsungen, wo er vor der EM-Pause sehr starke Leistungen brachte. Zu diesem Zeitpunkt stand aber längst fest, dass sein auslaufender Vertrag nicht verlängert wird und der polnische Nationalkeeper Adam Morawski ihn ersetzt. Heinevetter freut sich jedenfalls auf den Wechsel aus der nordhessischen Provinz in die baden-württembergische Landeshauptstadt: „Man weiß, dass in solchen Metropolen etwas entstehen kann, da freue ich mich, ab Sommer etwas dazu beitragen zu können.“
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Damit dies auch in der ersten Liga der Fall sein wird, hat der TVB auf der Schlüsselposition im Tor sofort reagiert: Miljan Vujovic kommt nicht erst wie ursprünglich vorgesehen zur neuen Saison vom slowenischen Spitzenclub RK Celje Pivovarna Lasko zum TVB. Der 21-Jährige wird vielmehr mit Beginn der Rückrunde das Gespann mit dem nachverpflichteten Ivan Pesic bilden, der am Saisonende zum HBC Nantes weiterzieht. Der dritte Keeper Primoz Prost wechselt sofort nach Schweden zu IFK Ystad. Bleibt die Frage, was aus Tobias Thulin wird, der bei der EM zum Kader der schwedischen Nationalmannschaft gehörte und beim TVB noch einen Vertrag bis 2024 besitzt. „Stand jetzt haben wir für die Rückrunde und für die neue Saison drei Torhüter“, sagt TVB-Geschäftsführer Jürgen Schweikardt. Doch da dies weder sportlich noch finanziell Sinn ergibt, ist ein Weggang von Thulin noch vor Schließung des Transferfensters am 15. Februar wahrscheinlich.
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Überhaupt fragt sich die Handballszene, wie der TVB die ganzen Transfers stemmt. Zwar soll Heinevetter in Stuttgart zu sehr großen Abstrichen gegenüber seines kolportierten 22 000-Euro-Netto-Monatsgehalts in Melsungen bereit gewesen sein, doch mit dem schwedischen Nationalkreisläufer Oscar Bergendahl (im All-Star-Team der EM) hat der TVB einen weiteren Hochkaräter für die Saison 2022/23 verpflichtet. Schweikardt strich in diesem Zusammenhang das weiter gestiegene Engagement des Sponsorenpools, insbesondere von Kärcher und Wohninvest, heraus: „Wir haben uns vor der Saison zusammengesetzt und besprochen, dass wir den TVB mittelfristig unter die Top Zehn der Liga hinentwickeln wollen.“ Selbst das Szenario eines Abstiegs würde an dieser grundsätzlichen Ausrichtung nichts ändern. Schweikardt: „Wir sind für die nächsten Jahre finanziell gut aufgestellt.“ Doch völlig klar ist auch: In Anbetracht des mittlerweile auf geschätzte sechs Millionen Euro angewachsenen Gesamtetats steigt der Druck enorm – vor allem auf den Geschäftsführer, der aufgrund der zu Recht gestiegenen Ansprüche dringend sportliche Erfolge liefern muss.
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Heinevetter wird dabei erst kommende Saison helfen können, dennoch ist ihm mit seiner Verpflichtung ein Coup gelungen. Sportlich bringt er mit seinen unglaublichen Reflexen, seinen unkonventionellen, teils akrobatischen Einlagen im Stil eines unerschrockenen Kung-Fu-Kämpfers die Angreifer immer noch zur Verzweiflung.
Doch mindestens genauso viel verspricht sich der TVB von seiner Mentalität: Wenn „Heine“ in seinem Kasten heißläuft, wirkt er wie die groß gewordene Variante von Rumpelstilzchen. Er reißt sein Team mit, diese „positive Beklopptheit“, dieser Ehrgeiz bis zur Besessenheit fehlt dem TVB seit dem Abgang von Johannes Bitter extrem. Heinevetter liebt den Handball – und das Leben. Deshalb bringt der ehemalige Lebensgefährte von Schauspielerin Simone Thomalla auch noch diesen werbewirksamen Glamourfaktor mit ins Schwabenland, den man sich in Zweitligaduellen mit dem TV Emsdetten oder dem Dessau-Roßlauer HV aber lieber nicht vorstellen will.