Chef der Ludwigsburger Ausländerbehörde „Du brauchst am Schalter eigentlich ein Jura-Studium“

Jürgen Schindler leitet in Ludwigsburg den Fachbereich Bürgerdienste, zu dem auch die Ausländerbehörde zählt. Foto: Werner Kuhnle

Vor dem Hintergrund des Chaos bei der Ausländerbehörde in Stuttgart kritisiert der in Ludwigsburg zuständige Amtsleiter das im Laufe der Jahre verkomplizierte Ausländerrecht. Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz etwa habe „null Ertrag“ gebracht.

Während in der Stuttgarter Ausländerbehörde das Chaos herrscht und Menschen teilweise 19 Stunden lang warten müssen und vor dem Gebäude campen, haben eine halbe Stunde Autofahrt nördlich die Ludwigsburger die Situation in ihrer Behörde offenbar besser im Griff. „Das kann man mit Stuttgart nicht vergleichen, mit ewig langen Warteschlangen haben wir kein Problem“, sagt Ulrich Essig-Haile vom ökumenischen Arbeitskreis Asyl in Ludwigsburg, der Geflüchtete dabei unterstützt, hierzulande Fuß zu fassen. Die Ausländerbehörde ist dabei ein wichtiger Partner, man stehe in engem und regelmäßigem Kontakt.

 

„Früher war klar definiert, wer eine Aufenthaltserlaubnis bekommt“

Die Verantwortung für einen möglichst reibungslosen Ablauf vor Ort trägt Jürgen Schindler, der Leiter des Fachbereichs Bürgerdienste, zu dem auch das Ausländeramt zählt. Bereits seit 1986 hält er der Behörde die Treue – deutlich länger als viele andere, wie etwa die verzweifelte Suche nach Personal in Stuttgart zeigt: In der Landeshauptstadt sind von etwa 170 Stellen 45 nicht besetzt. Das Ausländeramt scheint für die Beschäftigten einer Stadt nicht unbedingt der attraktivste Arbeitsort zu sein. Schindler aber liegt die Behörde am Herzen.

Vor mehr als 35 Jahren hat er in Ludwigsburg am Schalter angefangen. Seitdem habe sich vieles verändert. „Heute brauchst du eigentlich ein Jura-Studium, um am Schalter zu sitzen“, klagt Schindler. Zu seinen Anfängen sei das einfacher gewesen: „Damals war klar definiert, wer eine Aufenthaltserlaubnis bekommt – und wer nicht“, berichtet er. Doch im Laufe der Zeit sei das Ausländerrecht in Deutschland immer weiter verkompliziert worden. So habe etwa auch das Fachkräfteeinwanderungsgesetzt bisher „null Ertrag“ gebracht, sagt Schindler. Weil es viel zu kompliziert sei.

Google-Bewertungen interessieren den Amtsleiter nicht

Dabei ist Deutschland beim Fachkräftemangel auf Zuwanderung aus dem Ausland angewiesen. „Auch Leute, die seit 20 Jahren hier arbeiten, berichten heute von Fällen, die sie in der Komplexität noch nie bearbeitet haben“, sagt Schindler. Und neue Sachbearbeiter am Schalter müssten immer länger mit speziellen Schulungen eingearbeitet werden: „Es dauert ein Jahr, bis sie selbstständig arbeiten können“, klagt er.

Über insgesamt 20 Mitarbeiter verfügt die Ludwigsburger Ausländerbehörde, im Zuge des Ukraine-Kriegs kamen acht neue Kräfte hinzu, um den Zustrom an Geflüchteten aus dem von Russland angegriffenen Land zu bewältigen. Es war das Ergebnis eines internen Arbeitskreises: „So haben wir die Fälle von 1200 Ukrainern innerhalb kürzester Zeit abgearbeitet“, sagt Schindler. Man habe sich eineinhalb Jahre Zeit genommen, um genau zu prüfen, was die Ausländerbehörde brauche, damit die Abläufe beschleunigt werden.

Die Beschäftigten kümmern sich um insgesamt 23 000 Ausländer, darunter 13 500 Menschen aus Nicht-EU-Ländern. Mit der Arbeit der Behörde sei der Großteil zufrieden, bei Befragungen nach Kriterien wie Wartezeit oder Freundlichkeit der Mitarbeiter „bekommen wir immer Schulnoten zwischen 1 und 2“, berichtet Schindler. Google-Bewertungen interessieren den Amtsleiter nicht. Da steht Ludwigsburg im Mittelfeld bei 2,5 von fünf möglichen Sternen – vor den Ausländerbehörden in Stuttgart (1,7 Sterne) und Esslingen (1,5 Sterne).

Wenn es schnell gehen muss, gibt es eine Notfallnummer

Doch auch wenn sich in Ludwigsburg keine langen Warteschlangen vor der Ausländerbehörde – wie etwa in Stuttgart – bilden, sei die Wartezeit bis zu einem Termin zu lange, heißt es vom ökumenischen Arbeitskreis Asyl. Laut Schindler dauert es zwei Monate von Terminvereinbarung bis zum tatsächlichen Termin. „Wenn sich das zieht, und es um die Verlängerung der Duldung geht oder jemand eine Ausbildung beginnt, ist das für die Geflüchteten ein riesen Problem“, sagt Ulrich Essig-Haile. Mittlerweile habe man sich mit der Ausländerbehörde deshalb auf eine Notfallnummer geeinigt: Wenn es schnell gehen muss, könnten dort die Ehrenamtlichen, die die Geflüchteten betreuen, anrufen und Nottermine vereinbaren.

Doch auch in Ludwigsburg sei die Lage nicht einfach, Haile berichtet: „Hier haben sie ebenfalls Probleme, Personal zu finden.“ Derzeit seien drei offene Stellen ausgeschrieben, sagt Schindler, auf diese gebe es aber bereits „vielversprechende Bewerbungen“: „Auch aus dem Bürgerbüro – das zeigt, dass es bei uns nicht so chaotisch zugehen kann.“ Nicht so chaotisch wie in Stuttgart? Da bleibt Schindler zurückhaltend: „Ich kann nur bewerten, wie es bei uns läuft.“

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