Das kleine Städtchen Burladingen auf der Schwäbischen Alb spielt in den bundesweiten Schlagzeilen nur selten eine Rolle. Und wenn, dann geht es meist um das prominente Gesicht der Stadt: Trigema-Chef Wolfgang Grupp, dessen Textilunternehmen seinen Sitz in der 12 000-Einwohner-Kommune hat. Im Jahr 2018 aber schaute ganz Deutschland nach Burladingen: Denn der Bürgermeister Harry Ebert – 1999 als parteiloser Kandidat angetreten – trat in die AfD ein. Damit war Ebert bis zu seinem Rücktritt im Jahr 2020 der erste und einzige AfD-Bürgermeister in Baden-Württemberg – und motivierte die Rechtspopulisten, bei den Kommunalwahlen 2019 eine eigene Liste für Burladingen aufzustellen. Mit Erfolg: Seitdem ist die AfD überhaupt erst im Burladinger Gemeinderat vertreten.
Burladingens Ex-Bürgermeister bezeichnete Stadträte als „Landeier“
Der erste gewählte hauptamtliche AfD-Bürgermeister Deutschlands kommt aber aus Raguhn-Jeßnitz (Sachsen-Anhalt): Hannes Loth setzte sich dort bei der Wahl am vergangenen Sonntag durch. Wird er länger durchhalten als Ebert in Burladingen, der nach nur zwei Jahren als AfD-Bürgermeister zurücktrat? Mit seinem Eintritt in die AfD brachte Ebert das ganze Städtchen in Aufruhr, Trigema-Chef Grupp forderte damals gar Neuwahlen – am Ende war Eberts Rücktritt unumgänglich.
Denn schon zuvor machte sich der Bürgermeister keine Freunde im Ort. 2017 sorgte er für einen Eklat, weil er die Burladinger Stadträte als „Landeier“ bezeichnet hatte. Als der Gemeinderat eine Flüchtlingsunterkunft besuchte, sprach er von „Asylantenschau“. Facebook-Likes für rechte Parolen und der Eintritt in die AfD taten ihr Übriges, dass Burladingen der Ruf einer rechtspopulistischen Hochburg drohte. Was ist heute noch vom Ärger dieser Zeit zu spüren – und welche Rolle spielt die AfD in dem Städtchen?
CDU-Fraktionschef: „Die AfD hat sich angepasst“
„Wir sind wieder auf die Sachebene zurückgekehrt“, sagt der CDU-Fraktionsvorsitzende Michael Eisele hörbar erleichtert. Dafür habe seit 2020 vor allem Eberts Nachfolger und Burladingens neuer Bürgermeister Davide Licht (parteilos) gesorgt, er sei ein „Macher“. Doch Reste der AfD sind in Burladingen auch ohne den ehemaligen Unruhestifter Ebert weiterhin vertreten: Auf vier von 28 Plätzen im Gemeinderat sitzen AfD-Stadträte. Bei der Kommunalwahl 2019 erreichten die Rechtspopulisten in der Kleinstadt mit 14,3 Prozent das zweitbeste Ergebnis nach Pforzheim (14,9 Prozent) und vor Rastatt (11,3 Prozent).
Anfangs – wohl mit dem Wissen des AfD-Rathauschefs im Rücken – trat die blaue Fraktion noch mit „AfD-typischen Statements“ auf, wie Eisele berichtet. Mittlerweile aber habe sich die Lage beruhigt: „Formulieren wir es so: Sie haben sich angepasst“, sagt der CDU-Mann und spricht sogar von einer konstruktiven Zusammenarbeit. Selbst die Grünen berichten, dass man auch schon Anträge der AfD unterstützt habe: „Wenn sie berechtigt waren“, sagt deren Fraktionschef Peter Thriemer und meint: „Um was für die Stadt zu bewegen, kann man nicht auf eine pauschale Blockadehaltung setzen.“
Fraktionsvorsitzender der Grünen: „Sie gehen mit ihren Parolen spazieren“
Auch die AfD selbst setzt in Burladingen statt auf Konfrontation auf Kooperation mit den anderen Fraktionen: „Das Parteibuch ist zweitrangig, wir machen Politik für die Bürger, da können sich Landtage und Bundestag eine Scheibe abschneiden“, sagt der AfD-Fraktionsvorsitzende Joachim Steyer, der für die Partei auch im Landtag sitzt.
Verharmlost werden die Rechtspopulisten aber auch in Burladingen nicht: „Man muss sich schon bewusst sein, welche Inhalte hinter der AfD stecken“, mahnt Eisele (CDU). Und Thriemer (Grüne) berichtet: „Die AfD tut das, was sie in anderen Parlamenten auch zu erkennen gibt: Sie gehen mit ihren Parolen spazieren.“ Der Fraktionschef der Grünen glaubt, dass die Rechtspopulisten auch nach den Kommunalwahlen im kommenden Jahr weiterhin Teil des Gemeinderats sein werden, „wir sehen ja, was die Partei bundesweit für einen Zulauf hat“.
Doch um einen Bürgermeister zu stellen, dafür fehlt der AfD in Baden-Württemberg auf kommunaler Ebene noch einiges. „Die AfD ist von der Mehrheitsfähigkeit in den Städten in Baden-Württemberg meilenweit entfernt“, sagt etwa der Freiburger Politikwissenschaftler Michael Wehner. Wenn überhaupt, dann müsste der Rathauschef während seiner Amtszeit in die Partei eintreten – wie damals Harry Ebert. Und danach sieht es derzeit nicht aus.