Stuttgart Wie Chefstratege Körner im Rathaus ankommt

Martin Körner hat viele Themenfelder zu beackern. Die Resonanz auf seine ersten 100 Tage im Amt fällt durchaus gemischt aus. Foto: Lg/Piechowski

Seit 100 Tagen ist der vormalige SPD-Fraktionschef Martin Körner neuer Chefstratege im Rathaus und kümmert sich vor allem um Zukunftsthemen. Wie kommt sein Wirken an?

Martin Körner empfängt im selben taubenblauen Anzug, den er schon im OB-Wahlkampf vor zwei Jahren bevorzugte, in seinem neuen Büro im ersten Stock des Stuttgarter Rathauses. Auf zwei Whiteboards hat er einen bunten Strauß von Zukunftsthemen aufgelistet, um die er sich als neuer Chefstratege von OB Frank Nopper (CDU) kümmern will. Ende Mai hatte der Rathauschef den damaligen SPD-Fraktionschef überraschend für die Position vorgeschlagen, seit gut 100 Tagen ist Körner nun Leiter des mit 30 Mitarbeitern ausgestatteten Grundsatzreferats für Klimaschutz, Mobilität und Wohnen, wie sein neues Aufgabengebiet offiziell heißt.

 

Ein Interview hatte der sonst durchaus medienaffine Körner im Vorfeld abgelehnt. Er wolle ungern so wahrgenommen werden, als ob er sich in den Vordergrund spielen wolle. Das entspräche nicht seinem jetzigen Job. Im Klartext: Es soll auf keinen Fall der Eindruck entstehen, dass da einer dem OB die Funktion des Taktgebers im Rathaus streitig macht, wie im Rathaus zunächst gemunkelt wurde. Er wolle kein Neben-OB sein, versichert Körner im Gespräch.

Körner: Berufung zum Chefstrategen war keine Ad-hoc-Entscheidung

Den Rollenwechsel – vom rhetorisch versierten, mitunter scharfzüngigen Anführer der unter seiner Führung auf sieben Stadträte geschrumpften SPD im Rathaus auf die Verwaltungsebene – hat der 51-Jährige also vollzogen, obwohl er einräumt, dass es ihn als Stadtrat noch gelegentlich „pfupfert“, sich einzumischen, wenn es im Gemeinderat mal wieder heiß hergeht. Doch jetzt ist es seine Aufgabe, Nopper den Rücken freizuhalten und „die Haltung des OBs bei wichtigen Entscheidungen zur Geltung zu bringen“, wie er es selbst formuliert. Er sei gut angekommen im neuen Job, sagt er. Wie aber kommt das Wirken des Chefstrategen im Rathaus an?

Das Verhältnis zu seinem Chef und den Beigeordneten sei gut, mit Nopper arbeite er gern und vertrauensvoll zusammen, sagt Körner. Es sei ihm eine Ehre gewesen, dass Nopper, mit dem er schon als Kandidat im OB-Wahlkampf 2020 „wie auch mit Veronika Kienzle von den Grünen einen kollegialen und fairen Austausch gepflegt“ habe, ihn gefragt habe, ob er die Position an der zentralen Schaltstelle im Rathaus übernehmen wolle. Wie lange die beiden darüber schon im Gespräch waren, bevor Nopper die Personalie Ende Mai offiziell verkündete, darüber hüllt sich Körner in Schweigen. Nur soviel lässt er durchblicken: „Es war definitiv keine Ad-hoc-Entscheidung.“ Diverse Kandidaten aus seiner CDU hatten Nopper nach Informationen unserer Zeitung zuvor einen Korb gegeben – der Rathauschef selbst dementierte dies allerdings. Bei der CDU sorgte die Berufung des SPD-Mannes zum engsten Berater „ihres“ OBs seinerzeit für heftige Irritationen.

Kritik, Skepsis und Lob für den neuen Adlatus von OB Frank Nopper (CDU)

Im Gespräch lobt Körner Noppers „kommunalpolitischen Pragmatismus, seine Fähigkeit, milieuübergreifend auf Menschen zuzugehen, seine Offenheit, seine Kompromiss- und Kritikfähigkeit“. Vor allem wolle der OB Ergebnisse sehen: „Pläne sind wichtig, aber deren Umsetzung ist ihm noch wichtiger.“ Wie beim 100-Millionen-Euro-Paket für die Stadtwerke, das der Gemeinderat „auf OB-Vorschlag“ (Körner) vor der Sommerpause verabschiedete und das helfen soll, Stuttgart bis 2035 klimaneutral zu machen. Zuvor hatte Körner hinter den Kulissen die Strippen gezogen, seine alten Kontakte zu den Ratsfraktionen genutzt, um im Vorfeld Stolpersteine aus dem Weg zu räumen und Mehrheiten zu organisieren. Selbst Hannes Rockenbauch vom Linksbündnis räumt ein, Körner habe da „clever gedealt“ – auch wenn Rockenbauch solche nichtöffentlichen Absprachen im Vorfeld ein Graus sind. „Wer im Tandem Nopper/Körner Koch und wer Kellner ist, muss sich erst noch herausstellen“, meint der Linksbündnis-Chef. 100 Tage seien für ein Urteil zu kurz. Es gebe aber, so beobachtete er, eine Arbeitsteilung zwischen „zwei verschiedenen Charakteren“: Körner agiere als eine Art Schatten-OB und spreche oft in dessen Namen, während der Amtsinhaber selbst „von Fassanstich zu Fassanstich eilt“. CDU-Fraktionschef Alexander Kotz hat ein ganz anderes Bild bekommen: „Martin Körner treibt die wichtigen städtischen Themen voran, er kümmert sich – gerade auch ums Thema Wohnen.“ Der gute Draht zum OB sei dabei ein Vorteil.

Grüner fordert klare Rollenverteilung

Aber greift so ein Urteil den Dingen nicht voraus? Andreas Winter, Fraktionsvorsitzender der Grünen, ist vorsichtig. In die 100 Tage falle auch eine achtwöchige kommunalpolitische Sommerpause. Erst kurz davor sei der Zielbeschluss zur Klimaneutralität im Jahr 2035 gefasst worden. Die Stadt müsse an Strategien feilen, Querschnittaufgaben neu organisieren, wichtige Dinge in die Umsetzung bringen. Einer allein wäre überfordert. Eine Messlatte legt Winter aber auf: Körner habe als SPD-Fraktionschef rege Ansprüche an die Verwaltung adressiert – „jetzt ist er selbst Adressat dieser Ansprüche“. Der SPD-Kreischef (und Stadtrat) Dejan Perc meint, Körners Stärke sei es, dass er Ämter miteinander ins Gespräch bringen könne. Er habe aber auch bei der Klimavorlage federführend gewirkt. Mit mehr inhaltlichen Impulsen sei erst im Herbst zu rechnen, denn Körner habe zunächst seinen Bereich neu organisiert.

OB: „Zwischen Martin Körner und mir gibt es keine Rivalität.“

In manchen Ämtern reagierte man zunächst eher ungehalten auf Körners Umtriebigkeit und bescheinigte ihm hemdsärmeligen Aktionismus. „Am Anfang hat es ziemlich geholpert“, umschreibt ein Rathaus-Insider die Stimmung. Die Kommunikations- und Arbeitsweise in einer Verwaltung sei eben etwas anderes als das politische Tagesgeschäft, das habe auch der neue Chefstratege erst lernen müssen. Andere werden deutlicher: Es fehle Körner an Verständnis für die Verwaltungsarbeit, darin sei er seinem Chef nicht unähnlich. Zudem drängt sich bei manchen der Eindruck auf, Körner verfolge als Chefstratege weiterhin seine Agenda aus dem OB-Wahlkampf, und Nopper lasse ihn gewähren. Fazit der Kritiker: „Da ist noch viel Luft nach oben.“

Nopper lobt die Arbeit von Körner

Der OB selbst gibt Körners Komplimente zurück. Zwar sei es nach 100 Tagen noch nicht möglich, dessen Wirken umfassend zu beurteilen. Körner gebe aber „viele gute Hinweise und Impulse“, gerade beim Thema Klimaschutz/Stadtwerke oder was die Optimierung des ÖPNV-Angebots in Stuttgart angehe. „Wir entwickeln zusammen Ideen, es gibt keine Spur von Rivalität zwischen uns. Die Zusammenarbeit ist ausgesprochen vertrauensvoll und fruchtbar“, so Nopper.

Spekulationen, Körner nutzte seine Position dazu, sich 2028 nochmals als OB-Kandidat in Stuttgart oder vorher schon anderswo im Ländle ins Spiel zu bringen, weist der 2020 mit knapp zehn Prozent der Wählerstimmen nach dem ersten Wahlgang ausgeschiedene SPD-Mann weit von sich: „Daran verschwende ich keinen Gedanken.“

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