Besser leben So vegan isst Stuttgart

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Ob Hotdog, Einzelhandel, Mittagstisch oder ein komplettes veganes Restaurant: Der Wunsch nach einer Ernährung ohne tierische Produkte liegt im Trend. Ein Streifzug durch das vegane Stuttgart.

Auch in der Champagner-Bar Fou Fou wird mittlerweile mittags vegan aufgetischt. Foto: Martin Stollberg 8 Bilder
Auch in der Champagner-Bar Fou Fou wird mittlerweile mittags vegan aufgetischt. Foto: Martin Stollberg

Stuttgart - Setzt man sich mit der richtigen Ernährung auseinander, begibt man sich sehr schnell auf dünnes Eis: „Fleisch ist mein Gemüse“, postulieren die einen und statten dem neu eröffneten Restaurant Meatery in Stuttgart-Mitte einen Besuch ab, um dort 70 Euro in den Trend des Dried Aged Beefs zu investieren. Das wiederum finden Vegetarier eher unschön und beschimpfen die StZ-Gastrokritikerin im Netz, weil die ihre Extra-Portion Fleisch auf dem Teller so schlecht nicht fand. Begibt man sich dagegen auf vegane Spurensuche in Stuttgart, melden sich besorgte Kollegen, die darauf verweisen, dass der komplette Verzicht auf tierische Produkte erwiesenermaßen ungesund sei. Und Veganer seien überdies eine Handvoll Dogmatiker, die ihre Ernährungsphilosophie anderen aufzwingen wollen.

Zumindest letzteres ist längst nicht mehr der Fall. Der Verzicht auf tierische Produkte liegt auch in Stuttgart voll im Trend. 2011 hat in Bad Cannstatt Stuttgarts erstes veganes Restaurant eröffnet, das Coox & Candy. 2012 legte schließlich Katharina Bretsch nach. Ihr veganes Kochbuch „Kochen ohne Tiere“, erschienen im Christian Verlag, wurde ob der hübschen Gestaltung prämiert. Auf ihrem Blog www.jumi-jami.blog.de zelebriert sie „vegane Küchenexperimente“. Bretsch – zwei Nasenringe, Lippenpiercing und tätowierter Bleistift am linken Zeigefinger – kocht außerdem im Café Stella in der Hauptstätter Straße in S-Mitte.

Das vegane Angebot in Stuttgart wird immer größer

Die Absolventin der Stuttgarter Kunstakademie umreißt an einem Stehtisch im voll besetzten Restaurant, wie veganes Leben in Stuttgart funktioniert: „Das Angebot ist deutlich besser geworden“, sagt Bretsch. In der gutbürgerlichen schwäbischen Küche sei es nach wie vor schwierig, als Veganer auf seine Kosten zu kommen. „Dafür liefern asiatische oder afrikanische Restaurants ein reichhaltiges Angebot“, so Bretsch. Von missionarischem Eifer ist Bretsch weit entfernt: „Den Geruch von gebratenem Fleisch finde ich sogar ziemlich gut.“ Zwischendrin habe sie ihre vegane Ernährung einmal für zwei Jahre unterbrochen. „Mein Körper sagt mir sehr genau, was er braucht. Damals hatte ich Träume von Käse und schreckliche Visionen“, erzählt sie. Schuld war eine Köchin in der Toskana, von der Bretsch mit köstlicher Käse-Pasta gemästet worden war.


Veganes Stuttgart auf einer größeren Karte anzeigen

Unsere Karte zeigt die Standorte einiger veganer Restaurants, Bars und Supermärkte in Stuttgart.

Ortswechsel: Florence Shirazi verkauft Anfang Juli Hotdogs beim Marienplatzfest. Es gibt zahlreiche Imbissstände. Die Schlange vor Shirazis Bude ist aber am längsten. Die voll tätowierte 40-Jährige, die gemeinsam mit Melanie Ammer den Klamottenladen Flaming Star im Gerberviertel betreibt, produziert Hotdogs der besonderen Art. Ihre „Vegan Gourmet Hotdogs“ der Marke Heiße Möhre verkaufen sich wie geschnitten Brot. Shirazi empfiehlt die „dänische Variante“ mit Röstzwiebeln und scharfer Soße.

Vegane Hotdogs als Kassenschlager auf dem Marienplatzfest

Das Ergebnis ist vollumfassend zufriedenstellend: Das Brötchen ist so kätschig, wie es sein soll, das Fleischersatzprodukt in Wurstform stinkt geschmacklich gegenüber der Originalwurst keinen Deut ab, und die Schärfe der Soße sorgt für eine angenehme Wachheit, die sich vom Gaumen langsam Richtung Hirn ausbreitet.

Auch Florence Shirazi ist keine Missionarin. Zwar verzichtet die Stuttgarterin mit persischen Wurzeln bei ihrem Modelabel Mademoiselle Yéyé auf tierische Produkte. Sie bestätigt das, was auch Katharina Bretsch sagt: „Das Angebot für Veganer wird immer besser. Der Vegan Street Day war in Stuttgart dieses Jahr fast doppelt so groß wie im vergangenen Jahr“, sagt Shirazi, und kümmert sich wieder um die immer noch viel zu lange Schlange vor ihrem Imbisswagen.