Comeback im Asperger Gemeinderat? Geschasster Ex-Staatssekretär Jürgen Walter tritt noch mal an

Jürgen Walter will seine politische Erfahrung im Asperger Rathaus einbringen. Foto: Simon Granville

Jürgen Walter war im Landtag Staatssekretär. Dann sägte ihn seine Grünen-Partei ab. Jetzt kandidiert er im Wohnort Asperg (Kreis Ludwigsburg) für den Gemeinderat. Warum er gegen eine LEA auf dem Schanzacker ist und indirekt Kritik an Habeck übt.

Ludwigsburg: Oliver von Schaewen (ole)

Jürgen Walter spricht selbst von einer „Ehrenkandidatur“. Listenplatz 16 auf der Liste der Asperger Grünen. Räumt er sich Chancen ein? „Warten wir es ab“, sagt er. „Wenn ich gewählt werde, ist es für mich ein vollwertiges Amt.“ Dass der 66-Jährige es noch einmal wissen will, ist nicht selbstverständlich. Kommunalpolitik gilt als hartes Brot – erst recht für jemanden aus den Reihen der Grünen, die wegen ihrer Klimaschutzpolitik zuletzt massive Anfeindungen auf sich zogen, spürbar etwa vor den Landtagswahlen in Bayern im Oktober 2023.

 

Die Politik vor der Haustüre reizt den 66-Jährigen immer noch

In diesem Umfeld wirkt Walter wie ein erratischer Block, der den Stürmen des klimapolitischen Rollbacks trotzt. „Das sind alles Scheindiskussionen“, sagt er fast trotzig mit Blick auf Forderungen rechter Kreise, die Atomkraft für billigeren Strom zu reaktivieren. Walters politisches Credo hat sich nach 50 Jahren nicht verändert: „Wir müssen alles tun, um unseren Nachkommen die Erde halbwegs tauglich zu hinterlassen.“ Er wolle den Ortsverband darin unterstützen und den Ort mitgestalten – etwa wenn das Gefängniskrankenhaus am Hohenasperg wegziehe und der Traum von einem freien Berg endlich wahr werde. „Wir haben ja auch schon etwas erreicht“, sagt er und erzählt von den bisherigen Veränderungen auf dem historienträchtigen Hügel. Dort, wo ein Förderverein schon ein Museum etablierte, in dem die Geschichte der politisch Inhaftierten durch die Jahrhunderte aufgearbeitet wurde.

Im Gespräch wird schnell klar: Jürgen Walter hat das abrupte Ende seiner politischen Karriere vor drei Jahren verarbeitet. Damals drängte ihn die Partei nach fast drei Jahrzehnten im Landtag dazu, nicht mehr zu kandidieren. Walter wehrte sich. Nannte in Interviews aber nicht Ross und Reiter – er wolle auch jetzt keine schmutzige Wäsche waschen. Mittlerweile blicke er ohne Groll zurück, die konstruktive Arbeit im Kreistag von 2019 bis jetzt habe er „wie eine Oase“ wahrgenommen. Und überhaupt: „Man sollte sich nicht zu sehr mit Altem beschäftigen.“ Für den Kreistag wolle er nicht mehr kandidieren, weil er Jüngere ans Ruder lassen wolle und es in der Fraktion einen Generationenwechsel gebe. Vor drei Jahren war in Teilen der Partei vermutet worden, dass die damalige Landesvorsitzende und heutige Bundestagsabgeordnete Sandra Detzer eine Gegenkandidatin für Walter wollte.

Walter holte im Jahr 2016 das Direktmandat in seinem Wahlkreis

Der Asperger ist seit 1983 in der Partei und gilt dort als Urgestein. Die Kultur war für den ehemaligen Studenten der Anglistik und Germanistik immer ein Bezugspunkt. Sechs Jahre lang organisierte er Jazzkonzerte und Kabarettabende im Ludwigsburger Scala. Im Jahr 1992 zog er erstmals in den Landtag ein. Nach dem Wahlsieg Winfried Kretschmanns bekleidete er von 2011 bis 2016 in der Regierung die Position des Staatssekretärs im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst. Walters beste Zeit. Er holte 2016 das Direktmandat. Fünf Jahre später folgte das unfreiwillige Aus.

Seitdem ist Gras über die Sache gewachsen. Jürgen Walter sieht sich im Frieden mit seiner Partei. Geblieben sind ihm viele Erinnerungen und gelegentliche Treffen mit alten Weggefährten, auch aus der CDU. Den Kontakt zum Asperger Grünen-Ortsverband habe er aber nie abreißen lassen, zumal es menschlich passte. „Da sind bis heute richtige Freundschaften geblieben.“ Gepflegte Debatten fast philosophischer Art, wie er sie mit Rezzo Schlauch und anderen Grünen der ersten Stunde führte, gehören der Vergangenheit an. Walter beobachtet eine „zunehmende Verwahrlosung der politischen Debatte“. Es fehle auch Wissen. Einem jüngeren Parteifreund, der erzählte, er habe schon drei Rhetorikkurse belegt, riet er, „doch jetzt auch mal das ein oder andere Buch zu lesen“.

Das Urgestein der Grünen mahnt Fairness im politischen Umgang an

Den rüden Umgang mit den Grünen lastet Jürgen Walter auch CDU/CSU-Politikern wie Friedrich Merz oder Markus Söder an. „Man sollte schon heftig streiten, aber es darf nie ins Persönliche gehen.“ Fairness sei gegenüber dem politischen Gegner geboten, „denn du weißt nie, mit wem du in der jetzigen Lage später einmal koalieren musst“.

Auch wenn Walters Horizont in die Bundes- und Landespolitik reicht, er sieht sich in Asperg verwurzelt, wo er ja auch von 1989 bis 2011 im Gemeinderat saß, aber wegen seiner Regierungstätigkeit ausscheiden musste. „Wir Grünen haben schon in den 1990er-Jahren im Freibad mit Solar heizen wollen“, sagt er und belegt das mit dem Jahresverbrauch von 1,2 Millionen Kubikmeter Gas im Jahr 2022, der ihm von der Asperger Kämmerei genannt worden sei. „Wir hätten bis heute viele Tonnen CO2 einsparen können.“ Es berühre ihn, wenn er sehe, wie gedankenlos manche Menschen mit der Umwelt umgingen. Als Politiker müsse man versuchen, die ökologischen Ideen in die Mitte der Gesellschaft zu tragen. Gelinge dies nicht, wie bei der auch seiner Meinung nach misslungenen Initiative für CO2-ärmere Heizanlagen, erleide man Schiffbruch.

Der Grüne Jürgen Walter ist gegen eine Lea am Schanzacker

Das Herz des Kommunalpolitikers Walter schlägt aber auch vor allem dann ganz für den Ort, wenn es um die umstrittene Bebauung des Gebiets Schanzacker am Fuße des Hohenaspergs geht. Er wolle eine Landeserstaufnahme (Lea) mit Massenunterkünften dort verhindern und sei grundsätzlich gegen eine Bebauung des unter Landschaftsschutz stehenden Gebiets.

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