Die Welle von Bombendrohungen, die seit Tagen über Schulen in ganz Deutschland hinweggeht, hat am Freitag ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Neben anderen Schulen in Stuttgart und der Region waren auch das Gustav-Stresemann-Gymnasium in Fellbach, das Burg-Gymnasium in Schorndorf sowie das Salier-Gymnasium in Waiblingen betroffen. Dort waren Droh-Mails eingegangen, die inhaltlich im Zusammenhang mit dem Krieg in Israel und dem Gazastreifen stehen. Während das Burg-Gymnasium in Schorndorf schon vor Schulbeginn geräumt beziehungsweise die meisten Schüler gar nicht erst in die Schule gelassen wurden, gab es in Waiblingen und Fellbach Lautsprecherdurchsagen, die die Evakuierung der Gebäude veranlassten.
Der Schulleiter des Salier-Gymnasiums, Peter Schey, erklärt, der Text der Droh-Mails sei „verstörend“: „Der Verfasser ruft seine Glaubensbrüder und -schwestern zu den Waffen, es ist die Rede davon, Ungläubige auszurotten und Schulen in die Luft zu sprengen.“ In Waiblingen sei die Mail an das Sekretariat gegangen und erst im Lauf des Morgens bemerkt worden, als die Schüler bereits angekommen waren. „Für uns war klar, dass die Schule geräumt werden musste, wir können da kein Risiko eingehen.“
In Fellbach-Schmiden wurden die rund 800 Schüler ebenfalls aus dem Unterricht nach draußen geschickt, indem der Schulleiter Daniel Meier sie per Durchsage über eine „Ausnahmesituation“ informierte. Die Polizei war schnell vor Ort und machte sich, wie andernorts auch, daran, das Schulgebäude nach verdächtigen Gegenständen zu durchsuchen.
Die Erinnerungen an den Amoklauf von Winnenden sind noch wach
„Die Kinder wurden zum Marktplatz geschickt und sind dort sicher“, ließ Marcus Vornhusen, der Schulleiter des Schorndorfer Burg-Gymnasiums, die Eltern um 8.12 Uhr per Mail wissen. Die Schüler in Fellbach wurden in der Schmidener Festhalle untergebracht, in Waiblingen wurden sie zunächst am Sportplatz gesammelt. Die Sirenen und Einsatzkräfte auf dem Schulgelände verunsicherten viele. „Vor allem unter den jüngeren Kindern herrschte durchaus auch Angst“, schildert Peter Schey. Besorgte Eltern, die von den Räumungen erfahren hatten, fuhren an die Schulen, um ihre Kinder abzuholen, was teilweise für Chaos sorgte. Schließlich kam die Entwarnung, und die Schüler wurden verfrüht in die Ferien geschickt. Klausuren, die für diesen Tag geplant gewesen wären, wurden abgesagt beziehungsweise verschoben. Einsätze an Schulen sind immer ein schmaler Grat: Einerseits wollen die Verantwortlichen Panik vermeiden, andererseits sind speziell im Rems-Murr-Kreis die Erinnerungen an den Amoklauf von Winnenden von 2009 in vielen Köpfen noch präsent. Warnungen vor Bomben oder Amokläufern werden daher ernst genommen. „Unser genaues Vorgehen in solchen Fällen möchte ich aber nicht in der Öffentlichkeit ausbreiten“, erklärt der Polizeisprecher Holger Bienert, „schließlich lesen auch die Täter möglicherweise mit.“
Die gleichzeitigen Drohungen gegen drei Schulen im Landkreis stellte die Polizei vor eine große Herausforderung: Insgesamt rund 80 Beamte waren im Einsatz, Spezialkräfte waren laut unseren Informationen keine dabei. „Allerdings kamen auch Sprengstoffspürhunde zum Einsatz, um die Schulen abzusuchen“, erklärt Bienert.
In den sozialen Netzwerken tauschten sich während des Einsatzes besorgte Eltern über die Geschehnisse aus. Viele fassten die Nachricht von den Drohungen entsetzt auf: „Wie abartig ist das denn zur Zeit“, schreibt jemand. „Es wird immer schlimmer“, jemand anderes. Eine aus Italien eingewanderte Schorndorferin erinnert sich daran, in ihrer alten Heimat seien in den 1990er Jahren Bombendrohungen fast alltäglich gewesen. „Es waren dann einfach dumme Schüler, die keine Lust auf Unterricht hatten. Leider müssen die Schulleiter das ernst nehmen, auch wenn es in 99 Prozent der Fälle ein falscher Alarm ist.“
In Fellbach ist die OB entsetzt über die Drohungen
Dass nur gelangweilte Schüler hinter den Drohungen stecken, ist angesichts der Ausmaße der offenbar konzertierten Aktion sehr fraglich. Allerdings wurde am Ende auch keine Bombe und kein anderer gefährlicher Gegenstand gefunden. Die Fellbacher Oberbürgermeisterin Gabriele Zull zeigte sich entsetzt von den Drohungen und stellte Vermutungen zum Motiv der unbekannten Verantwortlichen an: „Es ist erschreckend und absolut infam, Kinder und Eltern mit solchen Drohungen zu verunsichern. Die Drohungen verbreiten Angst, und leider ist dies genau das, was die Urheber mit ihren Drohnachrichten bewirken wollen.“ Schulen sollten „ein geschützter Raum sein, ein Raum zur Entfaltung, zum Lernen und zur Entwicklung“. Zull dankte den Einsatzkräften der Polizei für ihr „vorbildliches Vorgehen und die große Umsicht, mit der im Schulzentrum vorgegangen worden ist“.
In Baden-Württemberg sind ab Montag Herbstferien. Lehrer, Eltern und Behörden hoffen nun, dass die Welle von Drohungen abebbt, wenn die Schule am 6. November wieder losgeht. „Wenn man sich anguckt, was diese Woche los war, kann man nur hoffen, dass es so nicht weitergeht“, meint der Polizeisprecher Bienert.