Corona-Demos in Stuttgart Gewerkschaft des Überfall-Opfers setzt Belohnung aus

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Brennende Veranstaltungstechnik und ein Mann im Koma waren das traurige Ergebnis der Demo gegen die Corona-Beschränkungen am 16. Mai. Jetzt meldet sich die politisch rechts einzuordnende Gewerkschaft des Opfers zu Wort.

Gewerkschaftschef Oliver Hilburger 2019 bei einer Demo gegen das Diesel-Fahrverbot in Stuttgart (Archivbild) Foto: Oliver Willikonsky/Lichtgut
Gewerkschaftschef Oliver Hilburger 2019 bei einer Demo gegen das Diesel-Fahrverbot in Stuttgart (Archivbild) Foto: Oliver Willikonsky/Lichtgut

Stuttgart - Die Demo gegen die Corona-Beschränkungen auf dem Cannstatter Wasen vergangenen Samstag ist gehörig aus dem Ruder gelaufen. Im Vorfeld fackelten Unbekannte Veranstaltungstechnik ab, am Rande der Demonstration am 16. Mai kam es zu einem Überfall, bei dem ein Teilnehmer lebensgefährlich verletzt wurde und offenbar bis heute im Koma liegt. Das Opfer ist Daimler-Betriebsrat und Mitglied der umstrittenen Gewerkschaft Zentrum Automobil, der Kritiker eine Nähe zur AfD nachsagen. Diese hat sich jetzt erstmals seit dem Vorfall geäußert und lobt für sachdienliche Hinweise bei der Polizei eine Belohnung in Höhe von 10.000 Euro aus.

Außerdem gibt die in Stuttgart vor allem bei Daimler aktive Gewerkschaft in einem Schreiben vom Freitagabend und in einem Video ihre Sicht der Dinge wieder. Demnach sei dem Opfer bei dem Überfall der Vermummten eine Gaspistole an den Kopf gehalten worden, der Täter drückte ab. Eine Darstellung, wie sie auch zuvor schon in sozialen Netzwerken kursierte. Die Polizei, die wegen eines versuchten Tötungsdelikts ermittelt, wollte auf Nachfrage nicht bestätigen, dass es sich so zugetragen hat. „Wir äußern uns nicht zu den laufenden Ermittlungen“, sagte ein Sprecher am Abend.

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Dass am Tatort eine Gaspistole gefunden wurde, ist allerdings polizeilich verbrieft. Jedoch ist aus Ermittlersicht bislang unklar, ob einer der Angreifer auch damit geschossen hat. Auch andere Mitglieder der Gewerkschaft seien bei dem Angriff leicht verletzt worden, an dem laut Polizei zehn bis 40 Personen, laut Zentrum Automobil 50 beteiligt gewesen sein sollen.

Hilburger spielte in einer Rechtsrock-Band

Oliver Hilburger, Chef der Gewerkschaft, macht in dem jüngst veröffentlichen Video „jahrelange Hetze allen voran durch die Funktionsträger der IG Metall“ für den Angriff verantwortlich. Bei der IG Metall war am Freitagabend niemand zu erreichen. Hilburger antwortete auf eine Mitte der Woche versendete Anfrage unserer Redaktion zu dem Vorfall ebenfalls nicht. Bereits nach der vorangegangenen Demo gegen die Maßnahmen der Corona-Beschränkungen eine Woche zuvor veröffentlichte Hilburger ein Video, in dem er sagte, von „linken Terroristen“ auf dem Nachhauseweg verfolgt worden zu sein.

Auch aus linken Stuttgarter Kreisen war nichts zu dem Angriff auf die Gewerkschafter in Erfahrung zu bringen. „So was spricht sich nicht herum“, sagt ein in der linken Szene aktiver Mann. Ein anderer schließt einen politischen Hintergrund nicht aus. Die Polizei hält eine politische Motivation sogar für sehr wahrscheinlich, ermittle aber in alle Richtungen.

Zumindest das politische Profil der Gewerkschaft Zentrum Automobil und vor allem ihres Chefs könnte sie zur Zielscheibe von gewaltbereiter Antifa-Gruppen machen. Oliver Hilburger spielte etwa in der Rechtsrockband Noie Werte Gitarre, der NSU verwendete die Musik zur Untermalung seiner Videos. Hilburger pflegt Kontakte zu AfD-Politikern, tritt mit ihnen zusammen bei Veranstaltungen auf. Es existieren Bilder, die ihn beim kumpelhaften Handschlag mit dem Pegida-Initiator Lutz Bachmann zeigen.

Belohnung unübliche Praxis

Dass eine Gewerkschaft Belohnungen für die Aufklärung von Gewalttaten gegen Mitglieder verspricht, ist eine unübliche Praxis. Allerdings ist es zumindest in der jüngeren Geschichte der lebendigen Stuttgarter Protestkultur auch ein Novum, dass Demonstranten nach Auseinandersetzungen im Koma landen. Das hat es bei den sogenannten „Demos für alle“, zu deren Teilnehmern auch immer Rechtsextreme zählten, nicht gegeben und auch bei keiner AfD-Demonstration – trotz zahlreicher linker Aktivisten, die immer versuchten, diese Veranstaltungen zu stören.

Auch wenn viele Hilburgers politische Positionen womöglich ablehnen, hat er vielleicht doch Recht damit, wenn er im Video von einer neuen Eskalationsstufe spricht. Verfeindeter als heute dürften sich die politischen Ränder in Stuttgart selten gegenübergestanden haben, sollte der Angriff tatsächlich politisch motiviert gewesen sein. An diesem Samstag sind die nächsten, nach dem Ausstieg des Veranstalters etwas anders organisierten Demonstrationen in Stuttgart gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen angekündigt. Ob Oliver Hilburger, Zentrum Automobil und deren Gegner dort erneut aufeinandertreffen werden?




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