Krimikolumne

Charles Lewinsky: „Der Wille des Volkes“ Verstörende Schweiz

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Die Schweiz ein Idyll? In seinem Roman „Der Wille des Volkes“ schildert Charles Lewinsky sie eher als spießbürgerlichen Überwachungsstaat – ziemlich verstörend, wie der „Killer & Co.“-Kritiker Hans Jörg Wangner meint.

Charles Lewinsky schildert eine Alpenrepublik mit beträchtlichem Gruselfaktor. Foto: Florian Kalotay
Charles Lewinsky schildert eine Alpenrepublik mit beträchtlichem Gruselfaktor. Foto: Florian Kalotay

Stuttgart - Das Schicksal kleiner Länder ist, dass ihnen gern putzige Klischees angepappt werden. Österreich zum Beispiel hat es mit Sissi und Schlagobers, die Schweiz eher mit Käse und Kühen. Doch die Realität sieht anders aus, was sich natürlich auch in der Literatur niederschlägt – besonders in der, die in der nahen Zukunft spielt. Denn sie basiert auf dem, was momentan im Schwange ist. Hat Gudrun Lerchbaum in ihrem bedrückenden „Lügenland“ ein faschistoides Österreich gezeichnet, so schildert Charles Lewinsky in „Der Wille des Volkes“ eine rechtspopulistische Schweiz, die genauso wenig heimelig ist.

Kontrolliert von freiwilligen Hipos

Rechte Spießer haben bei Lewinsky das Ruder der Alpenrepublik übernommen und einen Überwachungsstaat installiert, der pingelig über innere, also ideologische, wie äußere Sauberkeit wacht. Doch abgesehen von der totalen Kontrolle durch freiwillige Hilfspolizisten, die Hipos, ist das Leben auch sonst nicht sehr angenehm für die Leute. Die frühere Mittelschicht ist verarmt, und so muss auch die Hauptperson, der ehemalige Redakteur Kurt Weilemann, sehen, wie weit er mit seiner schmalen Rente kommt.

Weilemann ist ein alter Grantler, der sich über die jungen Journalisten echauffiert, die ihn allenfalls noch mit kümmerlichen Nachrufen auf Leute „die er noch gekannt haben muss“, beauftragen. Doch auch zu seinen Altersgenossen hat Weilemann kein besonders inniges Verhältnis. Und so ist er ziemlich erstaunt, als ein früherer Kollege Kontakt zu ihm aufnimmt und einen großen Skandal andeutet. Gleich darauf nimmt sich der Kollege angeblich das Leben. Doch für Weilemann ist klar, dass die offizielle Todesversion nicht stimmen kann. Er beginnt zu recherchieren und sieht sich ziemlich schnell selbst in Lebensgefahr.

Logisch, logischer, am logischsten

Charles Lewinskys Roman mit dem doppelsinnigen Titel lebt von seiner Atmosphäre und der geschickten Whodunnit-Struktur eines Krimis. Und er lebt auch von den Ansichten des mürrischen Alten über die Journalisten von heute. Auch wenn er an einer Stelle nicht besser ist als die Gescholtenen, weil er von „logisch“ einen Komparativ bildet (an dieser Stelle möge man sich einen dieser modernen Grinse-Smileys vorstellen).

Charles Lewinsky: Der Wille des Volkes. Kriminalroman. Nagel & Kimche. 384 Seiten. 24 Euro. E-Book 17,99 Euro.