Innenminister Thomas Strobl fordert vom Bund ein neues Schutzraumkonzept, also Bunker. Wie realistisch ist das in Stuttgart? Der Bunkerexperte Norbert Prothmann erklärt es.

Digital Desk: Jan Georg Plavec (jgp)

Der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl hat angekündigt, vom Bund ein neues Konzept für Bunkeranlagen einzufordern. Es gelte, „das Undenkbare zu denken“ – also Kampfhandlungen in Deutschland, einen Angriff auf Stuttgart. Norbert Prothmann vom Verein „Forschungsgruppe Untertage“ ist Experte für die hiesigen Schutzbauten und erklärt, was geht und was nicht.

Herr Prothmann, wie viele Schutzbauten in Stuttgart könnten man wieder nutzbar machen?

2007 wurde die Zivilschutzbindung für diese Bauwerke aufgegeben, das waren damals in Stuttgart noch um die 30. Hinzu kamen etwa 20 neu gebaute Mehrzweckanlagen wie die Haltestelle Stadtmitte, das Parkhaus im Hauptbahnhof oder der Heslacher Tunnel. Zum Ende des Kalten Kriegs hatte Stuttgart etwa 75 000 ABC-Schutzplätze, also Räume, die bei einem Angriff mit atomaren, biologischen oder chemischen Waffen zumindest eine Weile sicher waren.

Das waren Plätze für nicht mal 15 Prozent der damaligen Bevölkerung.

Immerhin noch mehr als beispielsweise in Frankfurt. Aber es stimmt, man hätte im Kriegsfall mehr als drei Viertel der Bevölkerung aus Stuttgart evakuieren müssen, und zwar mindestens bis zur Schwäbischen Alb oder ins Allgäu. Wo hätten die dort unterkommen sollen? Der damals betriebene, durchaus beachtliche Aufwand hat also nur einem Bruchteil der Bevölkerung Schutz gebracht. Die Schutzbauten im Kalten Krieg waren Augenwischerei, eine Farce. Man kann sich gegen einen Atomkrieg nicht schützen.

Wie ist der Zustand der Stuttgarter Bunker?

Sehr unterschiedlich. Es gibt Bauwerke mit funktionierenden Türen und Sanitäranlagen. Die Lüftungsanlagen sind entweder abmontiert oder jedenfalls nicht mehr gewartet worden, das würde teuer. Es geht aber immer darum, wogegen man sich wappnen will. Reine Sprengmunition, dagegen kann man sich schützen. Wenn es um ABC-Waffen geht, wird es teuer.

Minister Strobl denkt auch an Bahntunnel und Ähnliches.

Dort könnte man durchaus Schutzplätze schaffen. Die sind zwar nicht ABC-sicher. In Syrien oder der Ukraine hat man aber gesehen, dass durchaus auch konventionelle Kriege geführt werden. In den S-Bahn-Tunneln ist Platz für viele Menschen und vor Druckwellen, Splittern und Bränden ist man dort geschützt, sofern genügend Frischluft hineinkommt. Vielleicht gilt das sogar für die noch zugänglichen Weltkriegsbunker, zum Beispiel im Eiernest oder unter dem Marienplatz.

Wie viel Zeit bleibt denn zwischen Luftalarm und Einschlag?

Im Zweiten Weltkrieg blieben den Menschen meistens 15 Minuten zwischen Luftalarm und Einschlag. In der Ukraine ist diese Zeit gleich Null. Das muss man beachten, wenn man die Schutzräume bereitstellt. Es schlagen nicht alle Raketen auf einmal ein. Aber es wäre in jedem Fall sehr chaotisch.

War es schädlich, die Bunker seit 2007 nicht mehr zu warten?

Ja, es sind ja zum Beispiel Hebeanlagen kaputtgegangen, die Feuchtigkeit hinauspumpen – etwa im Parkhaus am Hauptbahnhof. Zumindest ein Mindestprogramm hätte man weiterführen müssen, also die Technik inspizieren, Probeläufe machen und so weiter. Das hat früher das THW übernommen.