Berufsausbildung von Geflüchteten Vom Flüchtling zum Handwerksgesellen

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Der eine ist vor der Diktatur in Eritrea geflohen, der andere vor dem Krieg in Syrien. Beide haben hier Zuflucht gefunden. Nun lernt Simon beim Konzern mit 20 000 Beschäftigten, Omar beim Handwerker mit acht Mitarbeitern. Die Hürden sind ähnlich hoch.

Simon Zeru (22) kam  im August 2015 allein nach Deutschland. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth 7 Bilder
Simon Zeru (22) kam im August 2015 allein nach Deutschland. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Es gibt Zeitverzögerungsventile und bistabile Ventile.“ Diese Fachbegriffe aus der Pneumatik kommen selbst einem deutschen Muttersprachler nicht leicht über die Lippen – geschweige denn, dass man als Laie inhaltlich etwas damit anfangen könnte. Für Simon Zeru, der vor 15 Monaten sein erstes deutsches Wort gesprochen hat, stellt beides keine große Hürde mehr dar.

Mit seiner Frisur und dem schelmischen Grinsen ähnelt der 22-jährige Eritreer dem Torjäger Pierre-Emerick Aubameyang. Auch Zeru spielt gern Fußball, momentan ­fehle ihm aber die Zeit dafür. Gerade steht er an der Tafel und beschreibt vor den Augen seiner Klassenkameraden den Schaltplan einer automatischen Schiebetür. Es ist einer der letzten Tage, die die 14 jungen Männer aus Afghanistan, Syrien, Eritrea und Somalia gemeinsam verbringen. Hinter ihnen liegen elf Monate, in denen sie in der Ausbildungswerkstatt der EnBW-Tochter Netze BW in Stuttgart auf eine Berufsausbildung vorbereitet wurden.

Was im Fachjargon technokratisch als Einstiegsqualifizierung (EQ) bezeichnet wird, klingt bei Ausbilder Tobias Leopold so: „Wir bringen die Jungs in einem Jahr von Sprachniveau A2 oder B1 auf B2 und legen den Grundstein für ein möglichst breites technisches Verständnis.“ Dabei setzen Leopold und sein Kollege Mehmet Bozdemir die Latte keineswegs niedrig an. Die jungen Männer müssten nachher in der Lage sein, sowohl der praktischen Ausbildung im Betrieb als auch dem Theorieunterricht in der Berufsschule zu folgen – ohne Abstriche, genau wie alle anderen Lehrlinge.

Der Ausbilder hat früher Offshore-Windparks geplant

„Unser Ziel ist, möglichst viele von ihnen fit für eine Lehre zu machen“, sagt der Wirtschaftsingenieur, der seit 2009 beim Energiekonzern ist. Vor anderthalb Jahren hat er sich freiwillig als Ausbilder für das EQ-Flüchtlingsprogramm des Konzerns gemeldet. Statt Offshore-Windparks zu planen oder Großkunden zu betreuen, beschäftigt sich der 40-Jährige seither eher mit lebenspraktischen Fragen. Manche der jungen Männer hätten wegen Behördenterminen die halbe Nacht vor dem Rathaus verbracht und seien zu spät oder völlig übermüdet zum Unterricht gekommen. Daneben galt es, sie vom Sinn der dualen Ausbildung zu überzeugen. „Viereinhalb Jahre EQ und Ausbildung sind eine lange Zeit“, sagt Leopold. „Dort, wo die Jungs herkommen, fangen sie mit 15 Jahren an zu arbeiten.“ Er ­erklärte ihnen wieder und wieder, dass es sich in jeder Hinsicht mehr lohnt, zunächst einen Beruf zu erlernen. „Die Alternative ist ein Leben als Hilfsarbeiter und dauerhaft weniger Lohn.“

Die Bemühungen haben immerhin bei zehn von 16 EQ-Teilnehmern gefruchtet. Sie beginnen im September eine Ausbildung zum Mechaniker oder Elektroniker, während in der Stuttgarter Lehrwerkstatt der zweite EQ-Jahrgang mit 17 jungen Männern startet.

Simon Zerus Arbeitswoche sah im vergangenen Jahr so aus: drei Tage fachlicher Unterricht, zweimal vier Stunden Deutsch in der Berufsschule sowie Fachdeutsch im Betrieb. Dem Unterricht zu folgen fällt dem 22-Jährigen nicht schwer. Er ist schon in seiner Heimat zwölf Jahre zur Schule ­gegangen – sein Abschluss wurde ihm in Deutschland als mittlere Reife anerkannt. „Ich war nicht so schlecht in Mathe und Physik“, sagt der angehende Lehrling, der vor etwas mehr als einem Jahr nur Englisch und seine Muttersprache Tigrinya gesprochen hat. Nun spricht er Deutsch, zwar noch etwas vorsichtig, aber nahezu fehlerfrei. In wenigen Tagen beginnt seine Lehre zum Elektroniker für Betriebstechnik in Herrenberg. „Elektrotechnik finde ich cool. Die Sprache ist nun am wichtigsten – aber ich denke, das wird schon klappen“, sagt er.

Lebenslanger Militärdienst ist Pflicht in Eritrea

Eine Ausbildung war in Eritrea unerreichbar für ihn. Wie alle jungen Männern in dem nordostafrikanischen Land, das sich im Krieg mit dem Nachbarn Äthiopien wähnt, wurde Simon nach der Schulzeit zum Militär eingezogen. Die vorher zugesagte Ausbildung in der Armee erwies sich als Lüge, und die Aussicht auf ein ganzes Leben als Soldat trieb ihn zur Flucht. An eine Rückkehr ist unter den jetzigen Verhältnissen in Eritrea nicht zu denken. Das Land gilt als Diktatur und zählt zu den Herkunftsstaaten, in die Deutschland ­wegen der andauernden Menschenrechtsverletzungen niemanden zurückschickt.

Simon ist seit August 2015, dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle, in Deutschland. Die ersten gut anderthalb Jahre verbrachte er in einer Sporthalle in Kirchheim mit 300 anderen Flüchtlingen und in einem Zelt in Dettingen mit rund 90 Bewohnern. Seit wenigen Monaten lebt er in einem Gemeindehaus in der Nähe von Nürtingen. Er teilt sich dort eine WG mit sechs anderen jungen Männern. Der Schritt in ein normales Leben nach westlichen Vorstellungen ist nicht mehr groß.